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Regional Gehasst, verdammt, vergöttert – die Böhsen Onkelz feiern in Leipzig
Nachrichten Kultur Regional Gehasst, verdammt, vergöttert – die Böhsen Onkelz feiern in Leipzig
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19:31 24.06.2018
80.000 feierten die Böhsen Onkelz auf dem Festivalgelände vor den Toren von Leipzig. Quelle: Leipziger Volkszeitung, Leipzig
Leipzig

Es ist der 18. Juni 2005: Auf dem Lausitzring geben die Böhsen Onkelz ihr letztes Konzert. Nach 25 Jahren entscheidet sich die von vielen gehasste, von nicht weniger Menschen verdammte und von mindestens genauso vielen vergötterte Band aus Frankfurt/Main „Adioz“ zu sagen - und ich bin dabei gewesen. Die Böhsen Onkelz haben mich seit den 1990ern begleitet, seit ich mich damals mit der als rechts deklarierten Band eingehend beschäftigt habe. Wir haben Trennungen und neue Lieben miteinander geteilt, selbstverständlich auch reichlich Konzerte. Als Journalist hatte ich sogar die Gelegenheit, alle vier - Kevin Russell (Gesang), Matthias „Gonzo“ Röhr (Gitarre), Stephan Weidner (Bass) und Peter „Pe“ Schorowsky (Schlagzeug) - zu interviewen und ein wenig kennenzulernen.

Fast auf den Tag genau 13 Jahre nach dem Abschied, bei dem 120.000 Fans einen kollektiven Kloß im Hals hatten, stehe ich nun auf dem Neuen Messegelände im Leipziger Norden, beim „Matapaloz“ der Böhsen Onkelz. Das Festival hatte zuletzt, nach der Wiedervereinigung der Band im Jahr 2014, auf dem Hockenheimring in Baden-Württemberg stattgefunden. Nun also wieder der Osten. Es ist mein erstes Konzert nach der Reunion - weil ich trotz einiger Touren, die auch in Leipzig ausverkauft waren, die Onkelz boykottiert habe. Auf dem Lausitzring war eben ein Schlussstrich gezogen worden. Jedenfalls für mich. Was danach kam, hatte meines Erachtens in erster Linie kommerzielle Gründe. Doch dann kam die alles entscheidende Frage eines Kulturkollegen, die eine Gewissensentscheidung darstellte: Kannst du vom „Matapaloz“ berichten? Nach einer Nacht des Drüberschlafens sagte ich: Ja.

Mit einem mulmigen Gefühl im Magen lasse ich mir an der Kasse das Bändchen, das als Eintrittskarte dient, über das linke Handgelenk streifen. Zum eigentlichen Festivalgelände, zwischen Glashalle und Autobahnzubringer Messegelände, braucht es zu Fuß mindestens eine Viertelstunde. Nach einem eingehenden Abtasten am Eingang öffnet sich der „El Barrios“, der sogenannte Marktplatz: Ein Dorf mit lateinamerikanischem Flair, Dutzende Holzbuden, eingerahmt von gewaltigen Eisenskulpturen. Hier herrscht bereits heiterer Trubel, wird schon am Mittag bierselig angestoßen und ausgelassen das Kommende gefeiert, werden von 20 Tätowierern Bilder gestochen und daneben PS-starke schwarze, knatternde Motorräder - auch sie gehören zu den Onkelz - eingehend begutachtet.

Unter der Hand macht ein Gerücht die Runde: Die Onkelz sollen als eigene Coverband Los Tioz auftreten. Stephan Weidner, der Bassist, hatte so etwas in einer Youtube-Botschaft angedeutet. Und tatsächlich: Am Freitag um 13.30 Uhr eröffnet die „weltbeste Onkelz-Coverband“, wie Weidner grinsend kundtut, das Festival auf der kleineren Wildstyle-Bühne, dem Zentrum des El Barrios. Der erste Song, den Kevin Russel herausschreit, heißt „Guten Tag“ vom Album „Kneipenterroristen“, das auch schon schlappe 30 Jahre auf der Rille hat. Die ersten Zeilen lauten: „Guten Tag, erkennt ihr mich. Wisst ihr nicht, wer ich bin. Seht ihr den Hass in meinem Gesicht. Ich nehme Leben jeden Sinn. Ich zeige Dir eine andere Welt. Komm reich mir Deine Hand. Ich bin das Böse tief drin in Dir. Ich nehm’ Dir den Verstand.“ Zwei Jahre zuvor, 1986, war „Der nette Mann“ wegen Gewaltverherrlichung indiziert worden.

LVZ-Autor Andreas Debski beim Matapaloz-Festival 2018 in Leipzig Quelle: privat

An den Onkelz mögen keine Dichter verloren gegangen sein - aber sie schaffen etwas, das kaum einer Band in diesem Maß gelingt. Auf den Konzerten herrscht im Pulk eine seltsame, in der Realität nicht existente Mischung aus Nichten und Neffen. Punks und Altlinke tanzen Seit an Seit mit Normalos und, ja, auch Rechten, die in der absoluten Minderheit sind und von denen sich die Band immer wieder auch von der Bühne herab distanziert hat. Wem auch immer ich auf dem Festival für eine LVZ-Umfrage auflauere - stets wird das Familiäre betont, das von der Band längst auch mit einer Attitüde des Unverstandenen, des Andersseins und sogar Aussätzigen zum Geschäftsmodell erhoben wurde. Die Band generiert sich gern als Bösewichte, was schon der Name sagt, und Songs, von denen jeder Einzelne als Hymne dienen könnte. Sie bietet etwas, einen kleinsten gemeinsamen Nenner, den man nicht gut heißen muss, ihn aber akzeptieren darf. Die Onkelz wenden sich gegen das Establishment - und sind ihr eigenes Establishment geworden.

Nachdem sich Los Tioz nach elf Songs aus dem El Barrios zurückziehen und als Onkelz auf den späten Abend vorbereiten, wärmen Pro Pain (mit dem Coversong „Terpentin“, den sie erstmals auf dem Lausitzring spielten), D-A-D, Arch Enemy und Megadeth mit dem früheren Metallica-Saitenzauberer Dave Mustaine die wippende und schunkelnde Menge zwischen kräftigen Regenschauern und sengenden Sonnenstrahlen auf. Vorbands hatten es bei eingeschworenen Onkelz-Fans traditionell schwer, doch diese Lehre wird beim „Matapaloz“ widerlegt. Eine Erfahrung, die am Sonnabend unter anderem die Mittelalter-Rocker In Extremo, Phil Campell (Ex-Motörhead) und Rose Tattoo aus Australien teilen.

Zu den Vorbands der vergangenen Jahre zählen beispielsweise auch Toxpack, die in der Punkszene aufgrund der Onkelz-Vergangenheit kritisiert werden. Die Hardcore-Punker The Exploited erteilten den Frankfurtern mit Skinhead-Geschichte im vergangenen Jahr trotz Konzertabsage, wegen Anfeindungen aus dem eigenen Lager, ihre Absolution: „Wir können nachvollziehen, wie es für sie sein muss, dass es trotz ihrer Distanzierung von Rassismus etc. immer noch Leute gibt, die ihnen nicht glauben und sie nicht akzeptieren. Uns ist es über die Jahre genauso ergangen.“ Ähnlich hatten sich schon vor Jahren Mick Jagger und Keith Richards von den Rolling Stones, für die die Onkelz als Vorband fungierten, nach eingehender Prüfung geäußert. In der Öffentlichkeit wird dennoch gern das Attribut umstritten vorangestellt, wenn es um die Band geht. Dabei sind sie schon lange Mainstream.

Die Böhsen Onkelz treten auf dem „Matapaloz“ schließlich sowohl am Freitag als auch am Sonnabend pünktlich 21 Uhr auf die 60 Meter breite und 18 Meter hohe Bühne, die von einem Argentinier im Leipziger Süden gebaut wurde. Eröffnet wird auch hier, wie schon von den Los Tioz, mit „Guten Tag“, die jeweils fast dreistündigen Programme haben keine Überschneidungen, bieten mit 50 Songs einen Blick auf nun 38 Jahre - die Unterbrechung von 2005 bis 2014 mitgerechnet - Onkelz-Geschichte. Für mich ist es wie damals, und dann doch wieder nicht, eigentlich ganz anders. Es war sicherlich eine gute Entscheidung, dem Kulturkollegen zuzusagen. Ob es für mich ein weiteres Onkelz-Konzert geben wird, weiß ich noch nicht. Aber es steht ja auch noch nicht fest, ob das „Matapaloz“ im nächsten Jahr wieder in Leipzig stattfinden wird.

Von Andreas Debski

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