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Regional Gregory Porter & Band verwandelten den Alten Schlachthof in eine Alte Jazzschule
Nachrichten Kultur Regional Gregory Porter & Band verwandelten den Alten Schlachthof in eine Alte Jazzschule
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17:21 09.09.2015

Umgefallen wären sie, hätten sie es wirklich getan. Letztlich war es Porters eigener Wunsch, jetzt auch mal in Deutschland, dem Land seines ungebremsten Höhenflugs, in unbestuhlten Hallen und Clubs aufzutreten und damit den Samt der mitunter feinen Säle früherer Auftritte zu meiden. Zweit- oder Drittbesucher werden die Unterschiede vielleicht messen können, die Vermutung liegt nahe, dass dereinst noch mehr Balladen zu erleben waren, die dem 43-jährigen Sänger aus Brooklyn schon böswillige Abschiebepraktiken in den Sektor "Frauen-Jazz" eingebracht haben. Dort aber hat er nicht viel zu suchen. Und zu finden auch nicht.

Über dem Dienstagabend wehte vor allem ein unsichtbares Banner mit Aufschrift "Unangestrengt!". Es begann schon im Vorprogramm, in dem man ja für jene, die warten, wirklich nur mit Gelassenheit ein paar Tauben schießen kann. Myles Sanko, ein Mittdreißiger aus England, in Frankreich mit ghanaischen Wurzeln geboren, hat es cool und souverän und allein plus Pianist erledigt. Schwer an Lionel Richie erinnernd, warf er galant ein paar nüchterne, unaufgeregt weiche Pop-Jazz-Lieder ins Rund, plauderte geschickt mit den ersten Stehplatz-Reihen, setzte voll auf Stimme. Die hat Sanko und die hat gereicht für den geduldeten Einstieg.

Dass man nun gleich vom Sollte-mal-in-einem-Einzelkonzert-präsentiert-Werden redet, wäre vermessen und fern jeder Realität. Denn der männliche Vokal-Jazz hat es schwer, viel schwerer als der weibliche. Zu schnell werden Interpreten in den Himmel geschossen, als neue Helden gefeiert und mit alten Namen versehen, in Stiefel gestopft, in denen sie wenden könnten, so groß sind sie. Durch seine offensive Mischung mit Soul und R & B alter Prägung kann sich auch Gregory Porter dem Druck der Musikgeschichte kaum erwehren. Stand heute ist er, weil er auch in der Pop-Klasse gut aufgepasst hat, der Sieger. Denn, um aufs Banner zurückzukommen, das Unangestrengte hat ihn in Dresden in keiner Minute verlassen. Wer mit 40 und 400 Besuchern umgehen kann, schafft es auch mit 4000. Mit Zahlen wie diesen muss Gregory Porter mittlerweile rechnen. Im Schlachthof war der Große Saal nicht ausverkauft, die Luft zwischen sich zunehmend windenden Körpern aber wurde dankbar angenommen.

Aus drei Platten konnte sich Porter bedienen, zwei davon - "Be Good" und "Water" - hatten auf Membran/Motéma noch Entdeckergröße, für die 2013er "Liquid Spirit" öffnete das legendäre Label Blue Note seine Türen und Tore. Da die CD, was schnell vergessen wird, ausnahmslos Eigenkompositionen Porters enthält und die Studioband auch die Liveband ist, bewegt sich Porter auf der Bühne hör- und fühlbar auf sicherem Boden. Großartig und trotzdem gewagt, denn er braucht keine adaptierten Klassiker. Die Stücke aus seiner Feder haben zumeist die Qualitäten alter Schule. Porter phrasiert gekonnt im üppigen Sektor seines sauberen Baritons, tritt mühelos zwei Meter vom Mikro weg und bringt eine Gospel-Referenz, er kann Schmuse-Jazz und könnte wohl auch bissigen Scat, was er jedoch unterlässt. Das Titelstück seiner Dritten wird viel weiter ausgeschritten als auf Platte, das kollektive "Clap Hands" ist keine Anmache, sondern Rhythmusgeber. Auch Chip Crawford (Piano), Aaron James (Standbass), Emmanuel Harrold (Drums) und Yosuke Sato (Saxophon) wandeln aufrecht zwischen Improvisation und Schema, wobei James eindeutig die Säule gibt und es Sato mit seinen ICE-Läufen durchaus übertreibt. Die besten Momente im Klang zu fünft oder reduziert haben Porter und Band beim einfach nur zauberhaften Liebeslied "Hey Laura", dem zackigen "1960 What?" und dem mutigen "Musical Genocide".

Den Klassiker Jazz verjüngen zu wollen, ist in dieser Qualität immer ein dankbarer und berechtigter Job. In Voll- nicht Teilzeit. Gregory Porter hat da schon viel erreicht. Das mit der "Revanche" des Stuttgarter Rappers Max Herre für Porters Auftritt in der Musiksendungen "MTV-Unplugged" war aber eindeutig ein Fehlgriff. Zwei gemischte Lieder, viel zu früh platziert (weil gerade erst auf Porter-Kurs gebracht), deutsche Texte, die man auf jedem zweiten Poetry Slam pfiffiger hört - verzichtbar, ja, störend! Herrejemine! Nicht nur optisch rieb sich an der Eiche ein Grashalm.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 04.12.2014

Andreas Körner

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