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Fallstudie von Bedrängern und Verdrängern

Fallstudie von Bedrängern und Verdrängern

Eigentlich ist es ein Unterfangen faustischer Dimension. Wie bringt man die vergangenen 80 Jahre deutscher Geschichte auf die Bühne, drei Systeme, die jeweils das voraufgegangene zu bewältigen hatten und es zu negieren meinten? Die Ausgangssituation, mit der der in Schkeuditz geborene, kaum 30-jährige Autor Dirk Laucke das Aufeinandertreffen von Exponenten jener Phasen arrangiert, wirkt denn trotz aller Symbolhaftigkeit auch ein wenig konstruiert.

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Zwei aus der Zeit Gefallene: Martha Dreier (Helga Werner) und Lennert Wagner (Holger Hübner).

Quelle: Matthias Horn

Auf einer Kaffeefahrt nach Schlesien mit überzuckerter Volksmusik aus der fünften Liga passiert es. Der Bus kracht durch die Leitplanke und fällt in ein Raum-Zeit-Loch.

Aha, denkt man, der stramme Realist Laucke steigert sich ins Surreale.

Aber es geht erstaunlich banal weiter. Nur fünf haben überlebt, und die scheren sich kaum um Rettung, die nicht kommen kann, sondern zelebrieren eigentlich ihr bisheriges Leben weiter. So eingefahren sind ihre Rollen, dass sie kaum ein Problem mit der Situation, sondern sogleich mit ihren gar nicht so zufälligen Mitüberlebenden haben. Der Unfall gibt bestenfalls ein Bild für die Katastrophen der Geschichte, die für die meisten der Akteure offenbar nur Kataströphchen waren.

Aber der gescheite Dirk Laucke macht mehr als das Hannah-Arendt-Institut mit seinen Diktaturvergleichen. Fünf Rollen, fünf Präzedenzfälle genügen, um auf anthropologische Konstanten durch alle Zeiten und Systeme zu verweisen, die Anklagen relativieren und pharisäische Arroganz verbieten müssten. Der DDR-Schlagersänger Lennert Wagner ist der Immerobenschwimmer, zu jedem Arrangement mit der Macht und den Verhältnissen bereit. Stasi-Zuträgerschaft eingeschlossen. Kaltschnäuzig bis zynisch, ein Pragmatikerschwein, jetzt Reiseunternehmer, wo er seine labile, ebenfalls singende Tochter Marie verkauft. Lennerts rotzige Sprache scheint dem knapp-knackigen Schreibstil Lauckes sehr entgegen zu kommen. Und die Figur erhält erst recht Kontur durch Holger Hübner, eine Idealbesetzung. Diese kompatiblen Typen kennt man realiter noch gut, den Satz "Wir waren das doch alle, dieser Scheiß-Staat" auf den schmalen Lippen. Und man sieht Hübner dabei unwillkürlich noch in seiner einstigen Glanzrolle als Klaus Uhltzscht in Brussigs "Helden wie wir".

Es nimmt nicht wunder, dass sich Lennert und Martha Dreier alias Helga Werner bestens verstehen. Beide sind unfähig, über mögliche Schuld auch nur zu reflektieren. Diese Martha lebt noch immer in der Welt der "Heldentaten" ihres Mannes Heinrich, Mitglied in der Windhunddivision der Wehrmacht, dessen Urne sie bei sich trägt. Auch wenn heute kaum noch Zeitzeuginnen leben dürften, scheinen in dieser Kriegerwitwe der ganze Herrenrassen-Dünkel und deutsche Heimattümelei noch einmal auf. Man ahnt, was die Empörung der 68-er provozierte.

Dazwischen taumelt Marie, von ihrem Vater so abhängig wie von der Flasche, mit der sie die Erbärmlichkeit ihrer Schlagersängerinnenauftritte ertränkt. Picco von Groote sucht über einen Hauch Laszivität eigentlich nur die Liebe, die immer und überall zu kurz zu kommen scheint. Ähnlich labil erscheint Anna-Katharina Muck als die Biologin Antonia mit der in der DDR verpfuschten Karriere. Sie hat auch nach der Wende nichts nachholen können, begehrt aber nicht einmal richtig gegen Stasi-Lennert auf. Das tut umso mehr Torsten, der Journalist. Sascha Göpel gibt mit Vehemenz den Chefaufklärer, ja Ankläger. Aber ist sein Suchtverhalten, alle Gespräche heimlich mitzuschneiden, besser als die Stasi-Wanzen?

Zuweilen mutet "Alles Opfer oder Grenzenlose Heiterkeit" wie eine historische Collage an. Einmal wegen der eingespielten Originaltöne vom Nürnberger Prozess bis zu Adorno und Fahnenappell, zum anderen wegen langer Monologe. Regisseur David Benjamin Brückel hat die Textlast mit Aktion und Interaktion aufzulockern versucht. Zu überzeugenden Bildern, die die Banalität des Realen überhöhen, kann er sich nicht steigern, etwa im Umgang mit jenen erratischen Quadern, die wie erstarrte Geschichte in verschiedener Größe die Kulisse stellen. Jeremias Böttcher hat sie platziert, und man ahnt gleich, dass sie so nicht bleiben werden, sondern wie Vitrinen eines Museums ihre Standbilder preisgeben. Nur Puzzleteile, denn "die Wahrheit gibt es nicht"! Nach der Uraufführung dieser gemeinsamen Produktion mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen im Juni goutierte auch das bei weitem nicht rein oststämmige Dresdner Publikum die Premiere am Sonnabend.

Michael Bartsch

nächste Aufführungen: 29.9., 13.10.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 19.09.2011

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