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Ganz anders: im Lauten und im Leisen

Staatsoperette Ganz anders: im Lauten und im Leisen

Platz, Raum, Luft und zum ersten Mal hervorragende akustische Bedingungen – Andreas Schüller freut sich im DNN-Interview auf die neue Spielstätte

Das Orchester der Staatsoperette im neuen Saal, rechts vorn mit Taktstock Chefdirigent Andreas Schüller.

Quelle: Stephan Floß

Dresden. Jacques Offenbachs beliebte Operette „Orpheus in der Unterwelt“ ist die Eröffnungspremiere der Staatsoperette Dresden an ihrer neuen Spielstätte im Kraftwerk Mitte. Regie für die Neuinszenierung führt Arne Böge, am Pult steht Chefdirigent Andreas Schüller. Die Kostüme stammen von Uta Heiseke, Bühnenbild und Projektionen von fettFilm. Die Choreografien Stück schuf Radek Stopka.


Was war Ihr erster Eindruck vom neuen Haus?

Der erste Eindruck entstand, als ich auf der Baustelle war. Wo jetzt die Bühne ist, war ein großes Loch, und in dem stand ein großer Baukran. Der Orchestergraben wurde während der ganzen Bauarbeiten als Auffangbecken für Brackwasser benutzt; ein Tümpel schmutzigsten Regenwassers. Danach begann eigentlich eine Zeit der vielen Einzelüberraschungen, z.B. als die Zuschauersitze komplett eingebaut waren. Da entstand das Gefühl, jetzt wird es. Seit Oktober sind wir nun im Gebäude und haben begonnen, für die Premieren zu probieren. Jetzt hat man schon erste Erfahrungswerte gesammelt und Vor- und Nachteile kennengelernt.

Worin bestehen die Vorteile?

Die großen Vorteile sind Platz, Raum, Luft. Man kommt in ein helles und, wie ich finde, architektonisch spannendes Foyer; und in einen Zuschauersaal, der die räumliche Bedrücktheit, wie sie in Leuben herrschte, vergessen macht. Wir haben endlich eine Klimaanlage. Da stellt sich schon das Gefühl der Zufriedenheit ein, bevor man überhaupt angefangen hat zu spielen. An der alten Spielstätte war es unmöglich, große Bühnenbildwechsel oder gar Umbauten in einem Akt zu machen. Jetzt haben wir links und rechts sehr große Flächen und endlich dazu eine Hinterbühne, wo auch unsere Drehbühne geparkt ist. Auf diese Weise sind wir unglaublich flexibel geworden. Und vor allem haben wir tatsächlich nun zum ersten Mal hervorragende akustische Bedingungen. In Leuben saßen die Musiker teilweise unter der Bühne, hier hat man nun einen viel größeren Orchestergraben, so dass der Kontakt zwischen Bühne und Orchester auf Anhieb viel besser ist.

Wie viele Musiker insgesamt sitzen hier im Orchestergraben?

Für die Eröffnungsgala beispielsweise sind es bis zu 60 Musiker. Ein weiterer Vorteil ist, dass wir hier eine sehr gute Beschallungsanlage haben, die für Musicalaufführungen hervorragende Bedingungen schafft. Und die Bühne ist natürlich viel größer als in Leuben: Es gibt jetzt für alle Darsteller genügend Platz, und die Choreografien können viel ausladender sein. Das sind äußere Bedingungen, die sofort auch große Auswirkungen auf die Ästhetik haben.

Und was meinen Sie mit Nachteilen?

Im Moment fehlt es uns noch an der notwendigen Spielpraxis, um mit dem Gebäude und der neuen Bühne routiniert umzugehen. Auch sind die Wege viel weiter, und einige der von uns benötigten Proberäume stehen uns leider immer noch nicht zur Verfügung.

Wie verbessert sich der Klang, in Leuben konnte er sich ja nicht wirklich entfalten?

Das ist natürlich hier ganz anders. Grundsätzlich sind zunächst erst einmal ganz andere Lautstärken möglich, sowohl im Leisen als auch im Lauten. Musikalisch wird mehr Dramatik möglich sein als im alten Theater. Und mein erster Eindruck ist, dass wir uns gegenseitig viel besser hören können. Aber auch an die verbesserten klanglichen Bedingungen muss man sich erst einmal herantasten.

Die Blüte der Kunstgattung Operette scheint im allgemeinen vorüber, aber es gibt auch heute noch immer ein Publikum, insbesondere in Dresden, das dem Genre absolut die Treue hält. Verstehen Sie den politischen und finanziellen Kraftakt, der zum Neubau der Staatsoperette hier mitten im Zentrum geführt hat, als Statement der Stadt Dresden für dieses Genre?

Ja, unbedingt. Es gibt in Europa nur noch sehr wenige Häuser, die sich dem Genre mit einer solchen Intensität zuwenden, dass man von einer Spezialisierung sprechen kann. Das sind neben uns die Musikalische Komödie in Leipzig, das Staatstheater am Gärtnerplatz in München und natürlich die Volksoper in Wien. Und vor allem in den letzten Jahren auch die Komische Oper Berlin. Dort hat es der Intendant in den vergangenen Jahren geschafft, an das anzuknüpfen, was es in den 20er Jahren schon mal gab: einen unglaublichen Enthusiasmus fürs unterhaltende Musiktheater. Zu meiner Studentenzeit in den 90ern war das aus der Mode gekommen, da wollte man Musiktheater mit ungeheurer Ernsthaftigkeit betreiben. Die Rechtfertigung für Musiktheater sah man darin, intellektuell, politisch und gesellschaftskritisch zu sein.

Da schien dieser alte Zopf Unterhaltungstheater unbrauchbar zu sein...

Man kann auf der einen Seite damit ungeheuren Spaß und Unterhaltungswert erzeugen, auf der anderen aber die Leute auch emotional erreichen. In Dresden hat das Genre sein Publikum nie verloren. Der Kampf um den Theaterneubau vor zehn Jahren wäre ja nie erfolgreich gewesen ohne die große Identifikation der Stadt mit diesem Theater. Und entscheidend ist auch die inhaltliche Ausrichtung, eben nicht nur Operette zu machen, sondern den Begriff weiter zu fassen auf musikalisches Unterhaltungstheater. Es ist eine alte Weisheit: Um Komödie zu spielen, braucht es gerade ganz großer Ernsthaftigkeit, sonst gelingt es nicht. Wir haben neben der Operette auch Spieloper und Musical im Spielplan, und das sind die Leistungsmerkmale unseres Theaters, die es im 21. Jahrhundert verankern.

Neue Musiktheaterwerke sind rar in unserer Gegenwart, von neuen Operetten ganz zu schweigen...

Ich finde sehr bedauerlich, dass im Moment keine neuen Werke entstehen. Aber ich bin mit einigen Komponisten in Kontakt und halte es nicht für ausgeschlossen, dass es für das Genre weitergeht. Vieles hat sich aber auch in den Bereich des Musicals verlagert. Vielleicht sind aber die begrifflichen Abgrenzungen zwischen Operette und Musical bereits überholt. Es ist alles im Fluss.

Warum wurde Offenbachs „Orpheus in der Unterwelt“ als Eröffnungspremiere gewählt?

Das haben wir lange diskutiert. Wir wollten mit einem bekannten Werk eröffnen, aber es sollte nicht „Die Fledermaus“ sein. Zwischendurch gab es auch ausgefallenere Ideen, aber wir haben dann den „Orpheus in der Unterwelt“ auch deshalb genommen, weil er sehr lange nicht mehr gespielt wurde an der Staatsoperette. Und wir haben mit dem neuen Haus technische Bedingungen, die es erlauben, die Geschichte anders, attraktiver und aufwendiger zu erzählen.

Die Frage nach Aktualität durch Inszenierung stellt sich nicht nur in der Oper und im Schauspiel, sondern in der Operette auch...

Sicher. Konwitschny hatte hier in Dresden 1999/2000 „Die Csárdásfürstin“ zu dem gemacht, was sie wirklich war: ein Erstes-Weltkriegs-Stück. Viele im Publikum fühlten sich provoziert. Die Frage ist grundsätzlich, ob man ein Stück sehr äußerlich und deutlich, fast zwanghaft, zur politischen Aktualität presst, oder ob man subkutan bleibt. Das muss man natürlich aus ästhetischer Sicht jeweils neu beantworten. Es zeichnet Offenbach aus, dass die Dinge immer verklausuliert angesprochen wurden. Dieses nur Andeuten, das dem Zeitgeist verhaftet ist, geht mit der Übersetzung und mit dem Jahrhundert verloren. So muss man bei jeder Neuinszenierung entscheiden, wie damit umzugehen sein. Ich stehe nicht auf dem Standpunkt, dass jede „Carmen“, jeder „Don Carlos“ und jede „My Fair Lady“ an der Tankstelle spielen müssen.

Die Werkstätten sind nicht im neuen Haus, aber die Kulissen für die verschiedenen Produktionen einer gesamten Spielzeit können hier im Kraftwerk Mitte eingelagert werden. Wie viele Stücke spielt die Staatsoperette in einer Spielzeit?

In der Eröffnungsspielzeit sind es fünf Neuproduktionen, insgesamt zehn verschiedene Stücke. Nächstes Jahr kommen dann noch einige dazu.

Welche Werke wollen Sie selbst gerne und unbedingt hier dirigieren?

Da hat man ständig neue Ideen. Jetzt möchte ich aber erst einmal diese Spielzeit abwarten, um in Erfahrung zu bringen, was man hier alles tun kann. Denn Wunschträume sind das eine, aber die Frage, was an einen Standort und zu einem Publikum passt, das andere. Ich bin sehr froh, dass wir jetzt mit „Die Hochzeit des Figaro“ eine zweite Mozart-Oper in den Spielplan nehmen; „Die Zauberflöte“ wird ja auch wiederkommen. Wir haben das Sängerensemble, um das weite Feld der Spieloper abzuschreiten. Und wir werden natürlich weiter in den 20er und 30er Jahren fündig werden.

Streben Sie Synergien mit dem anderen Theater im Kraftwerk, dem tjg, an?

Ich wünsche mir natürlich, dass wir punktuell zur Zusammenarbeit finden. Wir hatten ja bereits in der vergangenen Spielzeit zwei Puppenspieler des tjg bei uns in „Das Märchen vom Zaren Saltan“. Das war eine sehr harmonische und erfolgreiche Zusammenarbeit, ein vielversprechendes, erstes Kennenlernen.

Vielleicht kann die Staatsoperette auch so neues, junges Publikum zu sich holen, eine Verjüngung desselben wird von Funktionsträgern immer wieder von den Theatern eingefordert...

Das ist ein Problem, das nicht nur Theater haben. Die Welt ist im Fluss. Ich finde diese ständige Forderung nach Verjüngung zwar gerechtfertigt, aber sie ist auch ein bisschen unfair gegenüber unseren langjährigen Zuschauern. Namentlich das Medium Operette ist nicht für jeden 14-Jährigen geeignet. Es käme ja auch nie jemand auf die Idee, den Erfolg einer „Götterdämmerung“ in der Semperoper über die Anzahl der jungen Zuschauer zu definieren. Die Frage hier wäre doch, ob die Wagnerianer dieser Welt diese Aufführung mögen. Und niemand würde fragen, wie viele Senioren in eine Kinderopern-Aufführung kommen, um deren Erfolg zu bemessen. Ich bin jedenfalls sehr stolz auf unser treues Publikum

Vielleicht einigen wir uns auf Fortsetzung statt Verjüngung...

Ja, darauf können wir uns einigen.

Könnte die gestiegene Attraktivität des neuen Spielortes zu einem Run auf Rollen und freie Stellen im Ensemble führen?

Wir haben eigentlich schon seit Jahren gespürt, dass das Interesse gestiegen ist. Zweifellos ist für junge Musiker jede feste Stelle in Deutschland attraktiv. Es werden sehr viele Musiker extrem gut ausgebildet, und die Hochschulen haben in den vergangenen Jahren die Zahl ihrer Studenten massiv erhöht. Es sind allerdings wesentlich weniger feste Orchestermusiker-Stellen zu vergeben. Insofern gibt es ohnehin deutschlandweit schon ein hohes Bewerberniveau. Aber es wird vielleicht leichter für uns, auch hervorragende Gastkünstler zu verpflichten. Da haben wir nun eine attraktivere Ausgangslage.

Interview: Kerstin Leiße

Von DNN

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