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Geschichten in Schichten: ein theatraler Parcours führt durchs Schauspielhaus Dresden

Geschichten in Schichten: ein theatraler Parcours führt durchs Schauspielhaus Dresden

Insgesamt seien es zwölf Stationen, erzählen die beiden sympathischen Studenten von der Hochschule für Bildende Künste Dresden, die gemeinsam mit acht Kommilitonen den theatralen Parcours durch das Schauspielhaus aufgestellt haben.

Ihnen obliegt im Rahmen ihrer Diplomprüfung im Studiengang Bühnen- und Kostümbild quasi die Leitung für Konzept und Gestaltung desselben, und nun testen sie mit ersten Neugierigen, ob auch alles "seinen Gang geht". Empfangen werden die Besucher jeweils im Foyer vor dem Theaterrestaurant "Felix" von Dr. Ansbach, der sich als Restaurator und Parcours-Führer vorstellt. Im "Zweitberuf" muss er aber auch noch Schauspieler am Staatsschauspiel sein. Zumindest hat er trotz Bauhelm viel Ähnlichkeit mit Philipp Lux, und der ist ja nun mal nicht so leicht zu verwechseln.

Mit dem Experten, der sein Wissen gern und launig preisgibt, geht es zunächst auf ein Gerüst im oberen Rundfoyer, wo sich Holger Hübner als Herr Otto und Annett Krause als Frau von Schallersleben sachkundig und zugleich verwirrend zu den umfangreichen Stuckarbeiten am Hause äußern. Möglich ist dieser überraschende Finanzzuschuss für Kulturbauten justament in Dresden geworden, weil sich beim Graben am Neumarkt plötzlich eine Ölquelle aufgetan hat. Ein Ammenmärchen? Man kann ja ausnahmsweise mal dran glauben. Und bekommt im Rang (als Vorspiel zur Abendaufführung) einen Extraplatz mit Kopfhörern sowie Blick auf den Soundcheck der "Dreigroschenoper"-Band zugewiesen. Kurios, wie sich da in Auge und Ohr die alten Geschichten vom Haus mit den Bildern auf der Bühne mischen - da dirigiert einer hingebungsvoll und man hört zufällig scheinbar passende Klänge. Oder dreht sich zum raschelnden Nachbarn um, aber da ist keiner.

Worum es bei diesem Parcours eigentlich geht? Um alles, was im 100-jährigen Dresdner Schauspielhaus an Geschichten herumgeistert oder sich in Schichten abgelagert hat, und die Studenten haben sich darauf ihren Reim gemacht. Das ist keine Dokumentation im eigentlichen Sinne. Mehr die Anregung, eigene Erinnerungen zu wecken oder sich die anderer anzuhören. Quasi ein Archiv in Entwicklung. Insgesamt wurden bislang 50 Leute interviewt, und die Aufnahmen belaufen sich auf mindestens 70 Stunden. Wer sich wirklich Zeit nimmt - beim Parcours oder auch in den für Theaterbesucher zugänglichen Stationen -, wird vieles entdecken können, wie Fotos und entsprechende Notizen. Jeder kann auf Klebezetteln seine Bemerkungen hinzufügen.

Eine Station führt hinunter in die "Druckzentrale", wo drei Personen unterschiedlicher Generationen in der Videoaufzeichnung von den gleichen Ereignissen sprechen. Der erste als Augenzeuge der Flutnacht 2002, wo es um ein Polizeiauto sowie eine Pumpe auf verlorenem Posten geht. Die zweite erzählt, was sie davon gehört hat. Und das Mädchen schließlich macht eine fantasievolle Geschichte daraus. So entstehen Legenden. Im Verbindungsgang der Foyers im 2. Rang gibt es eine Galerie von Kisten, in die man seinen Kopf stecken kann. Und erfährt eher nichts von jenen, die sich da beim Erzählen verhaspeln oder schweigen wollen. Im Kon-Zimmer nahe der Bühne hat Romina Kaap ihren "Bußgang für IM Günter" eingelegt, eine Video-Metapher mit Schleifpapier und Kniefällen auf rauen Elbwegen, dazu die bedrückende Aufnahme mit dem Schauspieler Joachim Nimtz, der von seinen Stasiverstrickungen spricht, verquickt mit Wende-Bildern. Wahrhafte Zeitschichten in einem Raum, der an sich schon geschichtsträchtig ist.

Merkwürdig geht es zu, wenn die Gäste im Foyer vom 2. Rang ein Archiv der Kuriositäten besuchen. Sorgfältig wird da analysiert, registriert und als Jahrhundert-Fund die Garderobenmarke 4162 gefeiert, die einem Besucher unter dem Allerwertesten hervorgezaubert werden konnte, noch bevor er sich für alle Zeiten vernichtend auf ihr niederließ. An der Wand gibt es zudem gerahmte Raritäten. Darunter ein gespendetes Brötchen aus Chemnitz, das von einem Fluthelfer im Schauspielhaus offenbar nicht verspeist wurde. Gabriele Gorgas

"Sie befinden sich hier", theatraler Parcours im Schauspielhaus, wieder am 17. und 22.11., 1., 6. und 7.12., jeweils 18 Uhr, und am 15.12., 17.30 Uhr. Obwohl die Aufführungen als "ausverkauft" gelten, lohnt sich eine Nachfrage an der Abendkasse.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 16.11.2012

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