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Generaldirektor Hartwig Fischer zum Dresdner Kunstfest: "Wir wenden uns an alle und jeden"

Generaldirektor Hartwig Fischer zum Dresdner Kunstfest: "Wir wenden uns an alle und jeden"

Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) veranstalten vom 4. bis 30. September ein "Dresdner Kunstfest". Der von SKD-Generaldirektor Hartwig Fischer nicht näher bezifferte Etat dafür speist sich "aus Mitteln des Bundes und des Freistaates Sachsen", sagte er im Interview mit den DNN.

Frage: In sehr kurzer Vorbereitungszeit ist von den SKD ein "Dresdner Kunstfest" organisiert worden. Wie kam es dazu?

Hartwig Fischer: Wir haben durch eine günstige Konstellation kluger, kreativer Köpfe die Möglichkeit, etwas zu realisieren, was uns besonders wichtig ist: Den Menschen in Dresden und in Sachsen und unseren Gästen von auswärts zu vergegenwärtigen, dass Elbflorenz deshalb eine bedeutende Kulturstadt ist, weil über Jahrhunderte die Kulturen der Welt hier nicht nur gesammelt wurden, sondern weil sie die eigene künstlerische Hervorbringung entscheidend geprägt haben. Kein Meißen ohne China. Das weiß hier jeder, aber was bedeutet das heute, für uns? Weltoffenheit ist eine schöne, inspirierende Verpflichtung! Auch liegt uns an der Verbindung der verschiedenen Künste, die in besonderer Weise neue Erfahrungen ermöglicht.

Die Initialzündung ist ein Gespräch am Rande einer Bundestagssitzung gewesen, in dem es um die aktuelle Situation in Dresden ging, um Weltoffenheit und Fremdenfeindlichkeit, um die Rolle und Verantwortung der Kultur. Dem schlossen sich Gespräche mit dem Bundeskulturministerium (BKM) unmittelbar an.

Seit wann ist das Kunstfest in Planung? Was hat Sie bewogen, die Verantwortung dafür Daniel Kühnel, hauptberuflich Intendant der Hamburger Symphoniker, zu übertragen?

Die Möglichkeit hat sich kurzfristig ergeben, und entsprechend müssen wir planen. Daniel Kühnel hat mit den Hamburger Symphonikern Großartiges geleistet, indem er an den unterschiedlichsten Orten - außerhalb der üblichen Veranstaltungshäuser - Konzerte veranstaltete und so die Wahrnehmung von Geschichte, Kultur, Musik und Kunst und die Wahrnehmung ihrer Beziehung untereinander schärfte. Diese seltene Fähigkeit, sich auf Orte, ihre Geschichte und Problematik künstlerisch präzis einzulassen, war ausschlaggebend. Er selbst hat sofort das außerordentliche Potential in Dresden erkannt. Es war uns in den SKD wichtig, so wie in anderen Bereichen unserer Arbeit, auch hier das Nachdenken und den kritischen Blick von außen zu integrieren.

Haben Sie Einfluss auf die Programmgestaltung genommen?

Wir haben viele Gespräche mit Daniel Kühnel über die Stadt, ihre Kultur, ihre Geschichte und Gegenwart, und über die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden geführt. Er selbst hat sich mit großer Intensität eingearbeitet und ist mit vielem vertraut. Die künstlerische Verantwortung, die Wahl der Werke und der Musiker liegt bei ihm. Er hat mit Oliver Geisler einen in Sachsen und seiner Musiktradition besonders kundigen und verwurzelten Dramaturgen gewonnen.

Gibt es eine inhaltliche Vorgabe von Seiten des Geldgebers?

Es gibt Erwartungen an die künstlerische Qualität und an die Relevanz des Festes in der heutigen Situation, aber es gibt keine Vorgaben.

An wen wendet sich das Dresdner Kunstfest?

Absolut an alle. An alle, die - in welcher Form und Intensität auch immer - Interesse an Musik, Kunst, Kultur, Geschichte und Architektur haben, an der Zukunft dieser Stadt und an den gesellschaftlichen Fragen der Gegenwart. Und auch an die, die großartige Musik und großartige Musiker in einem einzigartigen Ambiente hören wollen.

Wenn Sie mit Nichtdresdnern über Ihre jetzige Wirkungsstätte sprechen, wie werden die Stadt, ihre Bewohner und deren Denk- und Verhaltensweisen außerhalb wahrgenommen?

Dresden gilt vor allem als eine Hauptstadt der Kultur. Aber der Ausbruch von Fremdenfeindlichkeit, von offenem Fremdenhass und von Gewalt wird genau und mit Schrecken gesehen, und zwar weltweit. Wie wir Menschen aus anderen Ländern hier empfangen und mit ihnen umgehen, das wird weiterhin die Wahrnehmung der Stadt prägen.

Wie, denken Sie, kann diese Veranstaltungsreihe eine tatsächlich "NEUE Innen- und Außenwahrnehmung der weltoffenen Stadt im Spiegel ihrer Kunst durch Musik" erreichen?

Indem sie klar macht, dass Kunst durch Austausch entsteht zwischen Kulturen, dass wir auf die Anderen hören müssen, um unser Eigenstes erschließen und entwickeln zu können. Gerade das "barocke Dresden" ist dafür ein großartiges Beispiel: Das war ein weltoffener, internationaler, in vielem überaus fortschrittlicher Ort, an dem andere Maß nahmen.

Wie sollen speziell jene Menschen angesprochen werden, denen nicht bewusst ist, dass sich Dresdens Ruf als Kulturstadt und im Speziellen der museale Reichtum der Staatlichen Kunstsammlungen auf Weltoffenheit und Internationalität gründet? Gibt es eine besondere Werbe-strategie?

Auf diese Bezüge, die manchmal offensichtlicher und manchmal feiner gesponnen sind, weist das Programm ausdrücklich hin, insgesamt, aber dann auch zu jeder einzelnen Veranstaltung, so dass sich auch die weniger Eingeweihten schnell und sicher orientieren können. Es wird an den verschiedenen Orten aber auch für alle zu einem ganz unmittelbaren Erlebnis werden.

Mit wie vielen Besuchern rechnen Sie bei den im Rahmen des Kunstfestes über fast vier Wochen hinweg täglich stattfindenden Veranstaltungen? Der zeitliche Vorlauf der Publikmachung des Programms war ja längst nicht so groß wie etwa bei den Dresdner Musikfestspielen...

Gerade die Spontanität kann ein Vorteil sein, weil es besondere Neugierde erzeugt. Wir wenden uns an alle und jeden und haben die Preise bewusst niedrigschwellig gehalten. Die Räume in denen gespielt wird, sind allerdings nicht groß, zum Teil sogar sehr klein. Es kommt uns auf die enge thematische Anbindung an das an, wofür die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden stehen. Wer dabei sein möchte, muss schnell sein.

Im September ist die Veranstaltungsdichte in Dresden ganz besonders hoch: Die Kulturinstitutionen beginnen ihre neuen Spielzeiten, darüber hinaus gibt es gerade auf dem Gebiet der Musik ebenfalls auf Internationalität setzende Sonderveranstaltungen und steht kurz danach das Internationale Schütz-Fest an, das ja auch reichlich Bezug zu den SKD hat. Warum fiel die Wahl gerade auf den Veranstaltungszeitraum September?

Wir beginnen früher als die anderen, und uns lag daran, jetzt ein Zeichen zu setzen, aus den SKD heraus und im direktesten Bezug auf die Sammlungen. Diese Besonderheit der Synästhesie, also der gleichzeitigen Wahrnehmung mit mehreren Sinnen, ist eine Besonderheit unseres Festes, das mit den anderen Veranstaltungen nicht in Konkurrenz steht, sondern im idealen Austausch. Außerdem ist in Dresden gottlob immer viel los; nach der Sommerpause ist die Wahrnehmung frisch und die Aufnahmebereitschaft tendenziell größer. In einer vor allem musikalisch so reichen Stadt wird es wohl niemals einen Zeitraum geben, der ohne parallele Veranstaltungen ist und gleichzeitig für das hiesige und auswärtige Publikum interessant ist. Zahlreiche unserer Veranstaltungen sind ja auch zeitlich so angelegt, dass man z.B. am späten Nachmittag eine chinesische Kun-Oper in unserer Porzellansammlung erleben oder in die Klangwelt der türkischen und arabischen Oud eintauchen - und dann am Abend ein westeuropäisch geprägtes Sinfoniekonzert genießen kann. Wie kann man die Internationalität der Stadt besser erleben!

Hätte das Kunstfest nicht auch die Möglichkeit geboten, in das Programm vorhandene, bereits seit vielen Jahren ausdrücklich auf das Miteinander von Museum und Musik ausgerichtete Initiativen - Beispiel Schlosskapelle -, einzubinden und so auch besser zu unterstützen?

Einige, die in der Kapelle spielen, andere, die wir dort schon seit langem gerne hören würden, wie den Dresdener Kammerchor unter Rademann, treten im Rahmen des Festes auf. Hinzu kommen in Dresden aufgewachsene, heute in anderen Regionen tätige Musiker oder internationale Stars, die sich mit Dresden verbunden fühlen und denen es ein besonderes Anliegen ist, mit ihrer Kunst zum guten kulturellen und gesellschaftlichen Klima der Stadt beizutragen. Das heißt, wir können jetzt, gerade auch im Zusammenwirken mit den anderen Veranstaltern, zeigen, welches Potential die Kapelle hat. Aber das Dresdner Kunstfest ist kein Schlosskapellen-Musikfest. Die Schlosskapelle ist ein wichtiger Ort, sicher, aber bei weitem nicht der einzige interessante Veranstaltungsraum unseres Kunstfestes. Die besondere Faszinationskraft des Kunstfestes liegt ja gerade auch darin, Museumsräume wie die Türckische Cammer oder den Riesensaal erstmals musikalisch zu erleben. Es gibt kein Entweder-Oder zwischen der fokussierten Form des Dresdner Kunstfestes und einer kontinuierlichen musikalischen Nutzung der Schlosskapelle. Ich habe sogar die Hoffnung, dass durch das Kunstfest der auratische Kapellraum noch stärker ins Bewusstsein tritt und vielleicht auch den einen oder anderen Unterstützer anlockt. Denn eines ist klar: Ohne zusätzliche Unterstützung kann die Schlosskapelle nicht ihr volles künstlerisches Potential entfalten.

Ist das Dresdner Kunstfest der SKD in dieser Form ein einmaliges Ereignis, oder denken Sie bereits über eine Fortsetzung nach?

Es ist als ein einmaliges großes Fest gedacht, für die Dresdener und für unsere Gäste! Wir hoffen, dass wir auch viele Menschen aus anderen Ländern, die in Dresden leben und arbeiten, bei uns begrüßen können. Nach Abschluss des Festes werden wir gemeinsam prüfen, welche Schlüsse aus den Erfahrungen zu ziehen sind.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 20.08.2015

Kerstin Leiße

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