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Falladas „Jeder stirbt für sich allein“ im Dresdner Schauspielhaus

Die Distanz zum Tod Falladas „Jeder stirbt für sich allein“ im Dresdner Schauspielhaus

Anna und Otto Quangel (Christine Hoppe und Thomas Eisen) bekommen die Nachricht, dass ihr einziger Sohn gefallen ist. 1940, im Feldzug gegen Frankreich. Der Krieg ist noch jung, für die Quangels aber ist mit dem Tod des Sohnes alles vorbei. In Hans Falladas Buch „Jeder stirbt für sich allein“ beginnt damit aber etwas Anderes.

Aus und vorbei: Otto Quangel (Thomas Eisen, M.) ist verhaftet. Obergruppenführer Prall (Holger Hübner) triumphiert (Szene mit Antje Trautmann).

Quelle: David Baltzer

Dresden. Am Anfang steht der Tod, am Ende wird das auch so sein.

Anna und Otto Quangel (Christine Hoppe und Thomas Eisen) bekommen die Nachricht, dass ihr einziger Sohn gefallen ist. 1940, im Feldzug gegen Frankreich. Der Krieg ist noch jung, für die Quangels aber ist mit dem Tod des Sohnes alles vorbei. In Hans Falladas Buch „Jeder stirbt für sich allein“ beginnt damit aber etwas Anderes: der Weg der Quangels in ihre ganz eigene Form des Widerstands. Aus diesem Stoff hat Eberhard Petschinka eine Bühnenfassung fürs Staatsschauspiel Dresden geschrieben, der Schweizer Regisseur Rafael Sanchez hat sie in Szene gesetzt.

Der Blick auf die Bühne (Simeon Meier) ist der auf ein Teppichgebirge, wobei Gebirge als Begriff wohl ein falsches Bild aufkommen lässt. Es ist vielmehr ein kantiger, an Industriearchitektur, Schornsteinen und Mietskasernen orientierter Bühnenaufbau, aufstrebend. Seine sämtlichen Flächen sind überzogen mit einem Teppichmuster, das farbig und vergilbt gleichermaßen ist, im Licht der Bühnenscheinwerfer und des ab und an aufsteigenden Zigarettenrauchs wirkt es noch verwohnter. Soll es die falsche Behaglichkeit des Dritten Reichs illustrieren, suggerieren?

Die Inszenierung selbst zerfällt jedenfalls in zwei Teile, und sie zerfällt auch dramaturgisch. Vor der Pause entfaltet sich ein Panoptikum, ein Unsittengemälde. Denunziantentum und die ständige Angst, angeschwärzt zu werden, aussichtslos an sich selbst scheiternde Kleinkriminelle, im Nazitum Aufsteigende und Aufgestiegene – all das knüpft Hans Fallada zu einem detailreichen Panorama, in dem sich fast keine Hoffnung auf Besserung findet. Darüber täuscht eine vierköpfige Widerstandszelle ebenso wenig hinweg wie der Weg der Quangels, Postkarten mit aufrüttelnd-unbeholfenen Texten gegen Führer und Reich zu schreiben und sie an immer anderen Orten in Berlin auszulegen.

Dieser um eine kleine Form des Aufbegehrens kreisende Text hat, dank Falladas Könnens als Autor, in seiner Abgründigkeit auch komische, komödiantische Momente. Sie bleiben auf der Bühne nicht ausgespart, werden zum Teil reizvoll ausgespielt – wenn beispielsweise Matthias Luckey, Philipp Lux und Torsten Ranft eine Art Bund Deutscher Kleiderträgerinnen bilden (samt köstlicher Perücken) und als versammelte Frauenschaft Anna Quangel, die sich mit der Frau eines Obersturmbannführers überworfen hat, den Stuhl vor die Tür stellen. Ranft spielt zudem vor allem den Kleinkriminellen Enno Kluge schlicht großartig, lässt in dessen Todesszene viel von der Angst und Unsicherheit dieses Lumpen erahnen. Lux liefert die Abgründe der von ihm dargestellten Denunzianten, der „Henkerslieferanten“, gibt der Vorstellung Raum, was ein Mensch dem anderen anzutun willens und in der Lage ist.

Im zweiten Teil ändert sich die Perspektive. Das Bild von den Gegebenheiten des Kriegsberlins, das Fallada an den Bewohnern des Hauses in der Jablonskistraße im Prenzlauer Berg zeigt, wo sie alle wohnen: die Quangels, die Jüdin Lore Rosenthal (hervorragend: Hannelore Koch), der alte Säufer Persicke (Holger Hübner) und sein Napola-Sohn Baldur (Luckey), der Spitzel Emil Barkhausen (Lux), der pensionierte Kammergerichtsrat Fromm (Hübner) – jenes Bild weicht der Nahaufnahme hin zu den beiden Quangels oder später, nachdem sie verhaftet wurden, zum Dialogischen zwischen Otto und dem Kommissar Escherich (Luckey). Die im ersten Teil entworfenen Stadt- und Personenszenerie wandelt sich damit im zweiten hin zum Kammerspiel. Was nicht aufgeht. Dazu sind die Figuren, die nun psychologisch ausgelotet werden müssten, nicht ausgefeilt genug, nur anskizziert. Teil zwei, in dem die meisten Bühnencharaktere oft genug zum begleitenden chorischen Erzähler werden, wirkt angesichts dieses nicht aufgehenden Perspektivenwandels blass, blutleer.

Die Quangels haben im gesamten ersten Teil des Abends nur wenige Szenen, sind aber meist in der Mitte der Drehbühne präsent: Die Inszenierung dreht sich im Wortsinn um die beiden. Doch dramaturgisch gesehen, würde das Stück bis zur Pause auch fast ohne sie auskommen. Danach, in Richtung Finale, zeigt Eisen einen eigenwilligen Otto Quangel, der Emotionen so gut wie nie spüren lässt. Mit Blick auf sein Ende durchströmt ihn Ruhe. Hoppes Anna dagegen bleibt zu eindimensional. War das von der Regie gewollt?

Einige Momente bleiben dennoch haften. Wie die Doppelszene von Lux und Ranft als in Ungnade gefallener Schauspieler Harteisen und Rechtanwalt Toll. Sie mündet in Tolls Feststellung: „Das Land wird immer wahnsinniger. Einer steckt den anderen an.“ Oder der Monolog Kochs als Rosenthal, die eben Selbstmord begangen hat und ganz unpathetisch noch einmal die Szene bis zu ihrem Tod nacherzählt, vorn im Scheinwerfer an der Rampe. Nicht zuletzt sorgen sieben Musiker der Banda Internationale für einen erstklassigen Live-Soundtrack.

Fallada, der nach dem Zweiten Weltkrieg von Johannes R. Becher (der damals noch nicht DDR-Kulturminister war) mit den Akten eines authentischen Falls (die Quangels im Roman hießen eigentlich Otto und Elise Hampel) vertraut gemacht worden war, fertigte nach einigem Überlegen tatsächlich einen Roman, der auf dem Fall basierte. Es ist die Zustandsbeschreibung eines Landes im Abwärtstaumel, hin zum völligen Verlust des Ethischen. Sebastian Haffner hatte in „Germany: Jekyll and Hyde“ schon eine frühe und bemerkenswerte Diagnose des Deutschen jener Zeiten erstellt, denen sich auch Fallada widmet. „Seine Führer begehen die Verbrechen, vor denen er zurückschreckt, die er aber insgeheim für notwendig und wünschenswert hält, und sie ersparen ihm sogar gnädig die Unannehmlichkeit, sich als Mittäter vorzukommen.“ Haffner schrieb das im Londoner Exil, 1940. Im selben Jahr lässt Fallada die Handlung seines Buches beginnen, das selbst aus dem Satz Haffners emporgestiegen sein könnte.

Dass der Tod der Quangels am Ende steht bei „Jeder stirbt für sich allein“, liegt auf der Hand. Der Kreis hat sich geschlossen. Es ist die Distanz zu diesem Tod, die bei allen Figuren Falladas spürbar ist, vor allem durch die die Grundschwingung des Krieges, der (noch) siegreich geführt wird. Quangels Sohn, Quangels Fast-Schwiegertochter Trudel (Antje Trautmann), Lore Rosenthal, Enno Kluge, Kommissar Escherich – sie alle sterben. Das Schicksal anderer wie Harteisen oder des scheiternden Kommissars Zott (Torsten Ranft einmal mehr überzeugend) wird angedeutet, es ist kein gutes. Für ein Happy End ist auf der Bühne kein Platz. Bei Fallada ist der Tod allgegenwärtig, die Distanz zu ihm schrumpft beständig.

Hans Fallada gab seinem 1946 in nur vier Wochen runtergeschriebenen Roman ursprünglich ein versöhnliches Ende mit, ließ die Jugend in eine bessere Zukunft aufbrechen. Auf der Dresdner Bühne steht am Ende nur das Gewissen der beiden Quangels, ihr gereinigtes Gewissen, genauer gesagt. Dennoch fühlt man sich nach drei Stunden eigentümlich unberührt vom Bühnengeschehen. Vieles hätte passieren dürfen an diesem Abend. Das aber nicht. Auch wenn das Premierenpublikum minutenlang applaudierte.

Nächste Aufführungen: 6., 12., 23., 30.12.

www.staatsschauspiel-dresden.de

Von Torsten Klaus

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