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"Geschlossene Gesellschaft": Die Berlinische Galerie zeigt künstlerische Fotografie in der DDR 1949-1989

"Geschlossene Gesellschaft": Die Berlinische Galerie zeigt künstlerische Fotografie in der DDR 1949-1989

Über den Titel der Ausstellung sei reichlich diskutiert worden, und letztlich habe sich beim Auflisten der Varianten "Geschlossene Gesellschaft" durchgesetzt.

Ulrich Domröse, Leiter der Fotografischen Sammlung der Berlinischen Galerie und Kurator der bemerkenswerten Schau "Künstlerische Fotografie in der DDR 1949-1989" sagte zu dieser Entscheidung auch, dass mit "Geschlossene Gesellschaft" keine Deutung im Sinne von Sartre zu verstehen ist. Der Titel verweise auf die konkrete gesellschaftspolitische und soziale Situation, in der die Arbeiten entstanden seien.

Wie auch immer. Darüber disputieren könnte man lang und breit. Doch letztlich sprechen die ausgewählten 250 Werke von 34 Künstlern eine eigene Sprache, und Defizite, wie sie nun mal in jeder Auswahl vorprogrammiert sind, lassen sich bekanntlich kaum vermeiden. Allerdings brauchte es wohl schon im Untertitel der Ausstellung den verkürzten Verweis darauf, dass die von Ulrich Domröse bereits zu DDR-Zeiten und zur Dokumentation begonnene, später noch erweiterte Sammlung der DDR-Fotografie, die nun zum Bestand des Landesmuseums für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur gehört, quasi das "Ausgangskapital" für dieses ambitionierte Ausstellungsprojekt ist. Ergänzt durch wichtige Leihgaben, teilweise auch aus Privatbesitz.

Individuelle Auswahl durch erfahrene Kuratoren

Der Verdacht einer zu einseitigen Sichtweise kommt einem in der großen, mit Einbauten merklich verwandelten Galeriehalle angesichts der Vielfalt des Gezeigten gar nicht erst in den Sinn. Allein schon die Tatsache, dass neben Domröse als Co-Kuratoren noch Theo Immisch, Gabriele Muschter und Uwe Warnke ihre jeweils individuelle Wahl getroffen haben, macht das unmöglich. Und jeder der vier kenntnisreichen, erfahrenen Einzelkämpfer, die sich für das Projekt zusammenraufen mussten, hat dabei garantiert Siege ebenso wie Verluste, Defizite davongetragen.

Mit dem Blick von Dresden her auf die Ausstellung - es könnte auch Halle, Leipzig oder Magdeburg sein -, ergeben sich so viele Bezugspunkte, dass sie sich unmöglich alle aufführen lassen. Beispielsweise profitiert Dresden nach wie vor davon, dass über Jahrzehnte eine hervorragende Sammlung künstlerischer Fotografie der DDR im Kupferstich-Kabinett der Staatlichen Kunstsammlungen entstanden ist und auch schon vor 1989 öffentlich gemacht wurde. Speziell ab den 1970er Jahren hatte Werner Schmidt diese Entwicklung forciert, später auch Hans-Ulrich Lehmann. Bemerkenswerte Beispiele der DDR-Fotografie fanden sich ebenso in der IX. Kunstausstellung der DDR 1982/1983 in Dresden, und bekanntlich setzte auch die von Gabriele Muschter initiierte Ausstellung 1985 in der Galerie Mitte wichtige Akzente.

Die "Geschlossene Gesellschaft" in der Berlinischen Galerie orientiert sich an der thematischen Gliederung "Realität, Engagement, Kritik", "Montage, Experiment, Foto" sowie "Medium, Subjekt, Reflexion". Diese Zuordnung erschließt sich mal mehr, mal weniger, doch die Werkgruppen der Künstler sind auch so spannend genug, beginnen mit Richard Peter Sen. und Karl Heinz Mai schon in den unmittelbaren Nachkriegsjahren. Bekanntes und Neues entdeckt man mit Arbeiten zum Beispiel von Arno Fischer, Ursula Arnhold, Evelyn Richter, Roger Melis, Sibylle Bergemann, Christian Borchert, findet einfallsreiche Aktionen wie die "Stehplätze - Störbilder" von Kurt Buchwald dokumentiert oder durchläuft irritiert die Schlachthaus-Installation von Jörg Knöfel.

Wer sich zum Besuch der Ausstellung entschließt, der sollte mindestens auch eine der zahlreichen Veranstaltungen aus dem Begleitprogramm wahrnehmen. Dazu gehören Filme, Kuratorenführungen, eine Lesung. Und zu Künstlergesprächen werden am 4. Dezember Evelyn Richter, am 8. Januar Manfred Paul und am 22. Januar Tina Bara erwartet. Beginn ist jeweils 19 Uhr. Zudem gibt es parallel oder versetzt diverse Angebote in Berliner Galerien, die im Kontext der großen Ausstellung das Thema DDR-Fotografie variieren. Zudem bietet auch der Katalog, herausgegeben im Kerber Verlag, reichlich Lesestoff sowie viel Bildmaterial.

Übrigens gibt es quasi Schnittstellen zwischen den Ausstellungen "Geschlossene Gesellschaft" in Berlin sowie "C'est la vie - Das ganze Leben" im Deutschen Hygiene-Museum Dresden. Hier wie dort finden sich voller Selbstbewusstsein aus der Serie der Akt- portraets von Gundula Schulze Eldowy die beiden tätowierten jungen Män- ner (Rajk und Matthias, Berlin 1984). Eine Aufnahme, die damit im Kon- text unterschiedlicher Sichtweisen erscheint. "C'est la vie" zeigt aus der Sammlung von Lutz Teutloff beispielsweise auch Arbeiten von Micha Brendel (Serie "Brendel samt Störtebecker") von 1989. Er gehörte zur Künstlergruppe der Autoperforationsartisten in Dresden und ist in der Berlinischen Galerie mit Bildern der in Dresden entstandenen Serie "Lustschutz" vertreten.

Auf die Frage, ob die Ausstellung eine längst fällige Einordnung in die deutsche Foto-Kunstgeschichte bewirken könne, hat Kurator Ulrich Dom- röse in der Sonderbeilage der Berliner Zeitung unverkennbar als hoffender Realist geantwortet: "Das wäre zu viel verlangt. Aber vielleicht kann sie zu einer erkenntnisreichen und wirksamen Etappe in einem langen Prozess werden."

Die Kuratoren kennen den Weg der kleinen Schritte ziemlich genau, wissen, dass das Erkunden, Sammeln, Aufarbeiten höchst langwierige Unternehmungen sind. Und die Erfor- schung der Fotografie in der DDR steckt im Gegensatz zu anderen Künsten noch in den Anfängen.

bis 28. Januar, Mi-Mo 10-18 Uhr, Berlinische Galerie, Alte Jakobstr. 124, Kreuzberg, Tel. 0130/78 90 26 00

www.berlinischegalerie.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 17.11.2012

Gabriele Gorgas

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