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Günter Baby Sommer versucht sich als Brückenbauer in Israel und gibt ein Konzert im Japanischen Palais in Dresden

Günter Baby Sommer versucht sich als Brückenbauer in Israel und gibt ein Konzert im Japanischen Palais in Dresden

Die aktuellen Nachrichten aus Israel klingen nicht so, dass man ruhigen Gewissens ins "Heilige" Land reisen möchte. Jazzschlagzeuger Günter Baby Sommer hat es dennoch getan und ist voller Eindrücke zurückgekehrt.

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Günter Baby Sommer hat in Israel zahlreiche Eindrücke gesammelt.

Bevor der Dresdner Musiker sich gleich wieder seinem unruhigen Alltag zuwendet, sprach er mit Michael Ernst über diese Reise und die nächsten Vorhaben in Sachen Jazz.

Frage: Wieso reist man denn in diesen Tagen nach Israel?

Günter Baby Sommer: Da kamen mehrere Gründe zusammen, ich sollte beim Globus Jazz Festival in Jerusalem mit meinem alten Weggefährten, dem Pianisten Slava Ganelin, auftreten. Eingeladen dazu hatte mich der israelische Flötist Dvir Katz. Außerdem gab es eine Meisterklasse an der dortigen Musikakademie - mit etwa 30 Studenten, die ein unglaubliches Interesse an frei improvisierter Musik gezeigt haben. In Tel Aviv haben wir dann noch gemeinsam mit der Sängerin Julia Feldman als Quartett Aufnahmen für eine CD produziert und ein weiteres Konzert gegeben.

Wie ist dort die momentane Situation für den Jazz?

Gerade die Improvisationen wurden dankbar aufgenommen, da ist man inzwischen sehr offen. Seit etwa acht Jahren, länger noch nicht, gibt es dort eine Art Gegenbewegung durch israelische Musiker, die sehr an einer künstlerischen Öffnung interessiert sind. Davor war die israelische Jazzlandschaft stark von amerikanischen Stars dominiert. Jetzt konnte ich gerade bei den Studenten beobachten, und zwar bei arabischen ebenso wie bei israelischen, dass sie sehr wach sind für Neues.

Von einem Miteinander der Araber und Juden kann ansonsten keine Rede sein. Hatten Sie angesichts einer zugespitzten Situation keine Bedenken vor dieser Reise?

Israel zu verstehen ist wahnsinnig schwierig. Das ist schon dort vor Ort kaum möglich, denn jeder hat Angst vor jedem, diese Angst durchtränkt das ganze Leben, auch innerhalb der Juden. Aber von hier aus und nur durch die Medien lässt sich gleich gar nichts verstehen. Also muss man hinfahren und zuhören.

Das Problem ist, es gibt unter den Arabern Muslime und Christen und dann die israelischen Araber, die zum Teil assimiliert sind und sich in einer Art Mittelklasse bewegen. Bei den Juden unterscheidet man grob nach Orthodoxen, Konservativen und Reformierten, so sieht man das auch im Straßenbild. Und man spürt die Angst voreinander.

All diese Strömungen vermeiden den direkten Kontakt. Aber warum? Weil die israelischen Siedlungsgebiete unter dem Schutz der Armee Tatsachen geschaffen haben. In diesen Settlements wird stark konservativ und rechts außen gewählt, man fürchtet dort nichts Schlimmeres als einen Friedensvertrag und die Zweistaatenlösung, weil sie dann die besetzten Palästinensergebiete wieder verlassen müssten.

Diese Angst geht so weit, dass sich normale Menschen wie mein Freund Katz in Jerusalems Altstadt fürchten, die eigene Sprache zu sprechen. Richtig wohlfühlen können sich die Juden im Moment nur in West-Jerusalem.

Haben Sie auch Kontakt zu Palästinensern gehabt oder gesucht?

Natürlich, ich wollte nach Ramallah, wollte dort unbedingt wegen eines künstlerischen Projekts mit Palästinensern reden. Also habe ich versucht, über das dortige Goethe-Institut Kontakt aufzunehmen, um das Projekt auszuloten. Aber ich bin gründlich gebremst worden.

Gemeinsam mit jüdischen Freunden dorthin zu fahren war nicht möglich, denn den Israelis verbietet ihr Staat die Einreise in diese Gebiete. Aber auch auf palästinensischer Seite gibt es eine Bewegung, die zum Boykott aller kulturellen Kontakte aufruft. Beiderseits also ein Hass von orthodoxen und scheinbar unverbesserlichen Leuten.

Ich hätte gerne verbindend und händereichend zwischen Palästinensern und Juden gewirkt, doch da war zum jetzigen Zeitpunkt nichts möglich. Diese Demarkationslinie beherrscht den Alltag. Erst kürzlich wurde ein moderater Palästinenser, ein Theatermann, der diese Linie überwinden wollte, erschossen - von seinen eigenen Leuten!

Ihr Fazit dieser Reise?

Das Land ist einerseits so faszinierend, die dreitausendjährige Geschichte, Jerusalem, der Tempelberg- Aber viele Juden trauen sich da gar nicht hin, weil Felsendom und al-Aqsa-Moschee heilige Stätten des Islam sind - und umgekehrt ist die Klagemauer für Araber tabu. So ist die ganze Stadt, ist das ganze Leben in Viertel aufgeteilt - überall verschiedene Qualitäten des Sich-Benehmens. Von einem Viertel zum anderen muss man schauen, wo man sich befindet und wie man sich verhält. Das ganze Leben ist hoch emotionalisiert.

Ich habe allerdings auch zwei Tage in Yad Vashem zugebracht, ein Tag reicht da gar nicht. Das hat mir eine ähnliche Last auf die Schultern gelegt wie ich das schon in Kommeno erlebt habe, wo ich im Sommer gastierte, um an die Verbrechen der deutschen Wehrmacht in Griechenland zu erinnern.

Je länger ich in der Gedenkstätte war - wo am Ende der Mord an sechs Millionen Juden steht, die aber lange vorher schon diskriminiert und ghettoisiert wurden, wo ich also sah, was den Juden auf dem Weg zu ihrem Tod passiert ist -, umso weniger habe ich verstanden, dass sie jetzt selbst wieder Ghettos bauen. Der Gazastreifen ist für mich ein solches Ghetto. Wenn ich beobachte, was sie ihren Nachbarn antun, bedeutet das für mich einen großen Sympathieverlust. Und es wird nicht mal darüber gesprochen, sogar Freunde rieten mir ab, öffentlich politisch zu diskutieren - das erinnert mich in gewisser Weise an Verhaltensweisen aus früherer DDR, gefährliche Themen möglichst auszusparen.

Das Resultat ist ein verängstigtes und freudloses Leben. In vielen Gesichter sah ich wenig Offenheit. Wenn es eine Hoffnung gibt, ist das die Jugend.

Kann Musik da Brücken bauen?

Araber und Juden machen ja alles getrennt und für sich. Aber es gibt inzwischen eine Schule unter gemeinsamem Dach, das ist Novum, ein zartes Pflänzchen. In der Musik kann man in eine gemeinsame Richtung gehen. Das ist auch mein Ansatz, ich hab für mein Projekt sechs Musiker, das wird arabisch-jüdisch klingen.

Wer sich so engagiert, wird rasch als Gutmensch bezeichnet.

Dieser Begriff wird ja nur von Menschen in Abrede gestellt, die selbst nichts Gutes zuwege bringen. Ich sehe darin nichts Negatives und möchte gern ein Gutmensch sein. Und zweimal darf ich das machen, Stichwort Kommeno. Ich weiß, wenn ich jetzt damit anfange, wird das in drei, vier Jahren realisiert werden.

Heute widmen Sie sich im "Totentanz" von Lutz Friedel mit einem Heine-Abend einem ganz anderen Thema?

Das ist eine eher ketzerische Fassung von Heines "Wintermärchen" am 215. Geburtstag des Dichters. Musik und Text werden da je einen eigenen Stellenwert haben und sich gegenseitig kommentieren und konterkarieren. Und so anders ist das Thema gar nicht, diese Jahreszeit hat viel mit dem Tod zu tun, Heine wollte unbedingt nochmal seine Mutter sehen - ich glaube, das ist die richtige Zeit, der richtige Tag und die richtige Umgebung für dieses Projekt.

"Heinrich Heine - wie neu", heute 20 Uhr im Japanischen Palais

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 13.12.2012

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