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Giacomo Meyerbeers Monumentalwerk "Vasco de Gama" an der Chemnitzer Oper

Giacomo Meyerbeers Monumentalwerk "Vasco de Gama" an der Chemnitzer Oper

Es gehört zu den unseligen Folgen von Wagners Allmachtstellung im deutschen Musikleben, dass die Werke des bei Berlin geborenen und in Paris gestorbenen Giacomo Meyerbeer, seinerzeit der erfolgreichste Opernkomponist der Welt, hierzulande von den Spielplänen verschwunden sind.

Denn kaum jemand hat Wagners frustrierten Antisemitismus, seinen Neid, seinen Hass, seine Verachtung so nachhaltig zu spüren bekommen wie Meyerbeer. Dabei hatte der Wagner nach Kräften gefördert. Aber festgesetzt hat sich im kollektiven Bewusstsein nicht dies, sondern vor allem Wagners Bonmot von der "Wirkung ohne Ursache", die er in Meyerbeers großen Opern auszumachen glaubte - und kopierte.

Es ist also eine kühne Geste historischer Neubestimmung, wenn nun die Oper Chemnitz mit einer Meyerbeer-Premiere ins Wagner-Jahr startet. Mit einer sehr besonderen überdies: "Vasco de Gama", die 1865 posthum uraufgeführte ins Historisch-Heroische übersteigerte Spätfassung von "L'Africaine", war in dieser ungekürzten Version wahrscheinlich noch nie zu hören. Über vier Stunden Musik sind das, beinahe alles, was Meyerbeer für dieses Projekt im Laufe der drei Jahrzehnte vollendete, während derer er immer wieder daran arbeitete.

Vom ersten Takt an ist diese Musik eines genau nicht: "Wirkung ohne Ursache". Der späte Meyerbeer ist nicht der effektheischende Kraftmeier, der Maler pastoser Historienschinken, als den viele ihn noch immer sehen. Er schrieb kostbar edle, emotional gleichsam wohltemperierte Musik. In ihrer rationalen Beherrschtheit und Klarheit, auch in der delikaten Instrumentation, der schillernd andersartigen Harmonik sehr französisch. Und in ihrer Melodienfülle, der koloristischen Holzbläserbehandlung sehr italienisch. Geschult am mittleren Verdi, der wiederum seine "Aida" kurzschloss mit Meyerbeers Schwanengesang.

Generalmusikdirektor Frank Beermann lässt seine Robert-Schumann-Philharmonie ausspielen, kein Detail dieser herrlichen Musik lässt er unbeachtet am Rande liegen. Und lässt man einige Klappereien außen vor, bleiben die Chemnitzer der so gewaltigen wie zerbrechlichen Partitur nichts schuldig.

Erstaunlich oft ist sie beinahe kammermusikalisch gewirkt. Obligate Bläser umschlingen vokale Linien, die Streicher sind bei weitem nicht so allmächtig wie zeitgleich in Deutschland. Subtil klingt diese Oper von der ersten schlichten Bläser-Geste in der Ouvertüre bis zum mystischen Liebestod der "Afrikanerin" Sélika (die in dieser Version eine Inderin ist) zum Chor-umschmeichelten Ende.

Lang ist diese Oper, sehr lang. Entsprechend groß sind die Solo-Partien, sehr groß, unzumutbar groß. Gegen das, was Bernhard Berchtold in seiner tenoralen Titel-Partie abzuliefern hat, ist mancher fette Wagner ein Spaziergang. Er beginnt grandios. Berchtold setzt auf die lyrischen Momente, füllt die unangenehme Tessitura mit weich geführter Geschmeidigkeit und schönen Farben. Wandelbar ist sein Tenor, in der Höhe strahlend, ohne zu verhärten, in der Mitte samtig ohne Mulm. Bald meldet sich indes immer wieder die Kondition zu Wort. Dann klingt Berchtold fest oder sucht sein Heil in der Kopfstimme. Das mag der Grund dafür sein, dass er am Ende nicht den Applaus bekommt, den er verdiente.

Vielleicht sind auch der schlank und strahlend geführte Sopran Guibee Yangs als Vasco de Gamas Geliebte Inés und, mehr noch, der farbsatt glühende Mezzo Claudia Sorokinas als indische Königin/Sklavin Sélika daran schuld. Die beiden ziehen mit dieser Oper zielstrebig in den Olymp des französischen Belcanto ein. Makellos schön singen sie, dabei die sozusagen rationale Dezenz ihrer Linien bis zum Bersten mit Emotionen aufladend. Auf Augenhöhe: Pierre-Yves Pruvot in der Rolle von Sélikas Vertrautem Nélusko. Die mittleren bis kleinen Partien decken von grandios (Martin Gäbler, Rolf Borman) bis achtbar ein weites Spektrum ab. Der Chor fällt ab. Ungepflegt klingen die Männer, unpräzise ist das Timing. Dennoch: Es besteht aller Anlass, sich zu freuen auf die geplante CD (cpo).

Als langer Opernabend allerdings wirft die Produktion Fragen auf. Regisseur Jakob Peters-Messer will offenkundig von der wunderbar andersartigen Musik nicht unnötig ablenken und stellt vor allem Bilder auf Markus Meyers zu Beginn leerer, später mit edlen Prospektmalereien und Video-Projektionen, im Kerker-Akt mit einer eleganten Weltkugel-Installation dekorierter Bühne.

Das hat Meyerbeer seinerzeit auch getan. Aber die aufwendigen Dioramen, der Maschinenzauber, für den er in Paris berühmte war und berüchtigt, machten doch eine Art Hollywood-Vorläufer aus seinen großen historischen Opern. Im reduzierten Chemnitzer Umfeld aber und in den verhalten die Entstehungszeit und das Zeitalter der Entdeckungen vage widerspiegelnden Kostümen Sven Blindseils wirken die Tableaus auf die Dauer doch ziemlich ermüdend. Über fünfeinhalb Stunden jedenfalls trägt ein Musiktheater kaum, das nur den Zuschauer als Ansprechpartner hat. Man nimmt Aufstellung und singt dann ins Parkett. Das stört nicht bei der Produktion schöner bis berückender Töne, hilft aber nicht, dieser Oper über die logischen und vor allem psychologischen Brüche hinweg zu helfen. Die unfreiwillig komischen Choreographien Anke Glasows schon gar nicht.

Im Zuge der Entwicklung von der Afrikanerin zu Vasco de Gama, von der privaten Liebe zur heroisch aufgeladenen Tragödie, ist das Libretto gleichsam zerbrochen. Und wenn Vasco de Gama auf dem weiten Weg vom Rat des portugiesischen Königs über den Kerker, den Atlantik, nach Indien neben seiner Liebe zu Inés immer wieder reflexartig Ruhm und Unsterblichkeit verhandelt, wirkt das eher wie ein Alibi.

So ziehen sich die fünf Akte in sechs Bildern nach hinten raus mächtig gewaltig. Nach jeder der beiden Pausen ist es etwas leerer im Saal. Aber wer bis zum Ende ausharrt, wird dennoch reich belohnt mit unverbrauchter Musik - fabelhaft gespielt und meist exzellent gesungen. Entsprechend lang anhaltend und lautstark fällt der Jubel aus. Bernhard Hellmichs Oper Chemnitz hat ihn verdient angesichts dieser Großtat fürs Repertoire. Meyerbeer sowieso. Erst recht im Wagner-Jahr.

iAm 9. Und 10. März (19.05/20.00 überträgt Deutschlandradio Kultur die Produktion. nächste Vorstellungen: 10., 24.2., 10.3., 7., 28.4., 31.5., 15.6.

www.theater-chemnitz.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 04.02.2013

Peter Korfmacher

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