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Filmemacher Ernst Hirsch schaut in sein Leben zurück

Biographie Filmemacher Ernst Hirsch schaut in sein Leben zurück

Der bekannte Dresdner Kameramann und Filmsammler Ernst Hirsch legt seine Autobiografie vor. Das „Auge von Dresden“ hat Erlebtes erstmalig nicht in Filmsequenzen, sondern in Worte gepackt.

Ernst Hirsch

Quelle: Dietrich Flechtner

Dresden. Wohl fast jeder würde Dresden bescheinigen, dass es eine Aura hat – und dabei vergessen, dass nicht nur die vertraute Nähe auratisch sein kann, sondern auch „die einmalige Erscheinung einer Ferne, so nah sie sein mag“ (Walter Benjamin). Dies passt zum Aphorismus: „Je näher man ein Wort ansieht, desto ferner sieht es zurück“ (Karl Kraus).

Beide Gedanken kommen demjenigen in den Sinn, der dem „Auge Dresdens“, Ernst Hirsch, in dessen biographische Reminiszenzen folgt. Denn der opulent bebilderte Band (Gratulation zur Gestaltung an den Verlag) über Leben und Arbeit des Filmemachers, Fotographen, Sammlers und Chronisten seiner Geburtsstadt ist weit mehr als eine persönliche Lebenserinnerung. In Hirschs Anschauung seiner selbst gewinnt das alte wie das jüngere Dresden, Kontur im Bild seines vergangenen und sich stetig verändernden Antlitzes. Mit Hirschs zwei bis vier Augen – den eigenen wie den Objektiven seiner Kameras – betreten wir Lebenswege des Protagonisten, seiner Familie, der Freunde und zahlreicher Weggefährten. Straßen, Plätze, Gebäude und Parks der Stadt – auch die längst vergangenen – werden zum Mnemotop, zur Erinnerungslandschaft, des Autors und der Leser.

Wie für viele Angehörige seiner Alterskohorte gibt es auch für Ernst Hirsch ein „vorher“ und „nachher“; Scheidelinie ist der 13. Februar 1945, an dem auch die Johann-Georgen-Allee mit Hirschs Geburtshaus Nr. 29 in Trümmern sank. Wer die heutige Lingner-Allee, die etwas von einer gestreckten Grünfläche hat, durchschreitet, kann erahnen, was damals verschwand. Der Verlust der Wohnheimat wurde ein Jahr später von dem des Vaters ins schwer Erträgliche gesteigert – ihn „holten die Russen“. Ernst Hirsch d. Ä. Name steht nun auf der Gedenktafel im Gelände des einstigen Internierungslagers Mühlberg an der Elbe.

Am gleichen Fluss, weiter stromaufwärts, nimmt der junge Ernst 1950 sein Leben in die Hand, wird Feinoptikerlehrling, schleift Linsen und nutzt diese ab 1953 medial, nämlich als Filmreporter. 15 Jahre lang kommen Hunderte Beiträge für die „Aktuelle Kamera“ dann aus Dresden. Damit ist Hirsch einer der Pioniere des jungen DDR-Fernsehens, über dessen erste Gehversuche wir viel erfahren. Daneben entstehen eigene Hirsch-Filme; aus dieser Nebentätigkeit wird 1968 die selbstgewählte Freiberuflichkeit. Im gleichen Jahr wirft das „Auge Dresdens“ auch eines auf seine zweite Frau Cornelia. In dieser Ehe- und Arbeitsgemeinschaft kommen viele weitere Ideen ans Licht der Filme; manche von ihnen bannen die „Boheme am Elbhang“ auf Zelluloid – und immer wieder auch die Stadt, die sich peu a peu ihrer Trümmer entledigt. So werden die Hirsch zu Chronisten des Wiederaufbaus – und der kulturell-lebensweltlichen Opposition im sich verhärtenden SED-Staat. Just – man könnte sagen ausgerechnet – am 3. Oktober 1989 verlässt die Familie schweren Herzens ihre Heimat, die ihnen immer fremder geworden war – und deren „Horch- und Guck-Organe“ lange schon nach ihr gegriffen hatten. Wie sehr Mikrofone, Kameras und Spitzel-Ohren auf die Hirschs gerichtet waren, erfahren diese erst durch die Stasi-Akten-Einsicht Jahre später. Der Weg nach Westen 1989 führte den Dresdner Filmemacher (und unersättlichen Sammler der Foto- und Filmgeschichte) in die „Welt des großen Films“. Dafür steht die langjährige Arbeits- und Freundschaftsbeziehung mit Peter Schamoni, den Hirsch schon 1984 kennengelernt hatte. Mit dem Münchner setzt Hirsch eine Tradition von Künstlerporträts fort, die mit Filmen etwa über Dix, Querner, Rudolph, Glöckner – aber auch Canaletto – in Dresden begonnen hatte. Nun kommen Annäherungen an Max Ernst oder Niki de Saint Phalle hinzu. Beim letzten gemeinsamen Schamoni-Hirsch-Projekt über Fernando Botero (2009) steht schon Konrad Hirsch mit hinter der Kamera. Im Februar 1999 ertönt der „Ruf aus Dresden“ zum Wiederaufbau der Frauenkirche, den auch die Familie Hirsch nicht überhören kann; sie kehrt nach Elbflorenz zurück und hält für uns und kommende Generationen das Wiedererstehen desjenigen Bauwerks fest, das – neben dem Zwinger – zeitlebens entscheidendes Referenz- und Filmobjekt Ernst Hirschs gewesen ist.

Die Biographie des örtlichen „Auges“ – entstanden auch aus vielen Gesprächen (und dem feinfühligen Lektorat Hans-Peter Lührs) – ist jedoch kein Buch nur für enthusiasmierte Dresdenfreunde, sondern eine Einladung an alle, die sich für die lokale Kunst-, Kultur- und Filmgeschichte interessieren. Viel erfahren wir auch über die Alltagsgeschichte einer Kunststadt zwischen Vorkriegszeit und Nachwende-Ära. Anekdotenreich, doch nie geschwätzig oder sentimental, werden wir Zeugen eines Zeitzeugen, der das „Zeitalter der Extreme“ erlebt und (offensichtlich meist) glücklich überstanden hat. Ein persönliches Zeugnis weitet sich zur Ortsgeschichte und macht Appetit auf weitere bewegte Bilder aus der Werkstatt der Hirsche, die man nach der Lektüre guten Gewissens auch als „Heimat-Hirsche“ bezeichnen darf. – Also weiterhin: Augen auf Dresden! Augen auf, Dresden!! Kamera ab!!!

Ernst Hirsch: Das Auge von Dresden. Dresden: Friebel Werbeagentur und Verlag 2017; 240 S., zahlreiche Abb., 24,90 €.

Von Justus H. Ulbricht

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