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Regional George Taboris „Goldbergvariationen“ auf der Radebeuler Studiobühne
Nachrichten Kultur Regional George Taboris „Goldbergvariationen“ auf der Radebeuler Studiobühne
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19:00 02.04.2017
Johannes Krobbach, Michael Berndt-Cananá und Olaf Hörbe Quelle: Hagen König
Radebeul

25 Jahre nach der Dresdner Erstaufführung im Schauspielhaus bringen die Landesbühnen Sachsen George Taboris (1914-2007) „Goldbergvariationen“ in einer turbulenten Inszenierung des argentinischen Regie-Lehrers Marcelo Diaz auf die Radebeuler Studiobühne. Neben der mehr oder weniger charmanten Unvollkommenheit des Theaters zeigt sie vor allem, was Menschen Menschen antun können, zumal in Berufung auf das Geheiß höher gestellter Wesen.

Am Ende heißt es: Alles noch einmal von vorn, die ganze Geschichte seit der Schöpfung, mit dem Sündenfall, dem Tag, an dem Kain Abel erschlug, bis zu Kreuzigung und Auferstehung. Allzu viel ist schiefgelaufen, an der Inszenierung, in der Geschichte. Lag es am Regisseur, dem ganz großen, der, wie Nietzsche meinte, tot ist, aber demnach jedenfalls existiert haben muss? Oder nur an dem kleinen in irgendeinem Provinztheater, dem es schlicht an den nötigen Voraussetzungen fehlt, innerhalb von sieben Tagen das große Menschheitsdrama als Show auf die Bühne zu stellen und womöglich mit einem optimistisch-humanistischen Impuls aufzulösen?

Olaf Hörbe als Mr. Jay erscheint da als ein eher zweifelhaftes Theatergenie, nervös, fahrig, vor allem cholerisch und nie ganz bei sich – ein wenig an Louis de Funès erinnernd. Je nach dem nur von ihm durchschaubaren Bedarf gibt er sich grausam konsequent oder opportunistisch lavierend, ist Regisseur, Gottvater, ewiger Jude und Beelzebub in einer schillernden Person. Oder einfach ein Macho, sobald etwas Weibliches ins Blickfeld gerät, hier mehr kreuchend als fleuchend in den wechselnden Gestalten, die Julia Vince routiniert annimmt, naiv als Eva, rätselhaft als goldschimmernde Schönheit, fallsüchtig als Maria Magdalena, meist aber als Theaterputze mit dem Wischmopp unterwegs, um die Spuren aller Missgeschicke und Missverständnisse zu tilgen. Die werden ein bisschen dick aufgetragen, als solle der Zuschauer gar nicht auf die Idee kommen, das Theater nähme sich hier selber auf die Schippe oder plaudere aus dem Nähkästchen.

Als mehr oder weniger stümperhaften Inszenierungsversuch mit minimalem Ensemble und kindlichen Requisiten erzählt und variiert der Jude Tabori den Inhalt der christlichen Bibel und vermischt ihn mit der jüngeren Zeitgeschichte. In der Anspielung auf und mit dem Titel von Bachs sogenannten Goldbergvariationen handelt es sich freilich um alles andere als ein vollkommenes Werk. Ironisch, persiflierend, und mit grimmigem Humor übertrug er in dem 1991 geschriebenen Stück die Dialoge zwischen Gott und den Protagonisten seines auserwählten Volks auf die zwischen dem Regisseur und seinem Assistenten und lässt mit grimmigem Humor die Grenzen zwischen Theater und Realität, Mythos und realer Geschichte immer wieder verschwimmen. Goldberg (Michael Berndt-Cananá), der widerborstige Assistent des Regisseurs, ist im Unterschied zum gelehrigen Schüler des Komponisten ein orthodoxer Jude, der aber wie alle anderen lernen muss, dass man sich seine Rollen, im Leben wie auf dem Theater, nicht aussuchen kann.

Die Herausforderung, hinter der mal beinah billigen, mal bösen Posse die Tragik und den Ernst der Auseinandersetzung zu zeigen, ist groß, und gerecht wird man ihr vor allem dann, wenn auf albtraumartig zugespitzte Szenen ein trügerisch gnädiges Erwachen folgt, etwa nachdem Abrahams Messer einen Moment zu früh willfährig den Sohn tötet.

Gott hat sich sein Volk ausgesucht, ob es wollte oder nicht, und immer wieder Stämme, die ihm nicht folgten, gnadenlos ausgerottet – die Vergleiche sind nur einem wie Tabori erlaubt.

Hier aber mangelt an Personal, das sich zudem eher streik- als arbeitswillig zeigt. Für Aron und Moses müssen zwangsläufig Jay und Goldberg herhalten, wenn wenigstens ein paar wilde Juden gebraucht werden, die orgiastisch ums goldene Kalb tanzen – ausgerechnet mit ihrem dilettantischen Trash-Metal schaffen es Tom Hantschel, Felix Lydike und Johannes Krobbach, die Unverbindlichkeit des Possenspiels zu überwinden, während der Witz mancher Szene davor weitgehend auf körperliche Gegensätzen baut: zwischen dem massigen, schräg kostümierten Hantschel und den beiden Jungen, dem dunklen Felix Lydike und dem schmalen blonden Johannes Krobbach, die schließlich als arme Sünder den Goldberg begleiten, wenn er als dieser Joschua oder Jesus oder einer dieser immer wieder auftauchenden Schwärmer für Liebe und Gerechtigkeit ans Kreuz geschlagen wird. Das Ganze bleibt ein wenig unentschieden, weil Hörbe den fatalen Sarkasmus Jays weder in provokantem Zynismus enden lässt, noch in einer frohen Botschaft auflösen kann oder will.

Aufführungen: 8. und 15. April, Landesbühnen Sachsen, Studiobühne, Radebeul

Von Tomas Petzold

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