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Regional Gregor Gysi – Vom Hassobjekt zum Publikumsliebling
Nachrichten Kultur Regional Gregor Gysi – Vom Hassobjekt zum Publikumsliebling
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18:01 06.04.2018
Gregor Gysi (Die Linke) spricht am 17.01.2018 in Berlin beim Empfang zu seinem 70. Geburtstag im Bundestag. Quelle: dpa
Dresden

Unübersehbar genießt Gregor Gysi seine uneingeschränkte Beliebtheit. Ob er bei den Lesereisen zu seiner Autobiografie stets solch ein Heimspiel erfahre wie in Dresden oder ob er sich noch gelegentlicher Attacken erwehren muss? „Früher ja, aber jetzt überhaupt nicht mehr, auch im Westen nicht“, antwortet er mit Genugtuung. Er war ja schon einmal der Darling der westdeutschen Medien, und ein älterer Besucher erzählt, er habe ihn in der späten DDR überhaupt erst aus dem Westfernsehen kennen gelernt. Das änderte sich schlagartig, als er vom ehemaligen Dresdner Oberbürgermeister Wolfgang Berghofer überredet wurde, Anfang 1990 den Vorsitz der in PDS umbenannten SED zu übernehmen. Ein hart am Antisemitismus schrammender Spiegel-Artikel oder der heiße Stuhl im RTL-Fernsehen schossen sich auf ihn ein. Die Politik sowieso. Denn die PDS galt als „skandalöses Überbleibsel“ der DDR, Gysi passte aber so gar nicht in das Feindbild eines Apparatschiks. Zu allem Überfluss war er Erich Honecker nie persönlich begegnet.

Heute beherrscht er jede Talkshow locker und nimmt rheinische Karnevalsorden entgegen. Verblüffende Logik, brillante Argumentationskunst, Witz, Charme und ein bisschen Narzissmus zählen mehr als das linke Stigma. Im Oktober des Vorjahres waren nun beim Aufbau-Verlag fast 600 Seiten Erinnerungen unter dem Titel „Ein Leben ist zuwenig“ erschienen. Gemeint sind die verschiedenen Leben Gysis als Jugendlicher, Anwalt, Parteistratege der Linken, Amts- und Funktionsträger, Fernsehstar oder Familienmensch. Es stand zu erwarten, dass er auch in Dresden die 700 Plätze des Schauspielhauses füllen würde. Gregor der Große ließ dann ein wenig auf sich warten, was aber den verspäteten Begrüßungsbeifall nicht trübte. Im Gespräch mit dem ehemaligen ND-Feuilletonisten und Buch-Mitautor Hans-Dieter Schütt verfiel er sofort in den gewohnten leicht schnoddrigen Plauderton.

Stolz auf seine gar nicht unbedeutenden Fabrikanten-Vorfahren vor vier Generationen schwang mit. Auch auf seinen Vater Klaus, später Kulturminister und Kirchenstaatssekretär in der DDR, der den Nazis nur knapp dank stiller Helfer-Helden entkam. Dass es nie eine Alternative zum Jurastudium für ihn gab, wusste man vielleicht noch nicht. „Denn ein Anwalt kümmert sich immer um Menschen oder Institutionen in Schwierigkeiten.“ Was Gregor Gysi dann genüsslich über seine Anwaltstätigkeit in der DDR berichtete, klang schon nach Sport, nach einem Katze- und Maus-Spiel, bei dem er seine „Pedanterie“ und logische Brillanz ausspielen konnte. Die Fälle reichten von Strafsachen über Scheidungsverfahren bis hin zur Verteidigung namhafter Regimekritiker wie Robert Havemann und Rudolf Bahro. Von inkriminierten Stasikontakten in diesem Zusammenhang war am Donnerstagabend im Schauspielhaus nicht die Rede. Dieses Spiel habe Gerichte oft „auf die Palme gebracht“. Was aber auch daran lag, dass die DDR-Gesetze im Gegensatz zu heute leicht verständlich geschrieben gewesen seien. Das müsse heute allein schon deshalb anders sein, um die Heerscharen von Anwälten zu beschäftigen, ätzte der Jurist.

Ein Schlitzohr, aber im Dienst der guten Sache. An die glaubte er auch 1990, als er sich als Frontmann der PDS anstellen ließ, „weil wir sonst historisch versagt hätten“. „Wir haben 1990 Interessen vertreten, die sonst niemand vertreten wollte!“ Denn die zahlreichen DDR-Eliten und überzeugten Sozialisten mussten schließlich auch einen Platz im wiedervereinigten Deutschland finden. Den Staatssozialismus will auch ein Gysi nicht wiederhaben, aber der demokratische Sozialismus sei bislang stets mit Waffengewalt an der realen Erprobung gehindert worden. Ob bei der Pariser Kommune, in Prag 1968 oder im Chile Allendes. Zu diesem Sozialismus bekennt sich Gysi unverändert, weil er hofft, „den Kapitalismus dahin transformieren zu können“. Dritter Weg also, und wie immer hat die Aufzählung der Vorzüge und der Nachteile des Kapitalismus etwas Bestechendes bei einem solchen Kopf. Enorm produktiv und kreativ, aber per se extrem asozial. Ebenso logisch zerpflückte Gysi die westlichen Anschuldigungen gegen Russland im Doppelagentenfall Skripal. Noch nie sei ein einmal ausgetauschter Spion nachträglich ermordet worden, weil sonst niemand mehr auf solche Deals vertrauen könne und sich also auch niemand für einen Agentenjob mehr werben ließe. So dumm könne der ehemalige Spion Putin bei aller sonstiger Gysi-Kritik gar nicht sein.

Noch ein Bekenntnis am Schluss: „Ich glaube letztlich an die Vernunft im Menschen. Und ich bin ein Zweckoptimist, sonst hätte ich die Jahre nach 1990 nicht überstanden!“ Wohl auch deshalb standen rund 200 Besucher bis ins Treppenhaus Schlange, um anschließend noch ein Signet zu erhaschen. Darunter auffallend viele junge Leute, die in Gysi keineswegs ein Auslaufmodell sehen, sondern einen, „an dem man sich orientieren sollte“. Und natürlich ältere Fans, die von einer „Ikone“ sprachen. Das siebente Leben, das als Rentner nämlich, habe noch längst nicht begonnen, scherzte Gysi beim Unterschreiben. Das frische Erscheinungsbild des Siebzigjährigen lässt es glauben.

Von Michael Bartsch

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