Menü
Dresdner Neueste Nachrichten | Ihre Zeitung aus Dresden
Anmelden
Regional Gesellschaftsstudie mit Walsers „Ein fliehendes Pferd“ am Societaetstheater Dresden
Nachrichten Kultur Regional Gesellschaftsstudie mit Walsers „Ein fliehendes Pferd“ am Societaetstheater Dresden
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
09:25 30.01.2018
Während sich Sabine (Oda Pretzschner, 2.v.r.) an Klaus (Tom Mikulla) schmiegt, muss Helmut (Thomas Stecher) versuchen, eine Fußmassage von „Hel“ (Natalie Hanslik) abzuwehren.  Quelle: Detlef Ulbrich

 Gut oder schlecht, richtig oder falsch – Fragestellungen, die uns Menschen tagtäglich und lebenslang begleiten. Dem einen fällt diese Differenzierung je nach Sachverhalt schwerer, andere vergeuden dank ihrer unerschütterlichen Weltanschauung mit der Bewertung von diversen Gegebenheiten keine müde Sekunde. So wie die meisten Mittvierziger, die (offensichtlich) fest im Sattel ihres Lebens sitzen und es sich in ihrem eigenen Ausschnitt der Wirklichkeit gemütlich gemacht haben. Doch auch diese scheinbar unzerrüttbaren Konstrukte geraten heftigst ins Wanken, wenn man ohne Chance auf Rückzug gnadenlos mit konkurrierenden Lebensmodellen konfrontiert wird.

So ergeht es Hochschullehrer Helmut Halm (Thomas Stecher) und seiner Ehefrau Sabine (Oda Pretzschner), die seit über zehn Jahren ihren Sommerurlaub am Bodensee verbringen – immer in gleichen Ferienhaus mit den gleichen Beschäftigungen und – wie sich schnell herausstellen sollte – mit der gleichen Lethargie. Doch diesmal ist und wird alles anders. Der Grund dafür ist Klaus Buch (Tom Mikulla): ein lebensbejahender und erfolgreicher Journalist, sportlich aktiv und mit seiner deutlich jüngeren und attraktiven Frau Helene (Natalie Hanslik) im Schlepptau. Und dass der hautenge Hemden und schicke Sonnenbrillen tragende Angeber das genaue Gegenteil ist von Helmut, der vorzugsweise im Bademantel samt Rotwein und Zigarette auf der Couch vor sich hin vegetiert, stellt gar nicht das eigentliche Problem dar. Vielmehr ist es die Tatsache, dass beide ehemalige Klassenkammeraden sind, sich seit 23 Jahren nicht gesehen haben und Klaus noch eine Rechnung mit dem damals viel beliebteren Helmut offen zu haben scheint. Klaus gibt sich alle Mühe, mit seinem Lifestyle und der attraktiven Helene seinen ehemaligen Peiniger vorzuführen und dessen Ehe zu unterminieren.

So prallen in „Ein fliehendes Pferd“ zwei Lebensmodelle frontal aufeinander. Die am Societaetstheater bereits erfolgreiche Amina Gusner („Biografie: Ein Spiel“, „Scheitern, aber richtig!“) hat diese intensive Gesellschaftsstudie von Martin Walser auf die Bühne gebracht und fesselt die Zuschauer von der ersten Sekunde an mit durchdringenden und kontroversen Szenen. Dazu braucht es auf der Bühne nur einige Flaschen Wein und ein rollendes Sofa, das wahlweise als Gartenmöbel oder Segelschiff fungiert. Denn obwohl sich Helmut vehement wehrt, treffen sich die Paare regelmäßig zum Dinieren und Segeln – ganz nach dem Geschmack von Klaus. Der führt seinen ehemaligen Schulkameraden dann regelrecht vor, beispielsweise wenn er einfach mal in die Runde fragt: „Sabine, wie oft bumst ihr eigentlich noch?“

 So wandelt sich Helmuts seelenbefriedete und grundentspannte Gemütslage rasant in eine immer aggressivere und aufwühlende Abwehrhaltung gegen den Eindringling. Oda Pretzschner hingegen hievt mit viel unterdrückter Wollust Ehefrau Sabine aus dem Dornröschenschlaf einer uninspirierten und reizlosen – oder wie Helmut sagen würde: „reifen“ – Ehe und versucht, aus ihrem Ehemann plötzlich ein bisschen mehr Klaus zu machen. Als das eher den gegenteiligen Effekt hat, geht sie ungeniert auf Tuchfühlung zum vermeintlich erfolgreichen Journalisten. Vermeintlich deshalb, weil es Tom Mikulla exzellent versteht, eine Fassade aufzubauen, die auf den zweiten Blick doch den einen oder anderen Riss offenbart.

Während Martin Walser in seiner bereits verfilmten Bestseller-Novelle konsequent aus Helmuts Sicht erzählt und dessen Gefühle die tragenden Säulen des Konflikts werden, teilen Gusners Figuren ihre Empfindungen und Ängste mit dem Publikum. So erfahren wir nicht nur, dass Sabines leicht erhöhter Alkoholkonsum und der Ausbruchsversuch aus ihrem sexlosen Käfig irgendwie miteinander zu tun haben könnten, sondern auch, dass „Hel“ – so wird Helene jugendlich und hipp genannt – doch irgendwie reichlich genervt von Klaus und seiner ewigen Gier nach Action, Sex und Abenteuer ist. Stattdessen sieht sie in Helmut den gesetzten und kultivierten Gegenpol.

Während die täglichen Treffen zwischen beiden Paaren immer stürmischer und skurriler werden, lässt ein grandios leidender Thomas Stecher keinen Zweifel an der Zerrissenheit seiner Figur und der Bürde, die Helmut Halm zu tragen hat. Er muss mit ansehen, wie seine sicher geglaubte Ehe innerhalb kürzester Zeit in die Brüche geht und seine Frau jede Möglichkeit nutzt, ihre Lippen auf die von Klaus zu drücken. Gleichzeitig zerfressen den Hochschullehrer Eifersucht und Neid auf den Erfolg und die jugendliche Frau seines Kontrahenten. Und gegen die Avancen letzterer muss er sich auch noch erwehren, obwohl er das eigentlich gar nicht will.

Da kommt es recht gelegen, dass sich beide Männer beim Segeltörn plötzlich in einem heftigen Sturm wiederfinden, Klaus über Bord geht und vermisst wird. Zeit für „Hel“, zum Rundumschlag inklusive Hasstirade auszuholen. Und so schreit Natalie Hanslik mit voller Wucht all das dem Publikum entgegen, was es die ganze Zeit schon hören wollte: alles nur Lug und Trug, alles mehr Schein als Sein – in Wirklichkeit ist Klaus ein ängstliches, unsicheres und verlorenes Häufchen Elend gewesen, gut so, dass er jetzt weg ist. Der sich anbahnende Partnertausch ist also vom Tisch, die Chancen zur Flucht sind dahin.

Nächste Vorstellungen: 2. und 3. Februar, 9. und 10. März jeweils um 20 Uhr, Societaetstheater

Von Sebastian Burkhardt

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Eine Mischung aus Gospel, Jazz und R’n’B erwartet Interessierte von den New York Gospel Stars am 3. Februar in der Annekirche.

29.01.2018

Das Europäische Zentrum der Künste im Dresdner Festspielhaus Hellerau spürt einen wachsenden Zuspruch. Es sei gelungen, Hellerau wieder als internationalen Ort des Tanzes im Bewusstsein zu verankern, sagte Intendant Dieter Jaenicke am Montag in Dresden.

29.01.2018

Es ist eine schöne Geschichte, die da auf der Studiobühne der Landesbühnen Sachsen erzählt wird. „Das Schwanensee-Märchen“ ist Tanztheater von Wencke Kriemer de Matos mit Musik von Peter Tschaikowski und gedacht für junge Zuschauer ab 5 Jahre.

28.01.2018
Anzeige