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Glühender Linker mit blauem Blut - Zum 125. des Autors Ludwig Renn

Glühender Linker mit blauem Blut - Zum 125. des Autors Ludwig Renn

"Krieg" hieß Ludwig Renns erfolgreichstes Buch. Es erschien 1928, wurde in 23 Sprachen übertragen und brachte dem Debütanten ein stattliches Vermögen ein. Der Autor schilderte darin die Gefechte während des Ersten Weltkriegs an der Westfront aus der Perspektive eines einfachen Soldaten.

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Der Schriftsteller Ludwig Renn im Jahr 1955.

Quelle: dpa

Das Werk ist autobiografisch geprägt, doch Renn verfremdet die Realität, denn er zog nicht als Gemeiner in die Schlacht, sondern als Oberleutnant. Häufig verglich man seinen Text mit Erich Maria Remarques fast zeitgleich veröffentlichtem Bestseller "Im Westen nichts Neues", doch im Gegensatz zum Urheber dieses Romans bezog Renn keine pazifistische Position. Im Nachhinein begründete er dies damit, dass er seinen Bericht in einer Zeit zu Papier brachte, in der er "hoffnungslos suchte" und "keinen Ausweg sah". Literarisch blieb Renn weit hinter Remarque zurück. Sein Stil mutete ziemlich dürftig an. Carl von Ossietzky, der Renns Opus in der Weltbühne besprach, konstatierte: "Das Schreiben ist ihm nicht als freundliches Geschenk mitgegeben worden; er hat es sich mühsam erarbeitet." Für Ossietzky bedeutete dieser Dilettantismus jedoch kein Problem, denn er mutmaßte, der Verfasser sei von Beruf Tischler wie der Held des authentischen Rapportes.

Tatsächlich verbarg sich hinter dem Pseudonym Ludwig Renn ein Blaublütiger, der aus ganz besonderem Hause stammte. Sein Vater Johann Vieth von Golßenau, von Beruf Mathematikprofessor, verfügte über enge Beziehungen zur sächsischen Monarchie, denn er war Prinzenerzieher und diente mit den beiden Sprösslingen des Königs in einem Regiment. Golßenau junior trat als Offizier zunächst in dessen Fußtapfen, schlug aber schon bald aus der Art. Als er 1920 in der Funktion eines Polizeiführers verhinderte, dass während der Kapp-Putsches auf Zivilisten in Riesa geschossen wurde, verlor er seinen Posten. In diese Phase fiel seine intensive Lektüre der Schriften von Marx und Lenin, die ihn zu einem glühenden Linken machte. Er trat in die Kommunistische Partei ein und wurde Mitglied des Roten Frontkämpferbunds. Die Nazis verhafteten ihn 1933 sofort wegen "Vorbereitung zum Hochverrat". Hitler, Goebbels und Rosenberg versuchten vergeblich, ihn für das Dritte Reich zu gewinnen. 1936 emigrierte er in die Schweiz. Bald darauf schloss er sich den spanischen Bürgerkriegskämpfern an und avancierte zu einem der Stabschefs der internationalen Brigaden. Auf Umwegen landete er 1939 in Mexiko, wo er sich an die Spitze der "Bewegung Freies Deutschland" setzte. 1947 übersiedelte er in die sowjetische Besatzungszone. In Ostdeutschland bekleidete er viele Professuren und Ämter. Dafür wurde er mit dem Vaterländischen Verdienstorden in Gold und dem Nationalpreis erster Klasse geehrt. Er starb 1979 im Alter von 90 Jahren in Berlin.

Noch immer sind Straßen, Kinderheime und Schulen nach ihm benannt. Das erstaunt insofern, als er zu den angepasstesten und systemnächsten Schriftstellern der DDR gehörte. Während die meisten seiner Kollegen mehr oder weniger regelmäßig durch quertreiberische Äußerungen bei der Obrigkeit in Ungnade gerieten, meldete Renn nie Zweifel am Kurs des SED-Regimes an. Was die herrschende Partei verkündete, galt ihm als heilig. Das muss auch nicht wundern, denn bereits vor dem Zweiten Weltkrieg erklärte er: "Ich bin Kommunist, weil die Lehre des Kommunismus richtig ist. Sie ist allmächtig, weil sie wahr ist." Marcel Reich-Ranicki resümierte: "Keine Ungerechtigkeit konnte ihn aus seiner Reserve locken, von keiner Tauwetter-Entspannung machte er Gebrauch."

Anlässlich einer Neuausgabe von Renns streckenweise durchaus unterhaltsamen Memoiren "Adel im Untergang" fragte der Rezensent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung 2001: "Wird Ludwig Renn heute ein Publikum erreichen?" Seine Antwort klang ernüchternd. Er betrachtete die "schriftstellerische Fähigkeiten" des Künstlers als "begrenzt". Nicht zuletzt deshalb blieb das Echo auf diese Edition gering. Eine Renaissance dürften Renns Werke kaum mehr erleben. Wenn etwas von seinem Schaffen überdauert, dann am ehesten Kinderbücher wie "Trini" oder "Der Neger Nobi", die an DDR-Schulen zur Pflichtlektüre zählten.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 23.04.2014

Ulf Heise

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