Menü
Dresdner Neueste Nachrichten | Ihre Zeitung aus Dresden
Anmelden
Regional Festival auf Dresdens grünem Hügel: Street Culture@Hellerau
Nachrichten Kultur Regional Festival auf Dresdens grünem Hügel: Street Culture@Hellerau
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:09 09.09.2015

[gallery:600-31772557P-1]

Im komplexen Paket wird der Hochkulturstadt damit erstmals internationale Urbankunst gelehrt, denn vom grünen Hügel ausgehend wird auch der Stadtraum erobert: So wird bereits vor der offiziellen Eröffnung am Freitag das Velo Tramp als mobile Galerie durch Dresden radeln, eine Paint-Club-Battle drei noch geheime Orte erobern und die vielleicht bis dahin trockene Unterführung am Goldenen Reiter einen Tunnelbreaks-Jam angesagter sächsischen Breakdancebrigaden erleben (21. Juni, 21 Uhr).

Bründl, im 66-seitigen Programmheft im praktischen Hosentaschenformat als Initiatorin und Kuratorin bezeichnet und sonst als rechte Hand von Intendant Dieter Jaenicke in Hellerau tätig, weiß auch den Unterschied zwischen Street Art und Street Culture zu erklären: Street Art würde per üblicher Definition schlicht Graffitis ausschließen - die gehören aber mittlerweile zu jedem Stadtbild, in dem desillusionierte Jugend haust, dazu.

Daher wird die Ausstellung "Future/Memory" - bei der die Künstler vor allem die Freifläche vor dem Festspielhaus, auf der mit einer Art Containerdorf Ghettoatmosphäre simuliert wird, bespielen - für die größten Furore sorgen. Die Künstler tragen Namen wie Boogie, Horfee oder HuskMitNavn und kommen aus Belgrad, Paris, Kopenhagen oder New York, sie fotografieren Obdachlose, basteln Schrottskulpturen, texten Graffitibotschaften der ersten oder zweiten Generation und verschönern Wände mit Gestalten aus dem "Leviathan". Sie sind in ihrer Szene echte Gurus und reisen teilweise schon im Laufe der Woche an - und sind so vorab bei der Arbeit zu beobachten. Sie bekommen einen "White Cube", also einen großen Holzwürfel, den sie täglich nach ihren Vorstellungen bearbeiten werden. Kurator ist SuperBlast aus Berlin, der seine Karriere als Sprüher mit 13 begann und somit auf ein Vierteljahrhundert Erfahrung verweisen kann. Heute sieht er seine großflächigen Werke der "universellen Mythologie" und "religiösen Ikonografie" verpflichtet.

SuperBlast wird jeweils sonntags, 17 Uhr, höchstselbst durch die Ausstellung führen, die bei freiem Eintritt während des gesamten Festivalzeitraumes geöffnet sein wird, bei Veranstaltungen im Festspielhaus, zwölf an der Zahl, bis zu deren Abschluss. Aus Berlin bringt er den Erfinder des humanen Beatboxens mit: Bee Low wird am 2. und 3. Juli (je 19 Uhr) zweimal durch die Ausstellung führen und per Stimme und deren Verzerrung das Geschehen quasi-musikalisch und humorvoll kommentieren. Weiter im Kunstprogramm: zwei verschiedene Stadtteilführungen mit Blickfang auf kunstvolle Sprayattacken im Industriegelände und der Neustadt und zwei Filmprogramme darüber. Besonders interessant: Jens Besser, Dresdens bekanntester Wandmaler, führt durch die von ihm initiierte Friedrichstädter Galerie und erklärt die zehn riesigen Wandbilder, genannt "Murals". Start ist am 27. Juni (15 Uhr) am Riesa efau auf der Adlergasse.

Aber Hellerau wäre nicht Gastgeber, gäbe es keinen Tanz. Zuerst kommt Bruno Beltrao mit seiner "Grupo de Rua" aus Rio. Sie bieten die deutsche Erstaufführung von "Crackz", die sich als "nomadisches Bewegungsexperiment" mit imaginärem Datenmüll befassen will. "Beltrao ist wohl der beste zeitgenössische Choreograf, der die Einflüsse von Breakdance und HipHop erkennt und in seine Arbeiten einbaut", freut sich Dieter Jaenicke auf die Eröffnungsshow (21. & 22. Juni, je 20 Uhr).

Diesem Vergleich stellen sich unter anderem die Kompanie Sebastian Ramirez mit "Monchichi" sowie Constanza Macras samt Hamburger HipHop Academy per "Distortion" und die französische Compagnie Shonen mit "Kaiju". Das Pieschener Stadtteilhaus Emmers erobert nach diesem Anschauungsunterricht per "Saxonz Plattform" die große Bühne und präsentiert am 30. Juni (20 Uhr) eine Art sächsische Leistungsschau unter Moderation von Philip Lehmann.

Auch musikalisch wird Klartext gerappt: Kingsley Defounga, einst mit Kool Savas als "Westberlin Maskulin" aktiv und heute als Taktlo$$ unterwegs, wird mit dem Feature-Ring-Team auftreten (24. Juni, 20 Uhr), Deeb aus Kairo wird mit Chuck Perkins aus New Orleans sprechsingen (1. Juli, 20 Uhr) und zum Abschluss am 6. Juli (22 Uhr) bei freiem Eintritt ein internationales Brass-Fest gefeiert. Drei unverstärkte Combos aus Bayern, Tansania und Mazedonien werden tags durch die Stadt jammen und abends in Hellerau gemeinsam spielen. Das Kocani Orkestar ist spätestens seit Kusturicas "Time of the Gypsies" ein Exempel für urbanes Straßenfegen.

So sorgt das beschauliche Hellerau - auf dessen Wegen akustisch sonst nur der Flugzeuglärm von Weltnähe zeugt - dafür, dass sich Dresden mit großer Metropolensubkultur bekannt machen kann, auch wenn es hier derzeit noch ein bisschen an Humus, beruhend auf Ghettos mit absoluter Armut, fehlt. Intendant Jaenicke kann derweil noch nicht sagen, ob und wann es bei Erfolg eine Neuauflage geben könnte. Schließlich stecken zwei Jahre Vorbereitung und ein erklecklicher Etat von knapp einer halben Million Euro in dieser Art von Straßenkult-Bestandsaufnahme, größenteils geschultert durch die drei Kulturstiftungen von Bund, Land und Stadtsparkasse. Die angestoßenen Kooperationen mit den Straßenkünstlern von Spike und Emmers würden aber sicher weitere, gegenseitige Impulse bringen, erklärte er am Donnerstag bei der Programmpräsentation.

Stolz ist er auch, dass nun, im letzten Jahr seiner ersten Amtszeit, eine schick beklebte Hellerau-Straßenbahn durch die City trammen und auf den lichten Tempel am Rande der Stadt hinweisen wird - zu den selben Kulturkonditionen wie beispielsweise die Semperoper.

Ausstellung "Future/Memory" vom 23. Juni bis 6. Juli (je 16 bis 20 Uhr) kostenlos geöffnet; Vernissage am 22. Juni, 19 Uhr.

Alle Termine: www.hellerau.org

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 15.06.2013

Andreas Herrmann

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Anzeige