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Festspielhaus Hellerau erinnert mit einer Ausstellung an seine Anfänge in den 1990er Jahren

Wohin mit der Utopie? Festspielhaus Hellerau erinnert mit einer Ausstellung an seine Anfänge in den 1990er Jahren

"Damals vor 25 Jahren" - aufmerksamen Beobachtern der Jubiläumsfeierlichkeiten zur deutschen Wiedervereinigung im vergangenen Herbst ist vielleicht die Nüchternheit des allgemeinen Tonfalls noch in Erinnerung.

Rhythmikerinnen im Bühnenbild "Der jüngste Tag" des Staatsschauspiels.

Quelle: Gabriele Gorgas

Dresden. "Damals vor 25 Jahren" - aufmerksamen Beobachtern der Jubiläumsfeierlichkeiten zur deutschen Wiedervereinigung im vergangenen Herbst ist vielleicht die Nüchternheit des allgemeinen Tonfalls noch in Erinnerung. Stolz auf die Integrationsleistung ja, aber eher wenig Euphorie - inzwischen belehrt uns das Pegida-Getöse massiv auch über lang verdrängte Defizite der großen gesellschaftlichen Transformation. Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen? - Wie ein stachliger Nachtrag zu dieser Bilanz lässt sich eine bescheidene kleine Ausstellung im Festspielhaus Hellerau betrachten, die allerdings die Unbescheidenheit zum Thema hat: Utopie - Existenz - Utopie. Gelegentlich des nahenden zehnten Jubiläums der Wiedereröffnung des sanierten Festspielhauses wird der Rekultivierung dieses zentralen Ortes der deutschen Reformbewegung als "Europäisches Zentrum der Künste" gedacht - die Unbescheidenheit als Programm.

Fast vergessen war am Ende der DDR der einstige tatsächlich europäische Rang der Gartenstadt und seines Festspielhauses, in dem seit 1945 die Rote Armee einquartiert war. Durs Grünbeins kürzlich erschienene Kindheitserinnerungen "Die Jahre im Zoo" - er ist in Hellerau aufgewachsen - berichten u.a. von diesem weißen Fleck im Bewusstsein der Bewohner. Hautnah mit der Wende allerdings versammelte sich eine kleine Gruppe von Kennern und Theaterenthusiasten um die noch von den Russen besetzte Halbruine zur Gründung eines Fördervereins, einer damals utopisch erscheinenden "Europäischen Werkstatt für Kunst und Kultur".

Ihre staunenswerte Energie bezog diese Initiative aus der schnell wiederentdeckten Strahlkraft des 'Experiments Hellerau' in jenen Jahren vor dem Ersten Weltkrieg. Damals war die Gartenstadt mit ihrem Konzept einer tiefgreifenden Lebensreform zum Ausgangspunkt radikaler Umformung des Theaters und eines neuen deutschen Ausdruckstanzes geworden, zu dem Hoffnungsort des in Unruhe geratenen Zeitgeistes und damit für wenige Jahre zu einem Treffpunkt der kulturellen Avantgarde.

Dieses Potential elektrisierte nun ein zweites Mal - das 'Neue Hellerau' der Jahre nach 1990 entwickelte sich im Handumdrehen zu einem Laboratorium für kulturelle Sehnsüchte und künstlerische Utopien im wiedervereinigten Deutschland: "Eine verrückte, abenteuerliche und anarchische Zeit", schreibt Dieter Jaenicke, der heutige Hellerau-Chef. Alles war offen - nur das Festspielhaus selbst blieb verschlossen bis zum Abzug der Roten Armee im Sommer 1992. Und dann blieb der Saal wegen Einsturzgefahr fürs Erste gesperrt. Wo nun hin mit den vielen neuen Aktionen, den Festen und Performances, den Symposien und Konzeptionsdebatten?

Die Ausstellung, und mehr noch der begleitende kleine Katalog, erzählen von dieser inspirierenden Anfangszeit des großen Aufbruchs. Sie präsentieren einerseits eine Chronik der Ereignisse und versuchen andererseits mit Fotos und Dokumenten eine Anmutung der knisternden Atmosphäre einer Frühzeit zu geben, die inzwischen selbst in erstaunliche Entfernung rückt. Zur Ausstellungseröffnung im vergangenen Dezember tanzte Derevo halbnackt durch den Schneeregen auf dem Festspielplatz - mir kam es vor wie ein Remake auf die ewig kalten Anfangsjahre, wo wir zähneklappernd ekstatischen Tänzen folgten. Das Provisorium als Zuhause-

In dieses kamen sie dann alle: Conny Bauer und Friedrich Schenker zum feierlichen Einzug ins Gelände, gefolgt von Jo Fabian, Laibach, George Tabori, Ilya Kabakow, Derevo, Krause Zwieback, Tanztheater Zürich. Alfred Hrdlicka inszenierte den provokanten Einakter "Mörder, Hoffnung der Frauen" von Kokoschka; die Internationale Tanzwoche, Theater der Welt und Dresdner Tage der zeitgenössischen Musik fanden in Hellerau statt und schließlich 2003 eine Internationale Werkstatt Jaques-Dalcroze.

Claudia Reichardt, genannt Wanda, hat als Kuratorin der Ausstellung die eher nüchterne "Flachware" der chronikalischen Tafeln und (meist etwas kleinen) Aktionsfotos kombiniert mit zwei Filmen über Hellerau (Norbert Göllers "Befreiung des Körpers" von 2001 und der ZDF-Dokumentation "Wiedergeburt einer Utopie" von 1997 - je 45 min.) und einer dreiteiligen, von Barbara Lubich geschickt in Szene gesetzten Interviewserie.

Dieses Dokument ist sehenswert aus doppeltem Grund: Zum einen kommen mit Detlev Schneider, Carsten Ludwig und Fabian Zimmermann auf der künstlerischen Seite und Prof. Hans Joachim Meyer und Wolfgang Hähle seitens der Administration die bestimmenden Akteure von damals noch einmal zu Wort (ebenso der eigentliche Hellerau-Promotor zu DDR-Zeiten Michael Faßhauer) - zum anderen wird durch die klug geschnittenen Interviews ein distanzierter Blick von heute produktiv, den die vielen Beschwörungen der Utopie allerdings nötig haben. Der Aufbruch war ein Abenteuer, aber nur die authentische Kunst von heute - das wissen wir -, die oft das Larvenstadium lang hinter sich hat, und das ruinöse Provisorium sowieso - nur deren immerwährende Aktualisierung ihrer Bildmetaphern im Lichte unserer aktuellen gesellschaftlichen Krisen kann die Leuchtkraft liefern für ein ebenso verändertes Publikum. - Wie inspirierend ist aber eben auch der Rückblick: "Damals vor 25 Jahren-"

Utopie - Existenz - Utopie, Ausstellung im Festspielhaus Hellerau bis zum 21. Januar, Öffnungszeiten: zwei Stunden vor Vorstellungsbeginn und Sa/So 14-18 Uhr. Katalog 5 Euro

von Hans-Peter Lühr

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