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Regional Finale Schokoladentorte - "Wer ist Martha?" von Marjana Gaponenkos
Nachrichten Kultur Regional Finale Schokoladentorte - "Wer ist Martha?" von Marjana Gaponenkos
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17:41 09.09.2015
Quelle: Suhrkamp

Nicht so Luka Lewadski, Hauptfigur in Marjana Gaponenkos Roman "Wer ist Martha?". "Die Bestrahlung konnte ihm gestohlen bleiben, genauso wie alle hochgiftigen Medikamente. Statt dessen wird er sich täglich bis zu seinem Tod ein Stück Schokoladentorte gönnen." Gut, könnte man meinen, der Mann ist 96. Aber hängt einer weniger am Leben, wenn es lang war?

Das Ende vor Augen, beschenkt er sich mit all dem Luxus, auf den er ein Leben lang verzichtet hat. Professor der Zoologie, Ornithologe ist er. Berühmt geworden in der Zunft durch seine Studie "Über die Rechenschwäche der Rabenvögel". Ist ganz aufgegangen in der Beschäftigung damit, keine Zeit, eine Frau zu finden. Zusammen gelebt hat er nur mit seiner Mutter. Eine Art Mönch im Dienste der Wissenschaft, der sich unter Tieren stets wohler fühlte als unter Menschen. Ein Einzelgänger, Kauz, der ständig sein Gebiss vergisst und sich mit seinem Gasherd unterhält.

Nun erkennt er: "Mein Gott, was habe ich alles in meinem Leben verpasst." Und will es noch mal wissen. Er kleidet sich teuer ein. "Ich habe 96 Jahre dieses Zeug getragen. Wenigstens sterben darf ich auf feine Art." Reist aus dem westukrainischen Lemberg nach Wien, woher seine Mutter stammt, quartiert sich dort im edelsten Haus am Platze ein, im Hotel "Imperial". Schließt Bekanntschaften, die er stets gemieden hat, bechert ordentlich an der Bar.

Dabei verwickelt ihn die Autorin immer wieder in Situationen, die einem Tränen in die Augen treiben. Keine der Rührung, sondern weil man herzhaft lachen muss über die komischen Szenen und Dialoge. Dieser Autorin gelingt es, ein Lebensende, im Grunde eine Tragödie, witzig zu erzählen. Kann ein Mensch das: lustig sterben? Marjana Gaponenko hat den Zuhörern bei ihrer Lesung in der Villa Augustin bewiesen, dass es möglich ist.

Die Autorin, 1981 in der Ukraine, in Odessa geboren, hat Germanistik studiert. Seit ihrem 16. Lebensjahr schreibt sie auf Deutsch - und dies mit bewundernswerter Sicherheit, mit viel Sinn für Feinheiten, die Schönheit und den Klang von Worten. Sie setzt nicht auf die Dramatik sichtbarer Vorgänge. "Bei mir passiert grundsätzlich wenig", sagt sie im Gespräch mit Moderator Michael G. Fritz. "Ich bin gegen zu viel Handlung."

Ironie hält sie, ähnlich wie einst die Romantiker, für das geeignete Mittel, um nicht abzuheben. "Genau da, wo es nach großen Gesten klingt, sollte man ironisch werden, um auf dem Boden zu bleiben. Man muss schon ein paar Pirouetten drehen, um sich einem solch großen Thema annähern zu können."

Mit dem Grundton von Leichtigkeit, dieser eleganten Lockerheit aber rührt sie gewichtige Fragen an. Da wird über Europa gesprochen. Migranten tauchen auf. Ihr Luka Lewadski ist 1914 geboren, am Beginn des Ersten Weltkriegs. Hat, wie sie schreibt, "zwei Utopien" erlebt: Österreich-Ungarn und die Sowjetunion. Was bleibt, wenn etwas verschwindet? Was braucht es, damit das Leben eines Menschen ihm als gelungenes erscheint? Auch um Sprache, Verständigung geht es. Nicht nur zwischen Menschen, auch zwischen ihm und den Tieren, den Dingen sogar - vielleicht gibt es so etwas. Diese Autorin lotet tief, und doch kommt alles verspielt und heiter daher. Bemerkenswert.

Marjana Gaponenko: Wer ist Martha? Suhrkamp. 237 S., gebunden 19,95 Euro, Taschenbuch 8,99 Euro

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 04.09.2014

Tomas Gärtner

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