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„Familienporträts“ von Christian Borchert im Einnehmerhaus Freital

Fotografie „Familienporträts“ von Christian Borchert im Einnehmerhaus Freital

Arbeiter und Angestellte, Bauern und Polizisten, Journalisten, Ärzte, Schriftsteller und Maler haben sich vor der Kamera des Fotografen Christian Borchert in ihrem Umfeld, mit ihren Partnern und Kindern und mit ihrer Persönlichkeit offenbart. Bis zum 21. Dezember sind die entstandenen Werke im Einnehmerhaus Freital zu sehen.

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Christian Borchert

Quelle: Deutsche Fotothek

Dresden. Natürlich kennt jeder, der sich nur ein bisschen für Fotografie interessiert, Christian Borchert, und geradezu Allgemeingut geworden sind seine Familienporträts. Bis Mitte der 1980er Jahre hatte der 1942 in Dresden geboren Fotograf – gefördert zunächst durch ein Kulturbund-Projekt – mehr als 150 Familien porträtiert und damit eine spezielle, auf ihre Art einzigartige Chronik privaten ostdeutschen Lebens geschaffen: Arbeiter und Angestellte, Bauern und Polizisten, Journalisten, Ärzte, Schriftsteller und Maler haben sich vor Borcherts Kamera in ihrem Umfeld, mit ihren Partnern und Kindern und mit ihrer Persönlichkeit offenbart. Mit dem Abstand der Jahrzehnte hat diese Bildchronik ihren Sonderstatus nur bestätigt – sie erzählt von dem, was immer am schnellsten vergessen wird: Wie wir selbst einmal waren und wie das Land beschaffen war, das 1990 verschwand. Wie sahen sie aus, die tollen Frisuren, die merkwürdigen Pullover und Schrankwände, die gepflegten Grünpflanzen und eigenwilligen Tapeten der achtziger Jahre. Und wie vor allem haben die „Bürger der Deutschen Demokratischen Republik“ jenseits alles Offiziellen damals so in die Linse geblickt: unsicher oder selbstbewusst, stolz oder verlegen, skeptisch oder heiter. Porträts sind ja immer auch Psychogramme, und Borchert, der selbst keine Familie hatte und eher ein Einzelgänger war, konnte offenbar Einfühlungsvermögen genug entwickeln, um immer wieder das Vertrauen seines Gegenübers zu gewinnen.

Die Auswahl im Einnehmerhaus, die die Berliner Journalistin Christina Meinhardt gemeinsam mit dem Lehmstedt Verlag und der Deutschen Fotothek Dresden für Freital besorgt hat, spiegelt mit gut 40 Fotos ein schönes Spektrum dieses besonderen Œuvres von Borchert. Man findet berühmte Köpfe wie Erwin Geschonneck und Adolf Endler (unter der Friseur-Schere von Elke Erb), Anna Cumin und Hans Scheib, den nonkonformistisch dreinblickenden Dichter Bert Papenfuß-Gorek, aber auch viele Porträtaufnahmen von Unbekannten in großer sozialer Vielfalt vom Arbeiter über goldenen Handwerkerstand bis zum kritischen Intellektuellen. Aufgenommen wurden auch ein halbes Dutzend Bildpaare, die ausgewählte Familien nach zehn Jahren erneut zeigen (meist 1993); die Kinder erwachsen, die Eltern älter, die Tapeten gewechselt.

Borchert hat sich immer auf einen der Großen der deutschen Fotografie berufen, auf August Sander. Dessen eindringliche Aufnahmen aus den zwanziger Jahren sind längst zu Inkunabeln der Porträtfotografie geworden, zu Bildchiffren der Weimarer Zeit. Ein bisschen verhält sich das mit Borcherts Fotos inzwischen ähnlich. Wer etwas erfahren will über die Verfasstheit der Menschen im letzten Jahrzehnt der DDR, der wird auf stille, aber nachhaltige Weise bei diesen Familienporträts fündig.

Die Fotos passen auch gut nach Freital, dieser durch die politischen Umbrüche des Jahrhunderts besonders gebeutelten Kommune. Die Arbeiterstadt, der die soziale Aufmerksamkeit abhandenzukommen scheint, entwickelt mit ihren Kulturangeboten immer wieder Positionen gegen dieses Image. Im Einnehmerhaus, das von einem engagierten Kunstverein unter Barbara Hornich betrieben wird, begegnet man lebensnotwendiger Empathie nun in der Kunst des Porträts.

bis 21. Dezember, Einnehmerhaus Freital, Dresdener Str. 2, Freital-Potschappel, geöffnet Di.-Fr. 16-18, Sa., So. 10-17 Uhr

Von Hans-Peter Lühr

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