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Regional Familiendrama „Explodiert“ an der TU-Bühne
Nachrichten Kultur Regional Familiendrama „Explodiert“ an der TU-Bühne
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07:00 09.06.2018
Zerplatzte Träume in einer fernen, implodierten Familienidylle an der TU-Bühne Quelle: Foto: Maximilian Helm
Dresden

Um es vorwegzunehmen: Es explodiert nichts, weder Dinge noch Menschen. Es implodiert nur eine kranke Ehe und schleudert dabei die beiden studierenden Kinder in die raue westliche Wohlstandswelt hinaus. Allerdings ohne, dass irgendjemand in echte Not geräte – alle versuchen sich neu zu definieren in einer Gesellschaft, die für Außenstehende aus der zweiten und dritten Welt zwischen Narzissmus und Infantilismus schwankt.

Man merkt schnell, dass dieses Spiel ein Weilchen zurückliegt – in der heilen ersten Dekade des dritten Jahrtausends nach Christus. Es geht bei Andreas Liebmann, dessen „Explodiert“ erstmals 2009 im Vestibül des Wiener Burgtheaters zündete, also weder um Terror oder Extremismus. Vera, sehr selbstbewusst von Marlene Maser gespielt, will einfach die Chance nutzen, nachdem beide Töchter halbwegs erwachsen sind, zwei Monate Musik im Ausland zu machen. Ehemann Thomas, gespielt von Florian Dietz, ist das zu heiß. Er bleibt lieber zu Hause, um aufzupassen.

Doch Vera gefällt die Auszeit, die Stille bei den Nomaden, später weilt sie auch mal kurz gedanklich in Grönland – und wird, bei der zunehmend abholderen Telefonkommunikation, bald von Thomas der Untreue geziehen – und es passieren Clownerien ihr zur Ehren, in der Inszenierung der TU-Bühne in Filmform gebannt. Als sie noch drei Wochen länger bleiben will, wird sie von der ganzen Familien gedisst. Ihr Mann kündigt die Ehe wie einen faulen Kreditvertrag und reist, zwecks reinster Selbsterkenntnis, mit der jüngeren Tochter Anna nach Rom und auf den Ätna, denn seine Liebe ist recht einseitig erkaltet, die Abstiegsseite bleibt offen … In der Heilbronner Heimat, wo auch Liebmanns Hauptwerk spielt, bleibt nur die größere Tochter Christa zurück und lebt normal weiter.

Liebmann, teils in Berlin lebender Züricher Jahrgang 1972, wurde mit „Die Toten von Heilbronn“ vor zehn Jahren zum Berliner Stückmarkt immerhin unter die ersten zehn von 646 Autoren aus 33 europäischen Ländern gelobt, gewann als Sechster bis Zehnter einen Dramatikerworkshop bei John von Düffel und arbeitet – neben Regie und Texten – meist an „ortspezifischen Performances“.

Insgesamt ist es sehr gut, dass die TU Bühne auch im 62. Jahr des Bestehens immer wieder neue Werke in den überreizten Dresdner Stücke- wie Stoffmarkt einbringt und dabei Farbtupfer setzt – und vor allem Talente entwickelt. Denn auch wenn die Story aus heutiger Sicht weitab von aktuellen Schüssen wie Gemütslagen ist und klischeehaft wie komisch wirkt, entsteht eine sehenswerte Inszenierung. So hat Markus Forbig als Eigengewächs aus dem Stück, das schon zur Uraufführung nur durch die Regie gerettet ward, eine eigene Sicht entwickelt, bei der er die tollkühn behaupteten Menschenexplosionen, die man als schlichtes Platzen sehen kann, glücklicherweise weglässt. Dafür hat er einige Begegnungen als dramatisch wichtig herausdestilliert und seinen Akteuren genau gearbeitete Mono- und Dialoge als Herausforderung angeboten, die wirklich alle Talente offenbaren lassen und denen man trotz manch‘ seltsamer Erklärungen gern zuschaut.

Daran, dass man den körperlich starken wie schmerzfreien Max Böttcher, der in verschiedenen Rollen alle drei Frauen bezirzen darf, demnächst auf einer größeren Bühne wiedersehen wird, besteht keinerlei Zweifel. Er meistert – sich teilweise in seiner Präsenz zurücknehmend – sowohl verschiedene eingebildete Mutteraffären als auch die erste wilde Liebesbeziehung von der etwas älteren Schwester Christa als auch den zarten Hauch einer ersten Urlaubsliaison der jüngeren Anna als sizilianischer Schaffner (aus Mailand oder Rom; Hauptsache Italien), der angeblich sein Ätna-Dorf nach jedem Ausbruch immer wieder aufbaut.

Aber auch Marlene Maser überzeugt als recht junge selbstbewusste Mutter – die ihren beiden Töchter durchaus ein gutes Vorbild sein kann. Diese haben – Anna Schütze als Anna und Andrea Rios Schmitz als Christa – jeweils einen komplizierten Monolog in Atemweite vorm dem begeisterten Publikum, den beide hervorragend meistern. Florian Dietz ist von Anfang an ein weicher Vater, vermutlich Techniker und Ingenieur, der ob seiner Logik und seines Misstrauens gepaart mit Intoleranz den Familienfrieden gefährdet.

Das Ganze wirkt auch deshalb nach, weil Soundtüftler Alexander Kellner ganz ohne Kopfmikros einen raffinierten Hall in die Raumluft zaubert, den man so nicht kennt. Ebenso überzeugend: die Lichtregie von Techniker Martin Schumann. Auch die Videos, Inszenierungen in farblich starker Optik und großer Klarheit im witzigen Stil der italienischen Volkskomödie – Lateiner unter uns sprechen gern von Commedia dell’arte – abgespielt auf vier herrlichen Röhrenfernsehern, funktionieren besser als bei manchen Profis, so dass, auch wenn das ganze Sujet so alltäglich lapidar wie fern erscheint, diese 66 Minuten vor allem ob des Spiels in Erinnerung bleiben.

Vorstellungen 9. und 10. Juni (je 20.15 Uhr), Teplitzer Str. 26, Tel. 0351/6336351

die-buehne.tu-dresden.de

Von Andreas Herrmann

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