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Regional Großes Interview zum 90. Geburtstag: Herbert Blomstedt
Nachrichten Kultur Regional Großes Interview zum 90. Geburtstag: Herbert Blomstedt
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05:00 11.07.2017
Herbert Blomstedt 1972 an der Staatskapelle. Quelle: Wolfgang Wahrig

Die Musikwelt feiert: Heute vor 90 Jahren kam Herbert Blomstedt als Sohn schwedischer Eltern in San Francisco zur Welt. Zu Sachsen hat der seit langem in der Schweiz lebende Weltbürger ein besonderes Verhältnis. Grund genug zu folgendem DNN-Gespräch mit dem scheinbar ewig jungen Maestro.

Frage: Herr Blomstedt, Sie haben sowohl vor als auch nach dem Mauerfall Chefpositionen bei namhaften ostdeutschen Orchestern bekleidet. Auch im Rückblick keine Selbstverständlichkeiten, oder?

Herbert Blomstedt: Ich habe damals sehr gezögert, die Position als Chefdirigent der Staatskapelle Dresden anzunehmen. Nicht, weil das Orchester nicht gut genug war, sondern umgekehrt: Ich habe mich gefragt, ob ich gut genug war für dieses Orchester? Ich war damals noch jung, das war eine andere Zeit und es herrschten andere politische Verhältnisse.

Hat es Sie Überwindung gekostet, 1975 in den Ostblock zu kommen?

Ja, das war eine enorme Überwindung. Ein totalitärer Staat ist nicht das, was ich mir wünsche. Grundsätzlich würde ich es ablehnen, in einem totalitären Staat zu wirken. Dass ich es trotzdem getan habe, zeigt nur, wie groß die Anziehung der Kapelle und auch der Dresdner Bevölkerung gewesen ist. Das Verlangen der Menschen hier nach klassischer Musik war es, was mich letztendlich bewegt hatte, Ja zu sagen. Und natürlich die Qualität dieses Orchesters. Ich habe das niemals bereut.

Ihre erste Begegnung mit der Kapelle gab es aber schon vorher?

Die erste hatte ich als kleiner Schuljunge am Radio. Schon da war ich fasziniert von diesem Orchester, später hat sich das beim Schallplattenanhören noch intensiviert. Mein erstes Konzert mit der Kapelle gab es 1969 mit Hindemith, Brahms und der Erstaufführung von Carl Nielsens 5. Sinfonie. Auch das vergesse ich nie. Schon die Anreise, nachts auf der Fähre von Trelleborg nach Sassnitz. Wir sind aus dem Schlaf gerissen worden und dann wurde jeder Koffer, das ganze Abteil bis ins Kleinste kontrolliert. Beim Umsteigen in Berlin fühlte ich mich sehr allein und verlassen. Und bei der Ankunft in Dresden sah es noch schlimm aus, der Bahnhof, die Stadt, alles kaputt. Aber dann stand da lächelnd der Orchesterdirektor vor mir und ich war in einer anderen Welt! Eine so herzliche Begrüßung! Und erst die Proben: Nielsen war hier ja völlig unbekannt, aber alle waren perfekt vorbereitet und hochkonzentriert. Ich kannte bis dahin nur Schallplattenaufnahmen und war davon schon überwältigt. Welch großartiger Moment in meinem Leben, nun leibhaftig vor diesem Orchester zu stehen!

Gewandhauskapellmeister als direkter Nachfolger von Kurt Masur wurden Sie 1998 unter ganz anderen Verhältnissen?

Beim Gewandhaus habe ich keine Sekunde gezögert. Das ist ja ein ebenso berühmtes Orchester wie die Kapelle mit ganz wunderbaren Traditionen. Zwar hatte ich damals einen Vertrag mit dem NDR-Sinfonieorchester in Hamburg, aber wenn das Gewandhausorchester anklopft, kann man nicht Nein sagen. Schon auf dem Papier ist es eine große Ehre, dort zu sein, geschweige denn, die musikalische Qualität tatsächlich erleben zu können. Ich habe fast 25 Jahre in Sachsen gearbeitet, das ist mehr als irgendwo sonst auf der Welt. Schon ein Jahr nach dem erwähnten Dresden-Konzert von 1969 bin ich übrigens nach Leipzig eingeladen worden, das Gewandhausorchester zu dirigieren. Das war mit Beethovens 5., damals noch in der Kongresshalle. Danach gab es eine Weile jedes Jahr ein Konzert.

Herbert Blomstedt 2017 an der Staatdkapelle Quelle: Copyright by Matthias Creutziger (Publication only with fee and credit line!) matthias@creutziger.de BIC: PBNKDEFF, IBAN: DE96

Wie würden Sie die beiden Klangkörper miteinander vergleichen?

Auch wenn ich sonst nichts von diesen olympischen Wettbewerben halte, welches Orchester nun an welcher Stelle steht - aber sowohl die Staatskapelle als auch das Gewandhausorchester haben eine ganz besondere Klangkultur, darum geht es. Die hat sich im Laufe vieler Jahre entwickelt, nicht zuletzt wegen des besonderen Repertoires. Natürlich spielen beide eine enorme Bandbreite, aber das Kernrepertoire ist geblieben und hat sie geformt. Ich bin sehr stolz auf diese Zusammenarbeit. Beide Orchester sind hervorragend. Dass sie auch Unterschiede haben, ist ganz normal. Der Stellenwert von Musik in diesem Land ist aber einzigartig. Sowohl in Dresden als auch in Leipzig verehrt man die Musik noch heute in einer sehr besonderen Weise. Das Publikum reagiert hier anders als etwa in Berlin oder München. Man merkt, dass die Leute mit einer enormen Konzentration und Intensität zuhören. Sie fühlen sich als Vorzugsbürger, wenn sie hier leben dürfen und Orchester von derartiger Qualität haben.

War das ein besonderer Reiz für Sie, das sächsische Musikleben so wesentlich mitzugestalten?

Ja! Wir spielen hier nicht, um zu zeigen, wie gut wir sind. Wir spielen, weil wir diese Musik lieben und weil wir wissen, da wird etwas erwartet von uns. Das steigert die gemeinsamen musikalischen Möglichkeiten ganz enorm.

Ihre Karriere umfasst fast sechseinhalb Jahrzehnte, Sie hatten Chefpositionen an mehreren schwedischen Orchestern sowie in Ihrer Geburtsstadt San Francisco inne und konnten zudem immer wieder mit so ziemlich allen großen Klangkörpern in Europa, den USA und Japan arbeiten. Aber die Dresdner Jahre wollen Sie nicht missen?

Ich schildere Ihnen mal ein Erlebnis dazu: Als ich für ein paar Konzerte in der neuen Philharmonie in Paris gewesen bin, kam nach dem Konzert ein Mann zu mir, ein begeisterter Pariser Kritiker, der hat zwei Programmhefte in der Hand gehalten von Gastspielen der Staatskapelle Dresden im Théâtre des Champs Elyssées in den 70er Jahren unter meiner Leitung. Und der war noch so begeistert von diesen Konzerten! Das ist das beste Orchester der Welt, sagte er, erinnern Sie sich an diese Konzerte? Natürlich erinnere ich mich, aber dass der noch 40 Jahre danach vor Begeisterung so überschäumt, ist erstaunlich. Das war etwas, das er nie früher gehört hat.

Und Sie führen das nur auf das Orchester zurück?

Natürlich! Wissen Sie, es gibt einige gute Orchester in der Welt. Nicht sehr viele, vielleicht eine Handvoll von dieser Qualität. Die Kapelle hat eine ganz besondere Klangkultur. Eine ganz besondere Art, aufeinander zu hören und zu reagieren. Das ist nicht individueller Stolz, sondern ein gemeinsamer Stolz, für mich etwas enorm Wertvolles. Ich muss sagen, mit der Kapelle verbinden mich besonders emotionale Erinnerungen.

Lassen Sie uns auf die Anfänge Ihrer Laufbahn blicken, trotz zeitigen Klavier- und Geigenunterrichts überwog zunächst Ihre Liebe zum Fußball?

Das hat sich erst mit etwa zwölf Jahren schlagartig geändert. Von da an habe ich jeden Tag gleich nach der Schule mit großer Begeisterung geübt, die Schulaufgaben kamen erst danach. Der Auslöser dafür war zunächst mein Violinlehrer gewesen, dann aber auch das perfekte Konzerthaus von Göteborg. Dort saß ich zweimal die Woche im Sinfoniekonzert, immer donnerstags und sonntags. Außerdem wurde an Sonntagen regelmäßig in der Familie sowie mit Freunden Kammermusik gemacht, auch das hat mich geprägt.

Hat sich damals der Berufswunsch Dirigent herauskristallisiert?

Aber nein! Ursprünglich dachte ich, in einem Streichquartett zu spielen, das wäre das Schönste. Oder Organist zu sein und jeden Sonntag eine Bach-Kantate zu spielen!Selbst an der Musikhochschule Stockholm hatte ich noch nicht das Ziel, Dirigent zu werden. Ich habe Klavier, Orgel und Violine gespielt, hatte zunächst überhaupt kein Verhältnis zur Vokalmusik, aber ein Semester Chorsingen hat mich da absolut bekehrt. Der erste Anstoß hierzu erfolgte durch Johann Sebastian Bach mit seiner Kantate „Singet dem Herrn ein neues Lied“. Als Konzertmeister im Hochschulorchester habe ich mich dann allmählich für das Dirigieren interessiert. Aber nicht das Dirigieren an sich, die sinfonische Musik war für mich interessant. Zu verdanken habe ich das auch einem eher tragischen Ereignis: Als ein Mitglied des Königshauses verstarb, sollte ich das „Deutsche Requiem“ von Johannes Brahms dirigieren. Es war fantastisch, diese Musik gestalten zu können! Als ich zum besseren Kennenlernen die Dirigentenklasse besucht habe, da war es um mich geschehen. Ich wollte so nahe wie möglich an die Musik herankommen. Gewalt über 100 Leute zu haben, das war nie mein Ziel.

Studiert haben Sie aber erstmal Musikwissenschaft?

Ich wollte mich auf das Dirigentendasein gut vorbereiten, war sehr fleißig und erhielt daher ein Stipendium für New York. Dort habe ich am meisten gelernt, aber nicht an der Uni, sondern bei Proben in der Carnegie Hall. Diese Stunden mit Arturo Toscanini und Bruno Walter sind mir unvergesslich geblieben. Handwerk muss man studieren, gar keine Frage. Verglichen mit der Instrumentalausbildung ist der Beruf des Dirigenten ja relativ modern. Die Orchestermusik ist aber so kompliziert, dass gründliches Handwerk unbedingt vonnöten ist.

Ihre Gründlichkeit ist legendär, ebenso Ihre Akkuratesse - eine persönliche Form von Magie am Dirigentenpult?

Wer am Pult nur auf seine Magie vertraut, hat nicht viel Respekt vor dem Orchester. Die Überzeugungskraft eines Dirigenten muss sich entwickeln, weil wir ja alle als Mensch reifen. Vielleicht kann man sich von Magie inspirieren lassen, aber davon leiten lassen sollte man sich nicht.

Herr Blomstedt, wie halten Sie sich für Ihr nach wie vor enormes Arbeitspensum in Form - ist das nicht eine permanente Herausforderung?

Naja, ein bisschen vernünftig muss man schon sein. Doch in der Hauptsache fühle ich mich beschenkt, was meine Gesundheit betrifft. Ich bin zwar Vegetarier, rauche und trinke auch nicht, aber ich hüte mich immer, deswegen überheblich zu sein. Wie wir wissen, gab es auch sehr lasterhafte Menschen, die sehr alt geworden sind. Denken Sie nur an Churchill. Es ist also weniger ein Verdienst als ein Geschenk, dass ich so tätig sein kann. Etwa neun Zehntel meines Tuns bestehen aus Partiturstudium und Proben. Da darf ich das Konzert doch genießen, denn hier gebe ich etwas ans Publikum weiter. Für mich ist das wie ein Gottesdienst, also in der Tat keine Arbeit.

Am 2.9. dirigiert Blomstedt das Gewandhausorchester in Leipzig dirigiert und ist am 3.9. mit diesem im Dresdner Kulturpalast zu Gast.
Zum Nachlesen gibt es das kürzlich im Bärenreiter-Verlag erschienene Buch „Mission Musik“ von Jutta Spinola mit ausführlichen Gesprächen Herbert Blomstedts.
ISBN 978-3-89487-950-1, 192 S., 24,95 Euro

Von Michael Ernst

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