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Regional Grandiose Vielfalt: Michael Ernst schaut auf die Kultursaison zurück
Nachrichten Kultur Regional Grandiose Vielfalt: Michael Ernst schaut auf die Kultursaison zurück
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20:30 09.09.2015

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Das herausragende Ereignis

Mit etwas Glück gelingt dann ein Abstecher in den Musikvereinssaal nach Wien und man ist ganz baff ob des Enthusiasmus der kulturverwöhnten Austriaken. Wie die einer so perfekt wie genial zelebrierten 8. Sinfonie von Anton Bruckner frönen, jeden Preußen-Hass über die Donau werfen und den Berliner selbst dann noch begeistert auf die Bühne herbeiklatschen, wenn der letzte Orchestermusiker längst schon gegangen ist, das nötigt Respekt ab, macht Mut und schürt Hoffnungen auf ein wirklich ersprießliches Miteinander von Kapelle und Meister.

Herausragend sind aber auch Initiativen wie die Internationalen Schostakowitsch Tage Gohrisch (quasi aus dem Nichts in die erste Liga) und der in der Doppelstadt Görlitz-Zgorzelec wachsende Meeting Point Music Messiaen (dito). Zwei Ereignisse, die sich dem Entstehungsort herausragender Kompositionen verschrieben haben und mehr bieten als pure Musikvermittlung. Denn sowohl im Kurort in der Sächsischen Schweiz als auch an der grün umwilderten Stadtgrenze von Zgorzelec ist künstlerisch-musikalisch der Geist von Orten geweckt worden, an denen gesellschaftliches Barbarentum und individuelle Freiheit eng verflochten sind. Hier wie da wird Wissen um menschliche Kreativität sowie um Geschichte vermittelt, das sinnstiftend auch für künftige Generationen sein sollte. Herausragende Orte, die unbedingt einen Ausflug wert sind!

Überraschendster Künstler

Hand aufs Herz: Wer nicht überrascht, der ist doch kein Künstler. Oder?! Wer nicht überrascht, soll in die Politik, in die Wirtschaft oder am besten gleich ins Finanzamt gehen.

Künstler, die dennoch gesondert überrascht haben, gab es freilich auch. Hier eine unvollständige Auswahl: Ratzinger, genannt "Papst" (kein Auftritt in Dresden), Dylan, genannt "Bob", "Rolling Stone" oder auch "Diva" (Auftritt in Dresden), Heesters, genannt "Joopi" (geht ohne Zugabe von der Bühne), Grass, genannt... nein, das zitieren wir nicht (geht nicht ohne Zugabe von der Bühne). Die Liste wäre schier endlos fortzusetzen.

In besonderer Weise überrascht haben die Dirigenten Vladimir Jurowski und Michael Sanderling mit ihren ergreifenden Gedenkkonzerten zum 13. Februar. Zwei sich ergänzende Abende, die dem Anlass unbedingt gerecht wurden.

Anders überrascht haben die Wiederbegegnungen mit solch vermeintlichen Sauriern wie Omega, die grandiose Vielfalt eines Trompeters wie Tomasz Stanko, das Tastenfaszinosum Leszek Mozdzer, die übrigens allesamt aus dem sehr nahen Osten stammen. Auf Überraschung im besten Sinne gebucht scheint die Gruppe Derevo mit ihrem künstlerischen Leiter Anton Adassinsky, denen es noch immer an gebührender Wertschätzung in Dresden mangelt.

Enttäuschte Erwartungen

Wo anfangen? Wo aufhören? Dass der Mensch ein lernfähiges Wesen sei? Dass er sich seiner Vernunft besinnen möge? Dass die Kraft der Kunst und der Kultur anstecken würden?

Wer kein Fantast ist, mag einige Nummern kleiner enttäuscht sein. Darüber, dass nach exakt zwanzig Jahren der "Jazz in der Semperoper" getilgt wurde. Dass aus politischer Inkompetenz heraus ein Dilemma nach dem anderen herbeigeführt wird, zum Beispiel die unsinnige Fusion zweier Orchester. Dass "politische Inkompetenz" immer noch eine Tautologie ist. Dass die absolutistisch verordnete Umwandlung der Rundfunk- und Fernsehgebühren zur "Haushaltsabgabe" offenbar nicht aufzuhalten ist (sie dekretiert die gesamtdeutsche Bürgerschaft zur stumpfsinnigen Fernsehnation; ebenso könnte im deutschen Autoland die Kraftfahrzeugsteuer unabhängig vom Vorhandensein eines Automobils in eine Kopfpauschale umgewandelt werden).

Was fehlte in der Saison?

Vieles! Hier eine Auswahl: Ein Kulturbürgermeister, der diesem Namen gerecht wird und seine Funktion zu erfüllen vermag. Ein Konzerthaus für Dresden. Der Blick aus den durchaus respektablen Traditionen dieser Stadt heraus mal ganz weit nach vorn. Der Mut zu Visionen, ohne gleich eine Einweisung in die Psychiatrie befürchten zu müssen. Ein echtes Podium für zeitgenössische Literatur. Mehr Podien für die bildende Kunst der Moderne.

Worauf ist die Vorfreude groß?

Ja, auch auf die Gefahr hin, dass Wiederholungen als solche erkannt werden: Auf den Mut zu Visionen, also irgendwann auch auf ein Konzerthaus, auf den ersprießlichen Alltag des längst "angekommenen" Chefdirigenten Christian Thielemann, auf ein gut funktionierendes Unterwegssein der Philharmonie (und trotz aller Skepsis: auf deren recht baldige Ankunft in einem ihr wirklich adäquaten Konzertsaal), auf ein Jahr ohne Zwingerfestspiele, auf die rasche Rückkehr der Reihe "Jazz in der Semperoper", auf viele Jahre ohne Zwingerfestspiele, auf angemessene Spielstätten für TJG und Staatsoperette.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 29.08.2012

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