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Fasching für die Seele: Pere Ubu heute im Beatpol

Fasching für die Seele: Pere Ubu heute im Beatpol

Der deutsche Schauspieler Lars Rudolph hatte bis vor zwölf Jahren eine Band am Start, die Ich schwitze nie hieß. Poetisch quer, rockig kantig - eigen. Hätte David Thomas seine Pere Ubu hier gegründet, müssten sie wohl Ich schwitze immer heißen.

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Regelmäßig in Dresden zu Gast: Pere Ubu.

Quelle: Alexandre Horn

Aber Thomas ist US-Amerikaner, Pere Ubu bestehen seit 40 Jahren und sie sind immer noch eine der Konstanten im fulminanten Avantgarde-Rock'n'Roll sich beständig entwickelnder, nicht nur retrospektiver Musikerkollektive. Mit "Carnival Of Souls" (Fire) kam 2014 ein Album, mit dem die Band die 20 überschritten hat. Das Ex- und Implodieren, Kon- und Dekonstruieren, das offensive Arbeiten mit ruppigen Texturen, experimenteller Lyrik, diese unverkennbaren narrativen Ton-Wort-Setzungen haben eine neue Runde erreicht. Und obwohl Frontmann David Thomas immer wieder für Projekte abseits seiner Stammband zu haben ist, obwohl er sie ab und an temporär verkleinert und dann mit Andy Diagram und Keith Moliné als David Thomas & Two Pale Boys firmiert, sind die großbesetzten Pere Ubu seine eigentliche Bestimmung.

"Carnival Of Souls" beginnt mit einer kräftigen Schippe Led Zeppelin. Für "Golden Surf II" metert Moliné an "Whole Lotta Love" gemahnende Riffs ins Rund, um die Karten zu mischen. Damit geht eine neuerliche Zerklüftung einher. Mit Orgel, Theremin, tiefschwarz gewandeten Bässen, diesmal aber auch leuchtender Klarinette und digitalen Electronics, gespielt von Daryl Boon bzw. Gagarin, die die angestammte Pere-Ubu-Besetzung (Thomas, Moliné, Robert Wheeler, Steve Mehlman, Michele Temple) zum Septett komplettieren.

Die eingeführten Elemente der Band finden zu ihrem neuen Geistertanz. Er wurde schon Gift-Stadt-Blues genannt, Freak-Jazz, Post-Punk, er verweigerte sich aber jeden Namens, wurde hochtrabend beschrieben, schwurbelnd, kaum greifbar, aufrecht scheiternd. Denn die Liga, die diese außergewöhnlichen Gentlemen bespielen, ist eine eigene.

Allein die Überschriften der DNN-Rezensionen und -Ankündigungen immer dann, wenn Pere Ubu zu allem Glück regelmäßig in der Stadt (und immer im Briesnitzer Beatpol resp. Star Club!) aufgetreten sind, sprechen Bände: "Das muss!" und "Denn wir wissen nicht, was er tut", hieß es da, "Messe des Meisters von heute" und "Komm' großer schwarzer Vogel". Ein Pere Ubu-Konzert sollte man nicht so leicht vergessen, denn es ist das Zelebrieren von Möglichkeiten in der zeitgenössischen Musik, gepaart mit fassungsloser Furcht vor Geschmäckle und Reproduktion, Anbiederung, Gewohnheit und Klischee.

Wer Pere Ubu allerdings auf David Thomas reduziert, einen fürwahr begnadeten Sänger, Erzähler, Meckerer, Wieherer, Vibrator, Fallensteller und eine physische Erscheinung schlechthin, begeht einen entscheidenden Fehler. Das neuerliche Konzert im Beatpol sollte eine besondere Gelegenheit bieten, noch einmal neu auf Pere Ubu als Ensemble hochpotenter Künstler zu hören. Was hier in den atonalen Zwischentönen, Leerstellen, Pausen, Rhythmuswechseln und Tempoverschleppungen wie -forcierungen passiert, ist buchstäblich radikal.

Pere Ubu sind keine seelenlosen Konstrukteure. Ein Abend mit ihnen folgt einer fordernden, reizdienlichen, nie gefälligen Sinnlichkeit. Das ist rabiat und zärtlich zugleich, Fasching für die Seele.

Zappa ist für uns Irdische gegangen, der Captain (Beefheart) nicht minder, die Residents schwanken zwischen Selbstaufgabe und Reanimation, Johnny Dowd und Daniel Johnston sind viel zu selten greifbar. Pere Ubu wuchten also auch ein wenig an der Last, die ihnen die vielen Freunde dieser unvermindert fordernden und letztlich erfüllenden Musik auferlegen. Nur, man merkt es ihnen nicht an.

Pere Ubu, heute 21 Uhr, Beatpol

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 13.02.2015

Andreas Körner

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