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Genie oder nicht Genie? - Satter Beatpol-Abend mit The Brian Jonestown Massacre

Genie oder nicht Genie? - Satter Beatpol-Abend mit The Brian Jonestown Massacre

Man freut sich ja schon, hat eine Band mal drei Gitarristen auf der Bühne. Dass bei den Indie-Urgesteinen The Brian Jonestown Massacre (BJM) am Donnerstag mitunter fünf Gitarristen da standen und in die Saiten schlugen, steht für diesen Beatpol-Abend.

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The Brian Jonestown Massacre im Beatpol. Wie selbstverständlich in der Mitte: Klangholz-Spieler Joel Gion.

Quelle: Dietrich Flechtner

Der satt war und einen vollgepumpt hat. Der Beatpol: ein pulsierender Gitarrenmuskel. Kraftdurchströmt, die Fasern fest und dicht gewachsen. Das ganze unterlegt mit Synthi, Schlagzeug, Bass und der Galione "Tänzelnder Mann mit Tamburin". Damit füllten die insgesamt acht Musiker von The Brian Jonestown Massacre den Beatpol und durchwalkten eine große organische Publikumsmasse, die alles aufsog, was zu kriegen war.

Es war eine Art erlösende Stimmung im Zuschauerraum. Sie hielt sich die fast zwei Stunden, in denen die Jonestowner das zelebrierten, was man Psychedelic Rock nennt, weil die Gitarren einen so schön einhüllten und durchzogen und man kurz abdriften konnte, ohne was zu verpassen, weil alles immer noch da und gut war, wenn man wieder da war.

Der Abend hatte zwei Schwächen und zwei Kuriositäten. Zuerst das Kuriose: 1. Die Musiker überreichten einem weiblichen Fan ein Bassdrumfell von Jonestown. Weil das ihr 100. BJM-Konzert gewesen sei. 2. Der Tamburin-Mann Joel Gion. Nur mit dem Tamburin in der Hand, hin und wieder zwei Klanghölzern. Dazu das raue Kotelettengesicht eines Seemanns oder Arbeiters in den Dogs von Manchester. Aber beim Tamburinschlagen die Geschmeidigkeit eines Village People. Zur (wahrlichen) Krönung stand Gion vorn in der Gitarristenreihe. Mittig. So mit dieser Straightness und Selbstverständlichkeit noch nie gesehen. Ganz groß.

Wie er sind alle von BJM mittlerweile Herrschaften zwischen 40 und 50. Unangefochtenes Zentrum (trotz dass er am linken Bühnenrand stand), die Ursubstanz von The Brian Jonestown Massacre, aus der alles hervorgeht und alles wieder hineinführt: Anton Newcombe.

Man hört ja so einiges von diesem heute in Berlin lebenden Ex-Junkie, dessen Lebensfluid lange Zeit Heroin war, der 14 Alben herausgebracht hat, der 40 Musiker durch seine Band schleifte, sich selbst mit Gott verglichen hat und der sich auf der Bühne auch mit seinen Bandkollegen und wahlweise dem Publikum prügelte. Im Beatpol blieb es ruhig. Newcombe zurückgenommen, mit Brille. Er ist älter geworden, ist Vater geworden, und vielleicht ist sie nun leichter, die Beweislast, dass er ein unerkanntes Genie ist oder überhaupt eins.

Schon mit dem dritten Song wurde das Konzert zum Selbstläufer. Es war "What you isn't" vom aktuellen Album "Revelation" (2014). Sie hätten dieses Lied noch die weiteren anderthalb Stunden bis zum Konzertende spielen können. Einfach durchspielen. Nicht nur weil "What you isn't" ein so schön pumpendes Lied ist, dass es Blut, auch ohne Herzschlag, zum Anlass nehmen würde, zu fließen, das Extrakt dieses Konzerts. Der Song jedoch offenbart auch eine der zwei Schwächen des Abends.

Das zweite sei schnell abgehakt: keine Zugabe. Angeblich hätten sie ohnehin länger gespielt, als sie sollten. Ja okay, aber keine Zugabe ist keine Zugabe. Ritual ist Ritual, Weihnachten fällt auch nicht aus, ohne Gefühlsvakuum zu hinterlassen. Die Pfiffe kamen ja dann auch. Die gewichtigere Schwäche: Dass sie nur beim allerletzten Song auch ihr Allerletztes aus den Gitarren herausgeholt haben, dass BJM an diesem Abend jeden zweiten Song mit Rauschpotential kurz vor seiner Furiosität, die manchmal einfach nur bedeutet hätte, den Song 13 Minuten lang zu spielen und das Furiose nicht nur anzudeuten, dass sie dann jeweils den Song beendeten. Wie ein Niesen, das kurz vorm "Hatschi" verreckt. Das Gitarrengewitter zum Schluss lassen wir als Minimalversöhnung gelten.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 14.06.2014

Robert Kaak

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