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Günther Hornig, der Störbildner

Ausstellung in Städtischer Galerie Dresden Günther Hornig, der Störbildner

Es ist kaum ein dreiviertel Jahr her, als der Dresdner Maler Günther Hornig plötzlich starb. Nun widmet ihm die Städtische Galerie eine angemessene Retrospektive. Sie unterstreicht nachhaltig, wie stark die Dresdner Abstraktion mehr und mehr öffentlich wahrgenommen wird.

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Günther Hornig. TAS-si, 2008 (Nachlass Günther Hornig).

Quelle: Städtische Galerie Dresden, Franz Zadnicek

Dresden. Wer die langen Vorlaufzeiten musealer Planung kennt, durfte von der Ankündigung einer Günther-Hornig-Ausstellung positiv überrascht sein, kaum ein dreiviertel Jahr nach seinem plötzlichen Tode. Die Städtische Galerie beweist nach ihrem überzeugenden Otto-Griebel-Projekt mit der nun eröffneten Exposition erneut ihren intuitiven Spürsinn bei der Ausleuchtung eines abgedunkelten Kapitels Dresdner Kunstgeschichte. Und wieder basiert der sich wohl auch in diesem Fall schnell einstellende Erfolg auf der Kraft eines kleinen Teams, das in kurzer Zeit, maßgeblich verantwortet von der Volontärin Angelina Vollenweider, empirische Forschung und kuratorische Arbeit meisterte, während anderenorts diese Balance oftmals nur eitle Ankündigung bleibt.

So lobenswert die kurze Vorgeschichte dieser Retrospektive erscheint, so überzeugend wirkt die zu einer farbheiteren Souveränität findende Bildwelt des Dresdner Künstlers, der hier mit Werkgruppen aus allen biografischen Etappen vertreten ist. Es beginnt mit seinen informellen Collagen, noch ganz den Vorbildern seiner frühen Jahre verpflichtet, vor allem dem Lehrer Herbert Kunze. Es führt über die grandiosen Material- und Strukturbilder, ab Ende der 1970er Jahre entstanden, schließlich zu einem konstruktiv entfalteten Farbkosmos, der sich in den seit den späten 1980er Jahren mit Acryl gemalten Bildern wie auch in seinen Objekten und Skulpturen repräsentiert. Dabei ist auffallend, dass der gesellschaftliche Bruch der „Wende“ keine spürbaren Auswirkungen auf die Bildproduktion entfaltet. Warum auch, wurde doch der Umgang mit dynamischen Systemen und seinen Wandlungsphänomenen für den Störbildner einer Gegenordnung zur prinzipiellen Gestaltidee.

Günther Hornig

Günther Hornig. Nr. 12, um 1992.

Quelle: Städtische Galerie Dresden, Franz Zadnicek

Das Kunsthaus in Loschwitz, wo Günther Hornig seit 1963 lebte und das er auch nach 1989 nicht verließ, war nicht nur ein gesuchter Wohn- und Arbeitsort nonkonformer Künstler, deren beleuchtete Atelierfenster die Anwesenheit des Hoffnung spendenden Anderen symbolisierten. Abseits des lärmenden DDR-Kunstsystems – dies belegt die Ausstellung bedeutsam ganz im Nebenher – wurde es mit seinen Halbgeschossen zugleich zum labyrinthischen Domizil für die Inkubationszeit einer ostdeutschen Parallelmoderne. Deren Bewohner, von Max Uhlig über Klaus Dennhardt bis Hermann Glöckner, begegneten sich hier in respektvoller Halbdistanz, von denen Hornigs stille Noblesse des zwischenmenschlichen Miteinanders zweifellos geprägt blieb. Seine in der Ausstellung gezeigten Turmskulpturen, zumeist aus Pappe gebaut und in einer Zeit existenzieller Krise begonnen, wirken vor diesem Hintergrund wie utopische Architekturen fortgesetzter Selbstbefragung einer in die Reserve gedrängten Avantgarde.

Was mit Recht immer betont wird und doch oftmals das Eigentliche des Künstlers verdeckt, ist seine fortgesetzte Ausstrahlung in jüngere Generationen hinein. Günther Hornig wurde an der Hochschule für Bildende Künste Dresden, wo er seit 1963 zunächst als Aspirant, dann als Dozent und schließlich als langjähriger Hochschullehrer wirkte, zu einem herausragenden Lehrer, der, wie wenige neben ihm, Resonanzen bis in jüngste Absolventenjahrgänge hinein entwickelt. Sein an der institutionellen Peripherie gegen die SED behauptetes Lehrmodell, wo er im Grundlagenstudium des Fachbereichs Bühnenbild Freiräume besetzte und hier so etwas wie eine Fachklasse für experimentelle Kunst betrieb, hat nicht nur die Akteure der Dresdner Autoperforationsartisten um Via Lewandowsky und Else Gabriel geprägt. Auch ehemalige Studenten und heute einflussreiche Künstler wie Thorsten Scheibitz betonen noch heute den Einfluss seiner auch nach 1989 mit der Konvention brechenden Kunstvermittlung, wo er von 1993 bis zu seiner Emeritierung 2002 als Professor einer Fachklasse für Malerei und Grafik lehrte.

Die plötzliche Entdeckung der Dresdner Abstraktion, deren Bedeutung uns mit dieser bemerkenswerten Günther Hornig-Ausstellung vor Augen geführt wird, beruht freilich zu großen Stücken auch auf einer Marktkonjunktur. Im letzten Jahr führten Initiativen der Galerie eigen+art (Berlin/Leipzig) sowie der Galerie Gebrüder Lehmann (Dresden/Berlin) zu einer neuartigen Präsenz. Mit Kreativität und zunächst auch wirtschaftlichem Risiko zeigten die beiden Galerien jene lange abgedrängten Künstler. Katalytisch wirkte dabei die Ausstellung „Virus Form“, kuratiert von Susanne Altmann, die erstmals die Dresdner Szene der konkreten, konstruktiven und minimalistischen Kunst aus der stigmatisierten Nische in einen überregionalen Sinnzusammenhang zu stellen vermochte. Jene neue Präsenz um Künstler wie Günther Hornig scheint nun auch die Blockadehaltung der Museen aufzuweichen. Als Beispiel mag neben Hornig nur der inzwischen 90jährige Karl-Heinz Adler angeführt werden, der derzeit gleich auf drei museale Personalausstellungen in Dresden, Gera und Budapest verweisen kann, während er in den Jahrzehnten zuvor fast vergeblich um Akzeptanz kämpfen musste.

Es ist müßig zu behaupten, diese Ausstellung hätte früher kommen müssen, was freilich stimmt. Aber die Kraft, mit der sich ein Werk wie dieses durch seine Interventionen gegenüber vorgefundenen Strukturen in Spannung setzt, und damit auf die Instabilität staatlicher, politischer oder auch marktgenerierte Ordnungssysteme verweist, erfordert das Verständnis seiner Komplexität. Dafür braucht es Respekt, Neugier und Offenheit. Die Ausstellung in der Städtischen Galerie eröffnet eine Blickachse zu einer Kunst, deren Qualität gerade erst entdeckt wird.

bis 17. September, Städtische Galerie Dresden, Di bis Do, Fr 10 bis 19 Uhr, Sa/So 10 bis 18 Uhr, Mo geschlossen
Eintritt 5 Euro, ermäßigt 4 Euro, Gruppen ab 10 Personen 4,50 Euro, Freitag ab 12 Uhr Eintritt frei

Von Paul Kaiser

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