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Regional Filmkomponist Peter Gotthardt zieht es wieder nach Sachsen
Nachrichten Kultur Regional Filmkomponist Peter Gotthardt zieht es wieder nach Sachsen
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09:44 25.06.2017
Arrangement-Absprachen zwischen Peter Gotthardt und „Maschine“ Dieter Birr. Auf dem Freiberger Bergstadtfest sind beide am Sonntag zu Gast.  Quelle: Dieter Birr's Facebook-Seite

Jeder gelernte Ossi kennt die Hits der Pudhys, zumindest die aus dem legendären Paul & Paula-Film. Am bevorstehenden Sonntagabend wird sie „Maschine“ Dieter Birr zum Abschluss des Freiberger Bergstadtfestes wieder singen, Gotthardt ist dabei Gast der Mittelsächsischen Philharmonie. Vielen wird der Name des Komponisten auf diese Weise erst wieder in Erinnerung gerufen werden.

Auf diesen großen Wurf möchte Peter Gotthardt aber gar nicht reduziert werden. Über 500 Filmmusiken hat er geschrieben, zuletzt 2005 zu „Hitlerkantate“. Zu seinem Œuvre zählen auch Ballett- und Schauspielmusiken, Kantaten und Orchesterwerke. Das Universitätsorchester Dresden brachte beispielsweise die „Vivaldi-Collage“ 1988 zur Uraufführung. Und Gotthardt musiziert selbst, reiste mit dem „Ensemble 66“ auch ins damals so genannte nichtsozialistische Wirtschaftsgebiet, gründete 1992 das Tonfilm-Orchester Berlin.

Voller Frust über die „Mumien“ an der Spitze des Partei- und Regierungsapparates der DDR war die Collage „Demophonie“ aus Kundgebungsmitschnitten und Eigenkompositionen, mit der er als einer der ersten künstlerisch auf die Herbstrevolution 1989 reagierte. Zu voreilig? „Mit der westdeutschen Invasion hatte es mein Schaffen plötzlich nicht mehr gegeben. Aber das war mein Leben!“, sind die damaligen Kränkungen immer noch zu spüren.

Mit dem Verlust von Aufträgen ging für Peter Gotthardt auch ein Wandel der Kunstausübung und der Kultur des persönlichen Umgangs einher, den er bis heute schmerzhaft empfindet. „Wir setzten auf Emotionen, heute verbirgt man sie besser.“ Man gehe aneinander vorbei, rede wenig miteinander. Die Kunstproduktion sei typisch kapitalistisch, „das, was schnell vorbeigeht, damit man wieder Neues produzieren kann“. Also überlebten 1990 die „oberflächlichen Schlagerkünstler“ am ehesten. „Was gut ist, setzt sich durch“ – an diesen vermeintlichen Grundsatz glaubt der Komponist schon lange nicht mehr.

Peter Gotthardt kämpfte, gründete einen kleinen Verlag. In Regisseur Volker Schlöndorff fand er einen neuen Freund. Die Tantiemen für seine Erfolgskompositionen bilden sozusagen die Grundsicherung zum Überleben. Immerhin nahm er auch Aufträge von Kapitalisten an, schrieb die Musiken für Werbetrailer und Präsentationen von Großkonzernen. Kompositorisch geht es für ihn im Doppelsinn „back to the roots“. Orchester, Chor, Kammermusik, aber auch stilistisch bleibt sich Peter Gotthardt treu. Mit der modernen „Kratz- und Beißmusik“ kann er nichts anfangen, bezeichnet seinen eher an Wurzeln und Traditionen orientierten Stil unumwunden selbst als konservativ, ja sogar konventionell.

50 Jahre Filmmusik feierte er zu Jahresbeginn auch im Dresdner Boulevardtheater. Beim Film ist er nun seit zehn Jahren „raus“, aber als aktiver Musiker bleibt er ihm treu. Zu hören ebenfalls im Frühjahr in Dresden beim Stummfilmfestival. An zwei Klavieren, einem wohltemperierten und einem verstimmten, begleitet er wie in den Anfangszeiten des Films. Er schöpft dabei sowohl aus seinem riesigen Themenfundus als auch aus seiner Fähigkeit zur Improvisation. Auf Gut Gödelitz in der Lommatzscher Pflege, bekannt geworden durch seine Ost-West-Dialoge und seine Kulturveranstaltungen, war er auch schon mit der Geigerin Barbara Sadowski zu hören.

Dieses Gut könnte zum neuen und vielleicht bleibenden Domizil Peter Gotthardts werden. Vieles spricht dafür, dass er bald hierher umziehen wird. In Berlin muss er wahrscheinlich das für die Familie einst gekaufte Haus aufgeben. Beruflich bindet ihn ohnehin nur noch wenig an die Hauptstadt. „Ich habe das Gefühl, dass ich in Berlin nichts mehr zu suchen habe!“ Als es um einen Film ging, bescheinigte ihm der Sender rbb, er sei „kein Mann des öffentlichen Interesses mehr“. In Sachsen sei die Aufnahme ungleich freundlicher. Mit dem ehemaligen Leipziger Thomaskantor Georg Christoph Biller verbindet ihn eine Freundschaft, seit er seine „Psalmgebete“ mit den Thomanern aufführte. Nach Chemnitz verfügt er über die Stefan-Heym-Gesellschaft über gute Kontakte. Und in Dresden habe er eine überraschend gute Presse.

Der in Berlin heimatlos gewordene Gotthardt spricht auffallend häufig von Identität. Der gebürtige Leipziger meint damit nichts anderes als seine sächsischen Wurzeln, die er derzeit intensiv wieder entdeckt. Etwas, was nach vielen erlittenen Kränkungen auch wieder Sicherheit gibt. Also Gut Gödelitz, das sich ohnehin zu einer Art Künstlerkolonie entwickelt. Ob Peter Gotthardts Humor nun ein Berliner oder ein sächsischer ist, jedenfalls liest sich sein zum 70.Geburtstag herausgegebener Sammelband „Mitunter fällt mir etwas ein…“ mit Lyrik und Sentenzen einfach köstlich. Dieser Humor lässt ihn selbstironisch auch auf seine Sachsen-Heimkehr blicken: „Ein alter Elefant weiß, wo der Friedhof ist!“ Der vor Ideen immer noch sprühende Musikant macht nicht den Eindruck, als ob sein Name bald auf einem Grabstein zu lesen sein könnte.

Am 25. Juni, 20 Uhr, gibt es ein Konzert der Mittelsächsischen Philharmonie in Freiberg beim Bergstadtfest. Mit dabei: „Maschine“ Dieter Birr und Peter Gotthardt

Von Michael Bartsch

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