Menü
Dresdner Neueste Nachrichten | Ihre Zeitung aus Dresden
Anmelden
Regional Buchautor Eric Stehfest: „Ich stehe für tausend andere Biografien“
Nachrichten Kultur Regional Buchautor Eric Stehfest: „Ich stehe für tausend andere Biografien“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
14:10 08.11.2018
Eric Stehfests Buch „9 Tage wach“ ist ab Sonnabend als Theaterstück zu erleben. Quelle: Agentur
Dresden

Er ist 29 Jahre alt, gebürtiger Dresdner, Schauspieler. Seine Meriten im Metier hat er sich vor allem in der RTL-Serie „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ verdient. Es gäbe also einiges, über das es sich lohnen würde, mit Eric Stehfest zu reden. Doch er ist vor allem über eine ganz andere Sache in den Blick der Öffentlichkeit geraten: mit seinem biografischen Buch „9 Tage wach“, das Stehfests Zeit als Drogensüchtiger thematisiert, seine Abhängigkeit von Crystal Meth. Am Sonnabend feiert das gleichnamige Theaterstück in der Bearbeitung John von Düffels im Kleinen Haus in Dresden seine Uraufführung. Zuvor sprach Torsten Klaus für die DNN mit Eric Stehfest.

Frage: Das Thema ist eine Bearbeitung für die Bühne und kein Film. Wie kam es zu dieser Entscheidung fürs Theater?

Eric Stehfest: Der Weg eines Künstlers sieht immer anders aus – und meistens kommt es komplett anders, als man sich das anfangs vorgestellt hat. Ich bin seit meinem 12. Lebensjahr Bühnenschauspieler, habe am Theater auch angefangen und darüber später den Zugriff zur Schauspielschule bekommen. Ein Dresdner Schauspieler hat mich auf meine damalige Aufnahmeprüfung vorbereitet. Ich habe mich also seit meiner Pubertät über viele Jahre mit theatralen Bildern, mit der Umsetzung von Stoffen auf der Bühne beschäftigt. Und zum meinem Abschluss zum Master of Arts habe ich ein Einmannstück gespielt, Per Lauke vom Lauke-Verlag war dort zufällig anwesend. Als er dann vier, fünf Jahre später das Buch auf dem Tisch hatte, hat er sich erinnert: „Das ist doch der Junge aus diesem Stück.“ So hat er es an John von Düffel weitergeleitet, kurze Zeit später haben wir uns dann auch getroffen.

Der Verleger hat es also eingerührt.

Genau. Außerdem haben mein Co-Autor Michael Stephan und ich ein Manifest geschrieben, wo wir mit dem Buch „9 Tage wach“ eigentlich hin wollen. Ganz klar war: Die Schulen sollten angesprochen werden, das Theater und auch der Filmbereich. Wir hatten sogar schon selbst angefangen, eine Theaterfassung zu schreiben.

Die ist nun aber durch John von Düffel entstanden. Haben Sie dann ganz die Hände davon gelassen oder doch kooperiert?

Anders als bei der Verfilmung, wo ich gerade als Drehbuchautor mitwirke, war es mir ganz wichtig, es abzugeben. Theater sehe ich als Begegnungsort, da geht es weniger um Einzelpersonen, sondern mehr um politisches Denken und darum, Themen aufzumachen, groß zu machen. Dieses Thema, dieses Stück sollte also am Theater auch ohne mich als Person funktionieren. Pars pro toto: Ich stehe für tausend andere Biografien.

Sind Sie zufrieden mit der Umsetzung?

Ich habe noch gar nichts gesehen. Aber ich bin mir sicher, dass es großartig wird. Ich habe die Schauspieler kennengelernt. Und wenn man sich ein bisschen mit dem Regisseur Sebastian Klink beschäftigt, der von der Volksbühne kommt, dann wird einem schnell klar, dass all das dafür sorgt, dass diese drei Schauspieler sich zwei Stunden lang abarbeiten werden. Es geht wirklich darum, menschliche Schmerzen auf der Bühne zu erleben. Die Schauspieler werden leiden, tatsächlich, durch Verausgabung. Auch diesen Zustand zu zeigen, dass die Organe versagen, weil die körperlichen Reserven aufgebraucht sind – die Zuschauer werden mit geröteten Wangen die Premiere verlassen. Dazu kommt noch, dass es eine Dresdner Bühne ist. Die Energie des Buches ist ja größtenteils in Dresden angesiedelt.

Sie haben nun selbst schon das Stichwort Film aufgegriffen. Wie sind da die Pläne?

2019 soll gedreht werden, eventuell könnte der Film auch noch vor Jahresende herauskommen, oder dann im Frühjahr 2020. Wir arbeiten da mit Gaumont zusammen, einer französischen Produktionsfirma. Sie hat Filme wie „Das fünfte Element“ oder „Léon – Der Profi“ gemacht – oder aktueller „Narcos“ mit Netflix. Gaumont hat nun einen deutschen Ableger und will sich auch hier etablieren. Da ist „9 Tage wach“ einer der ersten Stoffe, den sie an den Start bringen.

Mit der Filmschiene dürften Sie auch noch einmal ein anderes, breiteres Publikum erreichen.

Exakt. Wobei ich auch irgendwann darauf hoffe, dass meine Reichweite Leute ins Theater bringt, wenn auch ich mal wieder auf der Bühne stehe.

Das dauert aber nun etwas länger. Ihre Lese-Tour ist auf 2019 verschoben worden. Wird das eher eine Performance als eine klassische Lesung?

Ja, tatsächlich. Es ist eine Lese-Performance, ein Dialog mit den Zuschauern. Die vierte Wand ist offen. Den trockenen Begriff Lesung wollen wir neu und anders schmackhaft machen: durch Visualisierungen, Filmausschnitte, Musik, Live-Sänger – und brachial gesprochene Texte, aus dem Buch vorgelesen, ohne zu atmen.


Kommen wir zum Inhalt von „9 Tage wach“. Es wurden vereinzelt Zweifel geäußert nach dem Motto: Wie kann der Stehfest zehn Jahre abhängig gewesen sein und so gut wie keine sichtbaren körperlichen Schäden davongetragen haben? Doch unbeschadet geblieben sind Sie ja eben nicht.

Dort beginnt die Manipulation in diesem Bereich. Es ist ja eins der Tabuthemen, weil es auch politisch ist, weil mehr als Einzelschicksale dran hängen. Diese Droge wurde für viele Dinge schon benutzt, auch in unserem Land. Wie sie wirklich wirkt und was sie letztendlich mit dem Körper macht, das wissen die wenigsten. Da gibt es so viele unterschiedliche Verformungen und Zustände. Es kommt zum Beispiel stark darauf an, wie sehr man sich selbst von Grund auf pflegt. Benutze ich Shampoo und Zahnpasta oder lasse ich das generell weg, auch ohne Drogen? Außerdem gibt es verschiedene Zusätze und Streckstoffe, mit denen das Methylamphetamin hergestellt wird. Der Reinheitsgrad ist sehr entscheidend. Und wenn man das Glück hat, um es mal so zu sagen, an den richtigen Stoff ranzukommen, dann ist es gut möglich, dass man gewisse Dinge nicht mehr sieht.

Letztendlich weiß auch niemand mehr, wie ich vor acht Jahren ausgesehen habe. Und was ich in den letzten Jahren getan habe, um körperlich wieder stabil auszusehen. Bewusstes Leben, bewusste Ernährung, Sport.

Das ist die Geschichte, wie man rauskommt. Dann gibt es aber noch die, wie man reinkommt. Wie Sie als 14-Jähriger reingegangen, reingerutscht sind, hat dann jedoch weniger überrascht als die Tatsache, dass Ihre Mutter Sie beim Drogennehmen unterstützt hat. Von außen wirkt das skurril.

Ja, das mag sein. Ich glaube, bedingungslose Liebe ist immer skurril. Die meisten wissen auch gar nicht, was das bedeutet. Ich weiß nur, dass es meine Mutter richtig angestellt hat. Sie hatte keine Probleme, ihr Kind zu lieben und alles Nötige dafür zu tun, dass es am Leben bleibt, dass sie so nah wie möglich rankommt. Hätte sie anders gehandelt, hätte es passieren können, dass ich mich entferne.

Ein anderer Moment des Buches, eine Art Tiefschlag, ist der zweier Abtreibungen.

Dort steckt so ein bisschen die Kernbotschaft drin. Das hat viel mit der eigenen Biografie zu tun, mit dem Ablegen alter Traumata. Die Klammer wird ja auch gespannt: Zweiter Weltkrieg, Nachkriegszeit, Aufwachsen ohne Väter. Waren die Väter da, waren sie deformiert. Entsprechend traumatisiert waren dann die Frauen. Deren Körper haben das Kinderkriegen auch abgelehnt, unter solchen Bedingungen will ja niemand Kinder bekommen. Und es gab verdammt viele Abtreibungen. Meine Oma hat fünf Kinder verloren, eins auch auf offener Straße. Meine Mutter auch noch eins oder zwei. Das alles wusste ich lange gar nicht, in welchem Kreislauf ich da selbst drin stecke. Das habe ich dann erst in der Therapie aufklären können. Das ist wichtig, so etwas aufzuarbeiten, gerade familiäre Muster.

Das Buch kann man als Sachbuch lesen, als Roman, als Collage. Sie erzählen auktorial, verstecken sich aber nicht hinter der Figur Eric. Das sind immer Sie, ohne Verfremdung.

Es gab während der gesamten Drogenzeit eine intensive Auseinandersetzung mit der eigenen Stimme. Und die hatte einen Befehlston, sie sagte: „Eric, zieh jetzt!“ Befehl war Befehl, deswegen auch wieder die Verbindung zu den Kriegsheimkehrern.

Wie würden Sie Ihren heutigen Stand beschreiben? Wie sicher ist man?

Man gibt es da nicht.

Dann frage ich anders: Wie sicher sind Sie?

Ich würde sagen, dass mein Name doch Programm ist. „Stehfest“ funktioniert immer besser. Es gibt für mich keine Möglichkeit mehr, zu Crystal Meth zu greifen, aus vielerlei Gründen. Auch durch Ehe und Kind, durch eine gewisse Stabilität im Selbstbewusstsein. Aber es gibt andere Momente. Bei mir sind es die Halluzinogene, die noch immer attraktiv erscheinen. Ich denke, dass ich irgendwann mal im Dschungel LSD nehme und dann das Drehbuch meines Lebens schreibe. Das hat aber viel damit zu tun, dass ich derzeit noch zweifle, gut schreiben zu können. Ich muss also vielleicht noch einmal diese Welt in der Welt sehen, damit ich wieder gutes Zeug schreiben kann.

„Neun Tage wach“, Premiere Sonnabend 19.30 Uhr, Kleines Haus

www.staatsschauspiel-dresden.de

Von Torsten Klaus

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Regional Dresdner Maler von Rang - Karl-Heinz Adler gestorben

Am Sonntag, dem 4. November 2018, ist der für sein Schaffen als Konkreter Künstler in Deutschland und darüber hinaus bekannte Karl-Heinz Adler im 92. Lebensjahr in Dresden verstorben. Wie die seit 2016 das Werk Karl-Heinz Adlers vertretende Galerie EIGEN + ART Leipzig/Berlin mitteilt, wird der Künstler am 20. November 2018 postum mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland geehrt.

05.11.2018

Im Rahmen der Jazztage Dresden macht der Gitarrist Al Di Meola am Montag Station im Erlwein Capitol.

05.11.2018

Beim Filmfestival DOK Leipzig hat der umstrittenen Film „Lord of the Toys“ den Hauptpreis im deutschen Wettbewerb gewonnen. Der Film von Regisseur Pablo Ben Yakov über eine Gruppe Dresdner Youtuber, die sich auf ihrem Kanal wiederholt rassistisch, sexistisch und antisemitisch äußern, bekam eine der begehrten mit 10.000 Euro dotierten Goldenen Tauben zugesprochen.

05.11.2018