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Fassbinders „Angst essen Seele auf“

Bühnen Halle Fassbinders „Angst essen Seele auf“

„Angst essen Seele auf“ ist vielleicht der poetischste Titel, der der Ikone des (west-)deutschen Nachkriegsfilms, Rainer Werner Fassbinder, eingefallen ist. Brigitte Mira lief in diesem Klassiker zur Mimenhochform auf...

Paar mit ungleichen Vorzeichen: Elke Richter und Benito Bause überlassen beim Spielen von reicher Witwe und jungem Schönling Gedanken über Spießermoral und Vorurteile dem Publikum.

Quelle: Anna Kolata

Halle.  „Angst essen Seele auf“ ist vielleicht der poetischste Titel, der der Ikone des (west-)deutschen Nachkriegsfilms, Rainer Werner Fassbinder, eingefallen ist. Brigitte Mira lief in diesem Klassiker zur Mimenhochform auf. Andererseits glaubt man heute kaum, dass das ein zeitgenössisches Porträt der (west-)deutschen Gesellschaft war, das, wie das sprichwörtlich gewordene „Ehrenwerte Haus“ von Udo Jürgens und Michael Kunze, aus dem Jahre 1974 stammt. Und genau diese Zeit meinte Fassbinder und nicht die 50er oder 60er Jahre. Und doch: Trotz aller gewonnenen Schlachten um Emanzipation, Political Correctness und einer jüngst der übergroßen Mehrheit attestierten Toleranz für Lebensentwürfe ganz unterschiedlicher Art: die reife Frau und ein deutlich jüngerer Mann an ihrer Seite, noch dazu mit einer anderen als der regional vorherrschenden Hautfarbe (oder heute ein Männer- oder Frauenpaar Hand in Hand oder mit eigenem Kind oder die Einheimische und der Flüchtling) – sie alle schaffen es immer noch mindestens zum Hingucker.

Die Witwe Emmi Krokowksi war und ist eine Vorkämpferin der ganz stillen Revolten gegen einen überlieferten Verhaltenskodex von Spießermoral und Vorurteilen jeglicher Art. Das Schöne und Nachwirkende an Matthias Brenners Inszenierung und am Spiel von Elke Richter und Benito Bause ist, dass sie uns Überlegungen dieser Art selbst überlassen. Als Theater ist der Abend nicht nur von poetischer Melancholie durchweht, sondern auch raumfüllend und unterhaltend. Nicolaus Johannes Heyse hat einen Laufsteg quer durch den Saal gebaut. In der Mitte ist Platz für eine Theke, hinter der Hilmar Eichhorn als Wirt die deftige Bodenständigkeit pflegt. Am einen Ende geht’s hinauf in Emmis Wohnung, am anderen Ende, hinterm Vorhang, in die arabische Kneipe.

Der Abend öffnet im wahrsten Wortsinne die Türen der Fantasie. Er ermöglicht die Chance zur Empathie. Nicht nur für das Fremde – wie bei Fassbinder. Sondern auch für die Fremden, die heute zu uns kommen und hier leben. In Halle heißt das: die auch im Theater mitspielen. Musiker und Tänzer des multikulturellen Musik-Projektes „Arabische Oase“ und des Tanz-Projektes „Was uns bewegt“ unter Leitung von Razan und Sara Afifi sind die Freunde von Ali. Oder die Gäste in der arabischen Kneipe, die die Frau von Biergarten-Betreiber Angermeyer (Bettina Schneider) unterhält. Wenn sie ihre Tänze und ihre Musik beisteuern, erlaubt das einen innehaltenden Blick von außen aufs Deutsche. Und das heißt hier: Biergarten mit Ausschankschluss. Fußballfans mit Vereinsschal. Fußabtreter vor der Kneipe. Die Nachbarin (Barbara Zinn) mit Hang zum Denunzieren. Den Hauspascha mit Hosenträgern, Latschen und Bierflasche (Nils Thorben Bartlind). Und die Putzkolleginnen (Peter W. Bachmann, Joachim Unger, Jörg Simonides werfen sich dafür in Kittelschürzen) von Emmi, die alle so genau wissen, was geht und was nicht.

Mittendrin Emmi. Die Frau, die einfach ihrem inneren Kompass folgt, sich mit dem jungen Marokkaner Ali unterhält, ihn einlädt, mehr spontan, um die Attacke des Vermieters wegen ihres „Untermieters“ abzuwehren, sagt, dass sie ihn heiraten werde. Was sie dann auch tatsächlich macht. Brenner erzählt vor allem eine eher leise heitere als tragische Liebesgeschichte. Man kann nachvollziehen, dass die beiden so verschieden Einsamen sich gut tun. Ganz gleich, wie lange die Sache hält. Und wie vor allem Emmi die Kraft des Herzens aufbringt, dem Hass und Neid oder Unverständnis um sie herum die Stirn zu bieten. Das macht Elke Richter ganz großartig. Benito Bause mit seinem glaubwürdig angelernten, sympathischen Dreivierteldeutsch ist dafür genau der richtige Partner. Das Ganze funktioniert als Liebesgeschichte, weil die beiden nicht ins Reich des Unwahrscheinlichen abtauchen müssen und man ihre Annäherung sowohl von ihrem, als auch von seinem Standpunkt aus, nachvollziehen kann.

Brenner lässt aber auch den „Anderen“ eine Chance. Als Emmi und Ali aus dem Urlaub, in den sie geflüchtet waren, zurückkommen, haben die sich geändert. Die Nachbarin braucht Hilfe beim Räumen, die Kinder lenken ein (weil sie die Babysitterin brauchen), die Kolleginnen in der Putzkolonne haben jetzt eh eine türkische Kollegin. Dass Ali dann auch ein Verhältnis mit der jüngeren Frau Angermeyer unterhält, Emmi das toleriert, (Hauptsache, man ist gut zueinander), er aber dennoch mit Magengeschwüren zusammenbricht, das gehört dann schon zu den Fährnissen des Lebens, die halt vorkommen. Das gehört zur Utopie des Normalen, für das jeder selbst ein Stück Verantwortung trägt.
 

nächste Vorstellungen: 4. & 5. Februar

www.buehnen-halle.de

Von Joachim Lange

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