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Freitaler Kunstpreisträger von 2011: Eberhard von der Erde zeigt 66 Zeichnungen

Freitaler Kunstpreisträger von 2011: Eberhard von der Erde zeigt 66 Zeichnungen

Sein Künstlername sagt es bereits: Eberhard von der Erde, alias Busch (geb. 1945 in Freital), liebt und sorgt sich um das Kostbarste, was uns anvertraut ist - die Erde, wie sie auch Gustav Mahler in seiner Sinfonie besang.

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Eberhard von der Erde. Freital - über Tage, 2011, Graphit. Repro: Katalog

Draußen, vor dem Einnehmerhaus, wo der Freitaler Kunstpreisträger von 2011 jetzt 66 Zeichnungen zu Freital und Umgebung zeigt, wird gebaut, die Erde aufgewühlt und der Blick wie in Grabestiefe von Unrat und Verwesung getrübt. Bald wird davon nichts mehr zu sehen sein, wenn Beton darüber liegt, ordentlich, sauber und akkurat Landschaft begradigt sein wird. Leider geht es dem Maler und Zeichner mit der Schönen-Neuen-Welt Freital ähnlich, das langsam seinen Charme zu verlieren droht und mit Allerweltsarchitektur bestückt wird. Altes, historische Orte, unversehrt, wie Friedhöfe und Kirchen, Denkmale und Bahnhöfe reizen ihn besonders zu seinen zeichnerischen Exkursen und Wanderungen, die immer zugleich Milieuschilderungen sind. Da kann es schon einmal vorkommen, dass er an irgendeiner Kreuzung vor seinem Zeichenbrett sitzt und fleißig nach der "Natur" arbeitet.

Dass der Künstler inzwischen in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist, beweist die Wertschätzung, die ihm die Stadt Freital mit der Verleihung des Kunstpreises entgegenbringt. Damit zollt die Stadt auch symbolisch Anerkennung für ein umfangreiches malerisches und zeichnerisches Werk, das, hochkultiviert, von einem Künstler stammt, der sich nie korrumpieren ließ. Als Porträtist seiner Heimatstadt, ihrer Menschen und Alltagskultur, hat sich von der Erde besondere Verdienste erworben.

Der in Freital in armen Verhältnissen bei der Mutter Aufgewachsene kam früh zur Kunst. Der belesene Großvater, ein Bücherfreund, mag das Talent des Jungen erkannt und gefördert haben. 1958 begegnete er fasziniert den Werken van Goghs in Bildbänden. Prägend für sein Werk waren vor allem Gauguin, Cézanne, Munch und Marées, die Brücke-Maler und der darauffolgende Expressionismus, aber auch die Realisten des Nachkrieges, Kriegel, Kretzschmar und Querner und die fernöstliche Kunst. Als Ratgeber in Sachen Malerei akzeptierte von der Erde aber nur den Maler und Kunsthändler Gerhard Patzig, mit dem ihn eine lange Freundschaft verband und dessen sicheren Blick er schätzte. 1961-63 besuchte er das Kunstgrundstudium an der Arbeiter-und Bauern-Fakultät, das er unbefriedigt wegen "stupiden" Lehrbetriebes beendete. 1981 kam er in "Stasischutzhaft" (ein halbes Jahr) wegen Aufmüpfigkeit zu Zeiten von Solidarnosc. In dieser Zeit entstanden seine legendären Bilder von der Berliner Mauer.

Die Zeichnung von der Erdes, in der Ausstellung ausschließlich von 2011, entsteht immer vor Ort. Da muss der Radiergummi als Pendant zum Stift herhalten. Ihre Kraft bezieht die Zeichnung vor allem aus der überscharfen Beobachtung des Künstlers, der die Stadtlandschaft mit dem besonderen Auge für Absurdes, für Brüche und Ungereimtheiten in Gestalt wetteifernder Reklame, ihren Sprüchen und Verheißungen sieht. Von der Erde erlebt so die Abenteuer und Fallstricke des Alltags hautnah angesichts stilistischer und kultureller Ungereimtheiten von Historie und Moderne. Das ist keine heimatmalerische Idylle, sondern oft eine skurrile Bilder-Narretei aus Faszination und Bestürzung, wie zum Beispiel der jüngst eingeweihte Handwerkerglücks-Brunnen vor dem Potschappeler Bahnhof mit seiner Ludwig-Richter-Romantik.

Natürlich gibt es auch die schönen Motive von Landschaften um Freital, wie der Windberg oder die Pesterwitzer Höhen, weite Blicke ins Land bis ins Erzgebirge, aber auch Waldstücke bei Potschappel und Hainsberg mit ihren Stollen, Tunneln und ehemaligen Bunkern. Blicke ins eigene Atelierlabyrinth gehören zu den zahlreichen Interieurs der Ausstellung, verwinkelte Ansichten auf Bilder, Rahmen, Malzeug, Staffelei und auf seine Sammlung ostasiatischer Kunst mit dem Blick durch das geöffnete Fenster auf die Martin Luther Kirche gegenüber der Johannstadt. Einen Teil der Ausstellung bilden die psychologisch genauen Selbstbildnisse und Porträts von Freitaler Freunden und Persönlichkeiten wie Barbara Hornich, Rolf Günther und Gert Schaffrath. Für die Aufhellung der Hintergründe ist der neu erschienene Katalog unerlässlich. In ihm wird ein Lebensbogen gezogen, der den immer aktiven Maler auch als Zeichner vorstellt.

Bis 20. November. k.u.n.s.t.-verein Freital e.V. Einnehmerhaus, Dresdner Straße 2, 01705 Freital. Di.-Fr. 16-18 Uhr, Sa. und So. 10-17 Uhr, feiertags geschlossen.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 28.10.2011

Heinz Weißflog

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