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Friedrich Dieckmann sichert Luther-Spuren

Literatur im Reformationsjubiläumsjahr Friedrich Dieckmann sichert Luther-Spuren

Luther an allen Orten im Jahr des großen Reformationsjubiläums. Braucht es da noch eine Veröffentlichung zum Thema? Friedrich Dieckmann meint ja und legt das Buch „Luther im Spiegel“ vor. Das folgt aber nicht dem Schema „Luther und…“, sondern will zeigen, dass alle Dichter und Philosophen, die sich als zugehörig zur deutschen Kultur verstanden haben, um das „sanftlebende Fleisch zu Wittenberg“ (wie Müntzer spottete) nicht herumgekommen sind.

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Friedrich Dieckmann

Quelle: Ekko von Schwichow

Dresden. Im zehnten Jahr der „Luther-Dekade“ sehen wir nun Land; der 31. Oktober 2017 rückt mit Riesenschritten näher – doch was ist das Ziel einer Bemühung, die Hunderte von Veranstaltungen, Dutzende Ausstellungen, Konzerte und Happenings sowie weltweit Tausende publizistische Beiträge und Bücher hervorgebracht hat?

Das Problem beginnt schon mit dem Namen der Dekade, die – nach Aussage der EKD – die Reformation eigentlich als Ergebnis ganzer Intellektuellen-Netzwerke und komplexer historischer Konstellationen hätte verstehbar machen wollen – statt DEN EINEN ins Zentrum des Interesses zu rücken. Dieser eine aber wurde unterdessen zum wiederholten Male zwischen Körper- und Küchengeschichte biographisch durchleuchtet, in geistes- und politikgeschichtliche Kontexte gestellt (damit auch verstellt?) und als Persönlichkeit mal nüchtern gewürdigt, mal affirmativ gerühmt. Auch Dunkles kam erneut zur Sprache; etwa Luthers (sich durchaus wandelnde) Einschätzungen „der Juden“ oder „der Türken“; sein Grobianismus und die Nähe zur Macht. Alles schon mal da gewesen, nur wenig Neues, aber als Aufreger immer wieder gut.

Friedrich Dieckmanns Unternehmung – fußend auf akribischer Lektüre, mehreren Vorträgen und einzelnen Debatten mit Friedrich Schorlemmer – schaut auf den ersten Blick wenig spektakulär aus, scheint allein aus philologischer Neugier geboren und wenig dazu angetan, den Leser zu Luther zu verführen.

Aber vielleicht zu Lessing, Goethe, Schiller, Marx, Nietzsche und Thomas Mann, gar zu Hegel, Schopenhauer und Engels? Dies Buch folgt jedoch nicht dem Schema „Luther und…“, sondern möchte aufzeigen, dass alle Dichter und Philosophen, die sich als zugehörig zur deutschen Kultur verstanden haben, um das „sanftlebende Fleisch zu Wittenberg“ (wie Müntzer spottete) nicht herumgekommen sind. Wer an Dieckmanns Hand dem „Luther-Problem“ durch fremde Texte folgt, wird gewahr, dass das Denken des Reformators nicht allein aus theologisch-konfessionellen Gründen zum „Markenkern“ traditioneller deutscher Kultur gehört (hat?). An Luthers Geist mussten sich all diejenigen Gebildeten reiben, denen es mal um ein Bekenntnis zu Gott, meist aber um die richtige Haltung zum Menschen und dessen Möglichkeiten zu tun war. Luthers Denken forderte andere Intellektuelle heraus, über die eigene Freiheit im Wort zu räsonieren und ihr Verhältnis zur je herrschenden politischen Macht zu klären. Luthers Gläubigkeit, Gott zugewandt und den Teufel fürchtend, ließ andere nach den „letzten Dingen“ und unserer Beziehung zur Transzendenz fragen. Luther war nicht allein vielen Zeitgenossen ein Ärgernis, sondern auch den folgenden Jahrhunderten ein sperriger Stein des Anstoßes.

Kein Zufall ist es wohl, dass Dieckmanns Bezugsgrößen diejenigen Denker sind, die zwischen der Mitte des 18. und des 20. Jahrhunderts gewissermaßen quer zu Deutschland lagen: Der Aufklärer Lessing, der an der Gewalt seiner Epoche litt. Der nachmalige „Nationalautor“ Goethe, der zu Lebzeiten alles andere als das sein wollte, und sich selber als Abgrund gut kannte (darin Luther verwandt). Der „deutsche Freiheitsdichter“ Schiller, dem die Grenzen der Freiheit Sorge machten. Hegel und Schopenhauer, jeder auf andere Art zweifelnd am Zustand der Welt (dem sie philosophisch-systematisch zu Leibe rückten). Heine im Exil, ein „Jude“ (wie die Mehrheit sagte) und ein „deutscher Dichter“ (der er war und sein wollte), dem angesichts Deutschlands „die Augen begunnen zu tropfen“. Marx und Engels, auch Sie meist im Exil, Außenseiter des politischen Denkens ihrer Epoche – und Gründerfiguren einer neuen Reformation im Politischen, deren künftige Katastrophen sie nicht ahnen konnten. Nietzsche, entlaufener Pfarrerssohn, philologischer Außenseiter und philosophischer Querkopf. Er wollte Luthers Gott töten und dafür Dionysos feiern – beides misslang und bleibt dennoch faszinierend. Schließlich Thomas Mann, der von sich sagte, da wo er sei, sei Deutschland (und nicht dort, wo Hitler gerade herrschte). Er hatte all die anderen Autoren gelesen – und bescheinigte Luther, dieser sei ein typisch „deutscher“ Freiheitsheld gewesen, denn er habe von Freiheit eigentlich nichts verstanden.

Dieckmanns Archäologie im Worte ist Einladung für uns, uns selbst besser zu verstehen. Die alten Texte entfalten erneut ihre Leuchtkraft und zeigen uns, wie modern schon Luther war, vor allem aber dessen literarische und philosophische „Nachdenker“ – denn so manches Zitat klingt, als sei es heute geschrieben.

Deutlich wird vor allem, dass Luther auch die etwas angeht, die weder konfessionell gebunden noch gläubig sind. Dieckmanns intellektueller Impuls sollte folglich andauern, wenn auch das Reformationsjubiläum vergangen ist. Das von ihm skizzierte geistige Panorama macht auf subtile Weise klar, wie protestantisch imprägniert das ist, was viele unserer Nachbarn nach wie vor für „deutsche Kultur“ halten. Und uns könnte dämmern, dass der, der vom Protestantismus oder allgemein dem Christentum nichts mehr weiß, sich selbst als Teil der eigenen Kultur kaum versehen kann. Tja, so ist das mit dem Abendland….

Friedrich Dieckmann: Luther im Spiegel. Von Lessing bis Thomas Mann. Berlin: Verlag für Berlin-Brandenburg 2016; 264 S., keine (!!!) Abbildungen.

Von Justus H. Ulbricht

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