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Grandmaster Flash begeisterte Publikum in der Showboxx

Grandmaster Flash begeisterte Publikum in der Showboxx

"Let's have a party" lässt Flash durch die Boxen schreien und signalisiert im Stil der Beasty Boys, worauf es in den nächsten Stunden ankommt. Emotionen sollen wachgeküsst werden, Musik soll verzaubern.

Das ganze Spektakel wird nicht flach komponiert, stattdessen werden die ausgegrabenen Hits mit viel Fingerspitzengefühl entstaubt. Fast unauffällig steigt eine Ikone hinter das Mischpult, greift zum Laptop und beginnt weit nach Mitternacht mit seiner Show.

Er ist nicht mehr als ein DJ mit einer der schönsten Geschichten: Grandmaster Flash. Seit Jahren ist er das Aushängeschild der HipHop Bewegung, und diesem Ruf wurde er in der Showboxx gerecht. Nun kann vortrefflich darüber gestritten werden, ob einem DJ solche Ehre zuteil werden soll, dass er als Star gefeiert wird oder sich hinter den Platten zu verstecken hat, die er permanent einspielt. Immerhin vollbringt er nichts anderes, als einzelne Titel aneinander zu fahren, ihnen die knackigsten Passagen zu entlocken, die wichtigsten Takte in eine Schleife zu packen, doch allein dieses Gespür für Rhythmus und Melodie, für Lyrics und Ellipsen, das der New Yorker permanent an den Tag legt, ist so beeindruckend, dass alle offenen Fragen schnell beantwortet sind.

Er kreiert aus allen Bestandteilen, die ihm zwischen die Finger kommen, etwas Eigenes, ein Musikstück, das bislang so noch nicht dagewesen ist. Dabei ist seine Herangehensweise sehr einfach, fast schon frappierend. Er schnappt sich die Hits der letzten drei Jahrzehnte und stellt diese in einem kurzen Intro vor, lässt Nena mit ihren "99 Luftballons" abheben, holt "Smells like teen spirit" aus der Versenkung oder spielt mit geläufigen Queentakten, bis jeder die entsprechende Stimmung aufgenommen hat.

In dem Moment plötzlich, wenn der große Aha-Effekt einsetzt, werden die Bässe modifiziert, ändert sich die Abspielgeschwindigkeit, oder kurze Songpassagen laufen konträr gegeneinander. So entsteht nicht unbedingt etwas gänzlich Neues, aber die Sichtweise ändert sich schlagartig. Grandmaster Flash zieht mit seinem Propellersound tiefe Furchen, zelebriert einen Crossovermix und schleift "Sweet dreams", bis jeder sich eingestehen muss: "I've got the power".

Spätestens an dieser Stelle, wenn die Woge der Begeisterung in den letzten Reihen angekommen ist, wird deutlich - ein Star spielt mit der Stimmung. Und was vielleicht noch auf den ersten Eindruck kopierbar daherkommt, erhält eine spezielle und kaum spielbare Note. Der Grandmaster komponiert mit den einzelnen Versatzstücken, er spielt virtuos an den Reglern und Effektgeräten. Das ist genau der Grund, weshalb er mehr darstellt als die Gilde der Schallplattenunterhalter erwarten lässt, denn zwischen seinen Fingern verschmilzt die Musik neu, tatsächlich zu einem HipHop-Style.

Diese Anmutung ist sicherlich längst nicht mehr so überraschend, wie das einst der Fall war, als mit dem Film "Beatstreet" ein neues Musikverständnis auf den Schultern von Harry Belafonte bis in die DDR getragen wurde, aber ähnlich charmant. Damals wur- de ein Trend publik gemacht, der kaum zu verstehen war, die Kultur der HipHopper, Breakdancer und Sprayer allerdings hatte eine Öffentlichkeit gefunden, und viele, die damals be- eindruckt waren vom Takt, den die Tropfen eines Wasserhahns erzeugen konnten, blieben Grandmaster Flash treu.

Heute steht jener DJ mit Mitte 50 noch an den Plattentellern, bedient Computer, von denen er in seinen Anfangsjahren nur geträumt hat, und verwebt Songpassagen, die sich immer weiterentwickeln. Gerade das macht ihn aus, ein halbes Jahrhundert Musik fließt durch seine Adern, und was damals analog vor sich hinknistern konnte, ist jetzt nahezu perfekt.

Mit diesem Selbstverständnis greift der Mann mit der Baseballkappe zum Mikrofon, zwingt die Massen, dass sie die Arme in die Luft reißen müssen, ringt jedem Schreie voller Bewunderung ab und lehnt sich in der Rock'n'Roll-Hall of Fame gemütlich zurück - nicht als DJ, als Interpret.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 21.05.2012

Stephan Wiegand

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