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Regional „Gewalt und Geschlecht“ als größte Themenschau
Nachrichten Kultur Regional „Gewalt und Geschlecht“ als größte Themenschau
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09:07 27.04.2018
Via Lewandowsky hat im Außenbereich des Museums seine Installation „kollateral“ ergänzend zur Ausstellung platziert. Quelle: Anja Schneider
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Dresden

Es ist ein eigenartiges Werbesujet: ein Schnauzbartträger mit gebleckten Zähnen in roter Schürze und mit Schleife im Haar, der knieend einen Staubsauger wie ein Gewehr hält. Ein bildgewordener Clash der Klischees, der seine Aufgabe erfüllt: aufmerksam machen. Das Stereotype ist aber hier nur Mittel zum Marketingzweck. Denn die Ausstellung „Gewalt und Geschlecht“ im Militärhistorischen Museum in Dresden (MHM) lässt schon durch die Frage „Männlicher Krieg – weiblicher Frieden?“ im Untertitel klar erkennen, dass die Antworten darauf alles andere als eindimensional ausfallen. Und Antworten, besser: Anregungen, hält die Ausstellung viele parat. Möglicherweise zu viele.

Doch Kurator Gorch Pieken nimmt dieses Risiko bewusst in Kauf, will dem Publikum viele Zugänge zum Thema ermöglichen. Er betont, damit auch innerhalb der Bundeswehr eine Debatte anzustoßen, die nicht allen gefallen dürfte. 36 Prozent der Bundeswehr-Soldaten sagen laut Pieken, dass die Armee schlechter geworden sei, seitdem eine Entscheidung des Europäischen Gerichtshofes im Jahr 2000 den Weg für Frauen in alle Bereiche einer militärischen Laufbahn eröffnete. Bei Nachfragen werde häufig die körperliche Unterlegenheit der Frauen als Grund angegeben. „Aber Kriege werden nicht durch Armdrücken gewonnen“, wie es Pieken formuliert. Anders ausgedrückt: Wer den gut zehn Prozent Frauen in der Bundeswehr nicht mehr als ihre Physis vorhalten kann, hat – um im Bild zu bleiben – den Schuss nicht ganz gehört.

Im Hintergrund die Arbeit von Ulrike Rosenbach „Art is a criminal action“, vorn der Chefsessel von Rudolf Augstein, umgeben von Spiegel-Covern mit Männern. Quelle: Anja Schneider

Die Ausstellung selbst wird zum Spiel in beiden Welten: der kleinen der Bundeswehr, der großen da draußen. Das vereint sie in rund 800 Exponaten und fast 50 Medienstationen auf gut 2000 Quadratmetern Fläche. Es ist damit die größte Sonderschau in der Geschichte des neuen MHM – und mit drei Millionen Euro Kosten sicher auch die teuerste. Veranschlagt waren gut zwei Millionen – die höhere Summe ist vor allem darauf zurückzuführen, dass die Schau mehr als ein halbes Jahr verschoben wurde. Eigentlich sollte sie bereits im September 2017 eröffnet werden (DNN berichteten). Durch die Verzögerung ist auch die nächste geplante Ausstellung des MHM mit dem Titel „Clash of Futures“ abgesagt worden.

Das Museum hatte als Grund für den Verzug auf DNN-Anfrage „fachliche Hinweise... und baulich technische Herausforderungen“ angeführt. Pieken sprach gestern dagegen von einem „langen kontroversen Diskussionsprozess“ mit der Museumsleitung. Er war im Vorjahr auch von seiner Stelle als ziviler wissenschaftlicher Leiter des Museums ans Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaft der Bundeswehr (ZMSB) in Potsdam versetzt worden – was einer Degradierung sehr ähnlich sah. Vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass Pieken ab 2019, vorerst für zwei Jahre, den Auftritt der Humboldt-Universität im künftigen Berliner Schloss, das sogenannte Humboldt-Labor, kuratieren wird. Ob er irgendwann wieder in Dresden als Kurator arbeitet? „Diese Drohung steht im Raum“, antwortete Pieken gestern lachend auf diese Frage.

Um der Zukunft des Hauses noch einen anderen Aspekt anzufügen: Der zehnköpfige Museumsbeirat hat bereits empfohlen, mittelfristig einen zivilen Direktor mit der Leitung des Hauses zu betrauen, der umfassende Museumserfahrung besitzen soll. Damit ist klar, dass Armin Wagner, der im Vorjahr Matthias Rogg auf diesem Posten beerbte, vom Beirat eher als Zwischenlösung gesehen wird. Eine generelle Aussage zur Zukunft des Museums gab es gestern auch von anderer Seite. „Die Struktur des Hauses und seine Ausrichtung werden so bleiben, wie sie sind“, sagte ZMSB-Kommandeur Jörg Hillmann.

Doch zurück zu den zwei Welten der Ausstellung. Natürlich ist „Geschlecht und Gewalt“ ein Thema der Zeit, in der machohafte Rollenmodelle selbst in höchsten Führungsämtern des Westens fröhliche Urständ’ feiern. Aber nicht nur da, wie die #metoo-Debatte anhaltend zeigt. Namen spielen dabei bestenfalls eine Nebenrolle. Hier geht es weniger um die Trumps oder Weinsteins, hier geht es um das erwähnte Rollenverhalten, also um etwas Grundlegenderes. Dabei tauchen immer Fragen auf: Warum ist das so? Und warum sollte das so bleiben?

Eine Reizüberflutung ist das Ganze nicht, eine Informationsflut dagegen schon. Sie wird unterteilt in Akte, wie beim Theater. Durchsichtige Vorhänge, die in den einzelnen Ausstellungsteilen für noch etwas mehr Séparée-Charakter sorgen, verstärken zumindest die Absicht einer Inszenierung. Auch wenn der finale Teil der Schau, der in einem Gebäude hinter dem Haupthaus untergebracht ist, zu viel Sporthallen-Charme atmet.

Bei einem Workshop 2012 in Chicago thematisierten US-Soldatinnen auf den Innenseiten ihrer Uniformen sexuelle Gewalt, die sie erlitten hatten: ein Therapieansatz. Quelle: Anja Schneider

Ein Schlüsselwort dieser Ausstellung: Krieg. Nirgends kulminiert die Gewalt so stark. Frauen müssen sie vor allem ertragen, innerhalb und außerhalb von Armeen. Männliches wird dekonstruiert. Nehmen wir James Bond: Er wäre, bei seinem Alkoholkonsum, entweder zu betrunken, die Welt zu retten – oder auf Entzug. Wie unheroisch.

All das wird flankiert von Kunst. Im Foyer, als Prolog, sind Bilder zu sehen, die Krieg, Kriegsherren, Gewalt verschiedener Couleur zum Thema haben. Das Besondere: alle wurden sie von Frauen gemalt, deren Selbstporträts diesem Intro eine wundersame Note geben. Die Künstlerinnen mussten, in ihrer jeweiligen Zeit, auch ihren ganz eigenen Kampf mit struktureller Gewalt führen. Fast immer waren sie Autodidakten, fast immer blieben sie künstlerisch erfolglos (die einzige Ausnahme unter den Gezeigten ist vielleicht Käthe Kollwitz).

Draußen dagegen dominieren große Arbeiten. Die Guerilla Girls präsentieren in einer Art überdimensionaler Blockbuster-Werbung „The Estrogen Bomb“ als Weg in eine friedlichere Zukunft. Via Lewandowsky sieht das ganz Museum als Kollateralfolge von Herrschafts- und Machtansprüchen und kombiniert diverse Exponate in Schieflage. Der Norweger Morten Traavik stülpt einer Boden-Boden-Rakete ein Kondom über, „extra angefertigt“, wie er sagt. Gleich neben dem Eingang strebt Birgit Diekers „Crazy Daisy“ in den Himmel, auch eine Art Rakete, deren Körper aus Mannequin-Puppen besteht. Dass die Phallus-Symbole speziell in diesem Museum und ganz speziell bei dieser Ausstellung so dicht beieinander stehen, bis hin zu Apolls Gipsabguss (mit einem kleinen Penis), ist dann keine Überraschung mehr.

Wo sonst?

bis 30. Oktober, Militärhistorisches Museum, Olbrichtplatz 2, geöffnet tgl. (außer Mi) 10-18, Mo 10-21 Uhr

Katalog- und Essayband

www.mhmbw.de

Von Torsten Klaus

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