Volltextsuche über das Angebot:

5 ° / 2 ° Schneeregen

Navigation:
Google+
"Fehlende politische Courage und Weitsicht": Der vor Amtsantritt als Dresdner Opernintendant gekündigte Serge Dorny teilt in viele Richtungen aus

"Fehlende politische Courage und Weitsicht": Der vor Amtsantritt als Dresdner Opernintendant gekündigte Serge Dorny teilt in viele Richtungen aus

Kaum machte die Nachricht die Runde, schon wurde in Dresden gekalauert: "Serge, doch ni!" Er selbst, der noch vor seinem Amtsantritt geschasste Intendant, war am Freitag zunächst für keinerlei Statements zu erreichen.

Zuerst habe er von der Kündigung aus der Presse erfahren und von seinem Rechtsanwalt die elektronische Kopie des Schreibens aus dem sächsischen Kunstministerium bekommen, sagte Serge Dorny dann am Sonnabend im Deutschlandradio Kultur. Ein direkter Kontakt zu ihm sei nicht versucht worden.

Dass Dorny erst verzögert öffentlich kommentierte, dürfte auch daran liegen, dass er möglichen juristischen Schritten - schließlich hat er einen unterzeichneten Vertrag, hohe Abfindungsforderungen können also nicht ausgeschlossen werden - nicht vorgreifen wollte. Zudem gab es auch an der bis Jahresende noch von ihm geleiteten Oper Lyon just am Freitag, als die Botschaft verkündet worden ist, die Premiere von Rossinis "Le comte Ory" ("Der Graf Ory"). Sie war ebenso wie Schostakowitschs Komödie "Moskau, Tscherjomuschki" in der Semperoper von der Personalie Dorny überschattet.

Am Rande der Lyoner Aufführung äußerte er sich Anwesenden gegenüber freilich doch und meinte, er habe sich wiederholt bei der sächsischen Staatsministerin über seine Rechte als Intendant erkundigen wollen, diese sei ihm jedoch stets ausgewichen, so dass Dorny angeblich bis zuletzt im Unklaren geblieben sei, welche Kompetenzen er in Dresden gehabt hätte. Seinen Worten zufolge wollte er Wege finden, um "das Niveau im Orchestergraben" hinsichtlich Gastdirigenten zu erhöhen. Gemeint war damit, "interessante" Dirigenten einzuladen, die sowohl Sinfoniekonzerte als auch Opern leiten. Das könne den Reiz des Hauses insgesamt natürlich erhöhen.

Ob er dabei die Namen der momentan in Oper und Konzert beschäftigten Dirigenten nicht für interessant genug hält oder sie schlicht übersehen hat, erwähnte Dorny nicht. Er habe jedenfalls als künftiger Hausherr spartenübergreifende Solidarität erwartet, wolle also "ein Buh aus dem Orchestergraben" bei missliebigen Opernproduktionen nicht akzeptieren. Er sage dies alles "aus Liebe zum Orchester", denn Konflikte könne man lösen, meinte er in Lyon, man müsse aber "den Mut haben, sie anzuerkennen".

Die Staatskapelle habe das Dornys Aussagen zufolge als Einmischung gesehen - und dabei seiner Meinung nach übersehen, dass die Sächsische Staatsoper Arbeitgeber auch der Kapelle sei. Sollte der Belgier darauf tatsächlich beharrt haben wollen, wäre sehr fraglich, wieso ein Profi wie er die Gegebenheiten so ignorieren konnte. Ein Orchester, das innerhalb des Hauses "quasi immun" sei, wollte er offenkundig nicht hinnehmen. Serge Dorny verlangte volles Letztentscheidungsrecht des Intendanten - Kenner der Materie hätten ihm die Vergeblichkeit dieses Wunsches womöglich klarmachen können.

Inzwischen sickerte durch, dass er dennoch in Planungsprozesse eingegriffen und sich angeblich recht selbstherrlich mit Christian Thielemann um einen neuen Wagner-"Ring" überworfen haben soll. Kurz nach der gefeierten Rossini-Premiere in Lyon schickte Dorny Freitagnacht einen Offenen Brief an die Medien, in dem er seine Kritik an Thielemann unmissverständlich zuspitzte: "... musste ich feststellen, dass Christian Thielemann nicht gewillt ist, an einem gemeinsamen Projekt zu arbeiten, sondern allein auf seine Unabhängigkeit und die der Staatskapelle bedacht ist zum Nachteil der Gesamtheit der Aktivitäten der Semperoper." Die Sächsische Staatskapelle - außerhalb jeglicher Diskussion auf künstlerischem Gebiet - sei in den letzten Jahren aufgrund ihres Verhaltens zu einem Hemmnis der Entwicklung der Semperoper geworden, fügte er scharf hinzu. In einem Dreispartenhaus müsse der Wille zum Zusammenarbeiten da sein, forderte Dorny. In seinem Schreiben betonte er seinen Anspruch, die Zukunft der Semperoper gestalten und sie mit einer "Öffnung für ein vielfältiges Publikum" verbinden zu wollen. "Der lange Zeitraum der Verhandlungen hätte mich alarmieren müssen", räumte er rückblickend auf die sechsmonatigen Vertragsgespräche ein. Die "essentiellen Informationen" seien ihm trotz mehrfacher Nachfrage "nur sehr sporadisch und (-) rudimentär" zur Verfügung gestellt worden. Er habe "entdecken" müssen, dass "verschiedene entscheidungstragende Kompetenzen, die laut Vertragsstatut im Bereich des Intendanten liegen, ebenfalls auf die Position des Chefdirigenten entfielen, was in der Konsequenz und im Extremfall zu einem kompletten Stillstand der zu fällenden Entscheidungen führen könnte."

Der Einfluss Christian Thielemanns als Chefdirigent der Staatskapelle, aber eben nicht GMD des Hauses, sei viel umfangreicher, als man ihm das gesagt habe. Er sei also nicht ein Intendant der Semperoper, beklagte sich Dorny im Rundfunkinterview, sondern nur Direktor für die Bereiche, auf die Thielemann keinen Einfluss habe. Die Staatskapelle habe finanzielle, künstlerische, Kommunikations- und Personalautonomie, schimpfte der Belgier. Thielemann hielt sich den Vorwürfen gegenüber auch gestern bedeckt, wollte sich nicht äußern und verwies auf sein Statement vom Freitag, dass er der Mitteilung des Kunstministeriums in vollem Umfang zustimme.

Er wollte sehr gern an die Semperoper kommen, sagte Dorny der Nachrichtenagentur dpa, weil er die Vergangenheit des Hauses und sein Potenzial sehr schätze. Ihm sei aber auch bewusst, dass man die Semperoper reformieren müsse, um international an die Spitze zu gelangen. Das sei sie momentan nämlich nicht, lautete sein Urteil. Nach diesen angriffslustigen Äußerungen scheint kaum noch zu verhindern, dass jetzt eine Schlammschlacht beginnt, und wessen Ruf am Ende dieser am meisten beschädigt sein wird, ist noch nicht abzusehen.

Mit Sachsens Kunstministerin geht Dorny in seinem offenen Schreiben drastisch ins Gericht: "Meines Erachtens hat gerade der Mangel an Transparenz und Präzision der durch Frau Ministerin von Schorlemer zur Verfügung gestellten Informationen in diese betrübliche Situation geführt. Wäre ich von Anfang an in vollem Masse [sic!] über die gegebenen Verhältnisse informiert gewesen, hätte ich das Angebot von Frau von Schorlemer ablehnen müssen. Ihre fehlende politische Courage und Weitsicht und ihre heutige Entscheidung - die Einzige, die sie seit meiner Vertragsunterzeichnung getroffen hat - sind der Beweis. Die Leidtragende ist in erster Linie die Semperoper selbst."

Henry Hasenpflug, Staatssekretär im Hause von Schorlemer, wies im Interview mit Deutschlandradio Kultur die Vorwürfe zurück und sagte, jede Sparte eines solchen Repertoirebetriebes wie der Semperoper habe ihre eigene künstlerische Freiheit, und die entsprechenden Leiter dieser Sparten besäßen relativ großen Gestaltungsspielraum im Gegensatz zu dem Bereich, wo Dorny herkomme, dem Stagionebetrieb, wo er bis in alle Details agieren könne. Schon lange, so Hasenpflug, habe es - letztlich vergebliche - Bemühungen des Ministeriums gegeben, die Differenzen durch Moderation zu schlichten.

"Wir werden mit Sorgfalt in den nächsten Tagen über weitere notwendige Schritte entscheiden", heißt es jetzt aus dem Kunstministerium. Der Kaufmännische Geschäftsführer Wolfgang Rothe werde die Oper kommissarisch leiten, erklärte Sprecherin Annett Hofmann. Michael Ernst/Kerstin Leiße

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 24.02.2014

Michael Ernst/Kerstin Leiße

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr