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Festspielhaus Hellerau in Dresden feiert zehn Jahre Wiedereröffnung

Magie und Nüchternheit Festspielhaus Hellerau in Dresden feiert zehn Jahre Wiedereröffnung

Mit den gleichen „Fanfaren“ von Mauricio Kagel wie vor zehn Jahren beginnt am Mittwochabend der Festakt, der an die Wiedereröffnung des Festspielhauses Hellerau 2006 erinnern soll. Die indische Akram Khan Company zeigt dabei letztmals ihr Stück „Kaash“ aus dem Jahr 2002.

Die indische Akram Khan Company zeigt am Mittwoch letztmals ihr Stück „Kaash“ aus dem Jahr 2002.

Quelle: Jean-Louis Fernandez, dpa

Dresden, .

Die Institution Europäisches Zentrum der Künste Hellerau gab es eigentlich schon seit 2004. Zuvor waren Udo Zimmermann und sein Zentrum für Zeitgenössische Musik nicht ganz freiwillig von der idyllischen Schevenstraße ins noch sehr unfertige Festspielhausgelände am Heller umgezogen. Mit dem von Bernhard Freiherr von Loeffelholz eingefädelten Vertrag über die Doppelresidenz der Forsythe-Company in Frankfurt und Dresden stieg die Reputation des zumindest im Westen noch unbekannten Ortes enorm. Am Haus aber wurde noch mehr oder weniger emsig gebaut. Man mochte an den Provisorien und der herausfordernden Kulisse hängen, aber es gab allein schon aus baustatischen Gründen keine Alternative zu einer gründlichen Sanierung des Festspielhauses. Nur reichlich zwei Jahre Blütezeit vor dem ersten Weltkrieg hatte das von Heinrich Tessenow entworfene Ensemble erlebt, als sich die europäische Avantgarde hier traf. Seit den 1920-er Jahren militärisch durch Deutsche und später durch die sowjetische Besatzungsmacht missbraucht, glich das Haus nach dem Abzug der Sowjetarmee 1992 einem Trümmerfeld.

Das Engagement des Vereins und zahlreicher Künstler setzten die Stadt und den Freistaat Sachsen unter produktiven Druck. Mit Hilfe von Bundes- und Stiftungsgeldern begann Mitte der 1990-er Jahre die Wiederherstellung des Ensembles. Dem Büro des Architekten Josef-Peter Meier-Scupin, das den Realisierungswettbewerb gewonnen hatte, gelang es, viel von dem legendären Zauber insbesondere des Großen Saales wieder einzufangen, der aus den Anfangsjahren berichtet wird. Magie trotz Nüchternheit, ein geniales Wechselspiel von Licht und Raum. Wer beim „Tonlagen“-Musikfestival oder beim augenzwinkernden „bed-in“ schon einmal eine Nacht im Saal verbringen konnte, spürte es besonders. Auch die Abkehr von der Guckkastenbühne durch das integrative Raumkonzept des Theaterpioniers Adolphe Appia zählt zu den Hellerauer Attributen.

Seit 2006 gibt es also wieder einen regulären Spielbetrieb am Festspielhaus. Institutionell ist alles geregelt. Aber abgeleckt und bis ins Detail durchgestylt wirkt das Gelände noch lange nicht. Der Vorplatz gleicht einem Acker, der Ostflügel wartet noch immer auf den Ausbau zu einem Probengebäude und Künstlerquartier. Durch eine mündliche Abrede nach den Haushaltberatungen soll es im kommenden Jahr erstmals einen Bauetat für die ehemalige Kaserne geben. Allein schon die derzeit eingerichteten zehn Künstlerappartements schaffen eine permanente Laboratmosphäre, meint der Künstlerische Leiter. Auch unter der Woche belebe sich das Haus immer öfter. Kein Verharren also. Seit 2009 amtiert Dieter Jaenicke und sieht in diesen Jahren sein Ziel erreicht, „das wichtigste zeitgenössische Kunstzentrum in den neuen Bundesländern zu werden“. Das Gemeinschaftswerk „Projeto Brasil“ mit vier weiteren Bühnen im Westen, ein künstlerischer Kommentar zu den Olympischen Spielen, zeigte, dass Hellerau mittlerweile zur deutschen Spitzengruppe zählt.

„International sind wir manchmal besser akzeptiert als im eigenen Stadtrat“, kann sich Jaenicke eine Spitze nicht verkneifen. Wegen hoher Subventionen pro Platz hatte vor allem die SPD die Hellerau-Zuschüsse schon angezweifelt. Zugleich bedankt sich aber der Quasi-Intendant für die damalige Entscheidung zur Sanierung und das anhaltende Bekenntnis des Rathauses zu diesem notwendigen zeitgenössischen Gegenpol zur tradierten Hochkultur auf dem „Grünen Hügel“ der Hellerberge. Gegenpol? Aufschlussreich, was spontan befragte Besucher der Semperoper sagen. Eine Mehrheit hat Hellerau immerhin schon einmal besucht. Was sie sahen oder hörten, empfinden sie eher als notwendige Ergänzung denn als Kontrast. „Kitschkasten Semperoper“ neben dem experimentellen Tanz in Hellerau. Kulturbürgermeisterin Klepsch spricht von einem „wichtigen Mosaikstein“ oder dem „Salz in der Suppe“. Es müsse ja nicht jedem gefallen, aber strittige Themen würden besonders hier verhandelt.

Zufällig erfährt man bei einer solchen Befragung, dass beispielsweise Maria Völzer vom Akademischen Auslandsamt der TU Dresden als Kulturverantwortliche ausländischen Studenten Exkursionen ins Festspielhaus anbietet. Diese im Programm sofort erkennbare Internationalität wie auch die persönliche Weltläufigkeit von Dieter Jaenicke machen Hellerau aber auch zu einer besonderen Zielscheibe, zumal hier eine Flüchtlingsfamilie wohnt. Der Künstlerische Leiter berichtet von Beschwerden und Drohungen von Anwohnern wegen arabischer Musik, von einem abgefackelten Auto und einem brennenden Container. Gastierenden Künstlern wird empfohlen, montags möglichst die Innenstadt meiden. Sprach er noch vor kurzer Zeit vom „Traumjob Hellerau“, so hat Jaenicke jetzt in einem immer aggressiver werdenden Dresden „nicht mehr das gleiche Gefühl wie vor zwei Jahren“.

Darüber tröstet auch nicht ganz hinweg, dass jetzt ein zusätzlicher Geldsegen von rund einer halben Million Euro Bundesgeldern über Hellerau niedergehen wird. Geld, mit dem insbesondere personelle Lücken gestopft und neue Vorhaben gewagt werden können. Die Rekonstruktion der Appia-Bühne zum Beispiel, ein arabisches Fdestival 2017 oder ein geplantes zu sakraler Kunst. Auch in lokale Strukturen, also in das Engagement für die Dresdner Szene im weitesten Sinn, sollen Mittel fließen. Was wird es am Mittwochabend zu sagen und zu feiern geben? Dank für das Engagement der Stadt auf jeden Fall, die das Festspielhaus für eine Bewerbung als Europäische Kulturhauptstadt wiederum brauchen kann. Aber auch die vorsichtige Erinnerung daran, „dass hier noch nicht alles fertig ist“, schmunzelt Dieter Jaenicke.

 

Von Michael Bartsch

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