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Fettes Brot feiert beim ausverkauften Konzert im Alten Schlachthof Dresden ein Geschwindigkeitsfest

Fettes Brot feiert beim ausverkauften Konzert im Alten Schlachthof Dresden ein Geschwindigkeitsfest

Der Alte Schlachthof tobt, die Massen springen, drei Vorturner aus Hamburg geben den Takt an, und wer sich dem nicht entziehen möchte, ist herzlich willkommen. Fettes Brot ist eine jener Bands, die überraschen können.

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King Boris, Björn Beton und Dokter Renz (v.l.) haben als Fettes Brot das Publikum im Alten Schlachthof zum Toben gebracht.

Quelle: Dietrich Flechtner

Weniger, was deren Songs betrifft, die sind hinlänglich bekannt. Aber in Sachen Stimmung haben sie etwas zu bieten, was ihnen so schnell keiner streitig macht. Immerhin wissen die Fans um diese Fähigkeit, denn der Schlachthof war restlos ausverkauft, als sich die drei Hamburger durch ihr High-Speed-Programm tanzten. Knapp anderthalb Stunden Show lagen bereits hinter der Band und den Fans, als Fettes Brot noch einmal in die Trickkiste griff und all jene bediente, die bis dahin auf die 90er-Jahre-Hymnen warteten, und die Stimmung bekam tatsächlich noch einmal unerwarteten Zündstoff. Sie sind "Nordisch by Nature", und das sollten alle mit nach Hause nehmen.

Vor über 20 Jahren steckte der deutschsprachige HipHop noch in den Kinderschuhen und alle, die damals dem Sprechgesang huldigten, waren irgendwie miteinander bekannt. Es war die Zeit, in der ein eigener Stil den Vorbildern aus Übersee entgegengesetzt wurde. Nicht besser, nicht schlechter, aber anders in Anmutung, Klang und Inhalt. Erinnert sei an die Anfangsjahre der Fantastischen Vier, Anarchist Academy, Samy Deluxe oder Ferris MC - alle zusammen sangen für eine Kultur, ohne Haudrauf-Allüren, dafür mit einem besonderen Charme und einigem Einfallsreichtum in den Texten.

Was damals die Kritiker nicht erkannten: Es war auch der Startschuss für eine neue Art, Musik zu hören. Manche haben die Sozialkritik für sich entdeckt, andere die nackte Unterhaltung. Zwischen beiden Extremen musste kaum vermittelt werden, denn für ihre Daseinsberechtigung sorgten die Fans. Fettes Brot stand damals schon für ein gutes Entertainment, ein witziges Wortspiel und einen kurzweiligen Zeitvertreib. Schön an dem Konzert war die Tatsache, dass nach all den Jahren, kunstbedingten Pausen und musikalischen Fehlschüssen die Band längst noch nicht fertig ist und mittlerweile der zweiten Fangeneration etwas erzählen kann.

Dokter Renz, König Boris und Björn Beton fällt es nicht schwer, ganz vollmundig zu behaupten "in Deutschland geht ein Beat um - vom schicksten Villenviertel bis in die Sozialbausiedlung", musikalisch gecovert mit "That's the Way (I like it)". Überhaupt haben Fettes Brot ganz offenkundig keinerlei Berührungsängste, schon gar nicht mit den Fans, aber auch nicht mit dem, was Musikerkollegen sich mühevoll aus den Fingern saugen. Sie ziehen sich alle Beats und Rhythmen an Land, packen sie auf neue Ideen, und kein Mensch erkennt mehr, was da im Hintergrund der Texte eigentlich dudelt. Wenn es auffallen sollte, dann ist es auch egal. Viel wichtiger sind die Inhalte, nicht deren Sinn, Anmutung ist gefragt.

Bis heute dürfte niemand sicher behaupten können, dass er weiß, wer "Emanuela" tatsächlich ist, zumal das, wenn dem Lied vertraut werden darf, doch die Frau sein soll, von der man die Finger lassen sollte. Tausende singen das Stück bei Konzerten mit, und es dürfte bestimmt ebenso viele eigene Kreationen geben, was den Klarnamen angeht.

Bis heute hat sich das Outfit von Emanuela immer wieder geändert, während viele noch den Spielmannszug in Erinnerung haben, mit dem Fettes Brot in einer Videobotschaft vor jener Frau warnten, ist das Erkennungsmerkmal heute der Sound of Thunder, mit dem jedes Staubkorn in die Erdumlaufbahn katapultiert wird. "Drei Hamburger" haben elbaufwärts gezeigt, was sie unter einer verantwortungsvollen Party verstehen, haben darauf geachtet, dass keines der angereisten Mädchen sich zu sehr gehen lässt, ihr für Ordnung sorgender Ruf "Bettina, pack deine Brüste ein - Bettina, zieh dir bitte etwas an!". konnte kaum falsch verstanden werden. Ganz im Gegenteil zur Klassifizierung "Schwule Mädchen".

Wie auch immer, Fettes Brot sind Wortschöpfer und sonnen sich gern in ihrer Aura der Partymacher, deren Aussagen nicht unbedingt einen Sinn ergeben müssen. Was dafür hundertprozentig funktioniert, ist ihr Soundtrack, der jede Tanzeinlage trägt, von Alltagsnöten befreit und selbst dem letzten Schwerenöter eine ordentliche Tüte Rückenwind zusteckt - das waren Fettes Brot, dafür stehen sie heute noch. Wenn die Leute nach dem Konzert sich einig sind, dass sie sich künftig mehr Fette Brote geben wollen, dann ist aller Kritik der Wind aus den Segeln genommen, und die Feierlaune hat gesiegt.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 25.01.2014

Stephan Wiegand

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