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"Europa fehlt derzeit eine Vision": Der Dirigent und Pianist Kristjan Järvi im Interview

"Europa fehlt derzeit eine Vision": Der Dirigent und Pianist Kristjan Järvi im Interview

Die Dresdner Musikfestspiele vom 15. Mai bis 3. Juni 2012 widmen sich unter dem Motto "Herz Europas" insbesondere jener Region, die im Dreieck Wien-Budapest-Prag so viele Wunderwerke der Musik geboren hat.

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Der Dirigent Kristjan Järvi vor dem Leipziger MDR-Gebäude.

Quelle: Wolfgang Zeyen

In einer Interviewserie der DNN kommen Künstler, die in Dresden zu erleben sein werden, als Stimmen aus dem Herzen Europas über Europa zu Wort. Heute: der Dirigent und Pianist Kristjan Järvi.

Frage: Kunst und Kultur haben sich noch nie durch nationalstaatliche Denkmuster und Egoismen beschränken lassen, daher wird ihnen eine führende Rolle im europäischen Einigungsprozess zugewiesen. Wie kann Kultur den europäischen Gedanken über die Dimension einer Wirtschafts- und Währungsunion hinaus stärken?

Kristjan Järvi: Kunst und Kultur entstehen auf natürliche Weise durch das Wohlbefinden eines Staates. Wir legen so starken Wert auf Wirtschaft und Produktivität. Diese zwei Faktoren funktionieren aber nicht allein, sondern nur gemeinsam mit Kunst und Kultur. Erst Kunst und Kultur lassen eine Nation zu einer Nation werden. Unsere Sprache ist unsere Kultur und unsere Kultur ist unser Erbe. Unsere ganze Gesellschaft basiert auf kulturellen Wurzeln, ohne diese wären wir nur unzivilisierte Menschen.

Das Herz Europas war die Triebfeder, die Kunst und Kultur zu unnachahmlicher Blüte gebracht hat. Europa ist mehr als eine Wirtschaftsunion. Worin besteht das gemeinsame "kulturelle Erbe", das eine europäische Identität prägt? Wie wichtig ist es gleichzeitig, diese Vielfalt zu erhalten?

Das ist wie in einer Familie: Es gibt stärkere Staaten, die - bildlich gesprochen - Vater und Mutter darstellen, wie beispielsweise Deutschland und Frankreich. Und dann gibt es die Kinder, die zwar kleiner sind, aber dennoch sehr individualistisch, und die wiederum Kinder haben werden. Natürlich können sich die Kräfteverhältnisse im Lauf der Zeit ändern, indem einige Staaten stärker werden, und zwar nicht nur in wirtschaftlicher oder militärischer Hinsicht, sondern auch, was ihre kulturelle Identität anbelangt. Nehmen wir zum Beispiel ein kleines Land wie Estland, aus dem ich stamme. Da wir so klein sind, haben wir weder eine starke Wirtschaft noch Industrie, die uns auszeichnen würde. Alles, was uns als Nation ausmacht und zusammenhält, ist unsere Identität als kulturelle Einheit, unsere Sprache, unsere Kultur.

Auch wenn wir heute in Europa eine andere politische Lage haben, brauchen wir noch immer Politiker mit Visionen, die unsere Länder zusammenbringen. Und ich denke, dass Kultur der wichtigste Aspekt in der zukünftigen Entwicklung sein sollte.

Wann spüren Sie am deutlichsten, wie kraftvoll das Herz Europas schlägt?

Alle Arten von kulturellen Ambitionen werden von Institutionen getragen, in Wien zum Beispiel von der Stadtregierung, dem Musikverein, dem Konzerthaus und ähnlichen Einrichtungen. Es gibt keine eindeutige Regierungspolitik, die eine starke Kulturförderung vorschreibt. Was wir brauchen, sind Politiker mit Visionen für die Zukunft. Und genau das fehlt Europa meiner Meinung nach im Moment: eine langfristige Vision für die Zukunft, die nicht nur die kulturellen Besonderheiten fördert, sondern gleichzeitig auch die verschiedenen Nationen bei ihrer Entwicklung nachhaltig unterstützt.

Estland ist ein Land, das sowohl geographisch als auch aufgrund seiner jüngeren Vergangenheit in starkem Maß aus zwei Richtungen beeinflusst ist. Wie wichtig sind da die kulturellen Beziehungen für den europäischen Integrationsprozess?

Meiner Meinung nach sind sie sehr wichtig. Europäische Integration würde heutzutage auch ohne die EU stattfinden, weil wir so unglaubliche Kommunikationsmöglichkeiten haben. Jeder lebt im Cyberspace, jeder kommuniziert durch einen Mausklick auf dem Computerbildschirm. Wir haben Skype, wir haben Handys, wir haben alles, was wir brauchen, um in einer Sekunde sprichwörtlich auf der anderen Seite der Erde zu sein. Wenn wir also über europäische Integration sprechen, dann als ein natürlicher Prozess, der ohnehin stattfindet und nicht forciert werden muss. Wenn allerdings eine Währungsunion etabliert werden soll, dann muss auf die kulturellen Gegebenheiten der verschiedenen Länder und Nationen Rücksicht genommen werden. Wenn man die kulturellen Unterschiede zwischen dem Süden, Osten und Westen nicht berücksichtigt, kann das zu Konflikten führen.

Eines der Orchester, mit denen Sie nach Dresden kommen, ist das Baltic Youth Philharmonic, das junge Musiker aus verschiedenen Ländern der Ostseeregion zusammenbringt. Inwiefern spielt das über die letzten Jahre zusammengewachsene Europa eine Rolle für ihre musikalischen Aktivitäten oder wie beeinflusst es generell das Leben junger Musiker?

Wir sind hauptsächlich eine Bildungseinrichtung und das aus einem einzigen Grund. Wir haben das Gefühl, dass die Regierungen, wie ich bereits sagte, zunehmend den Blick für die wichtige kulturelle Bildung und die gesellschaftlichen Entwicklungen verlieren. Wir versuchen in kleinem Umfang und mit der Unterstützung privater Förderer, da wir im Moment keine staatlichen Subventionen erhalten, in den Ländern der Ostsee-Region Ausbildungsstrukturen zu schaffen, die im Bereich der Musik langfristige Ziele verfolgen. Und vielleicht kann unser Modell von künftigen Regierungen aufgenommen und weiter verfolgt werden.

Diese Art multikulturelle Union zwischen den östlichen, nördlichen und südlichen Ländern der Ostseeregion bedeutet sehr viel für mich, da ich selbst aus dieser Region stamme. Meine Mutter kommt aus Russland, mein Vater ist Este und ich bin sozusagen ein Vertreter beider Länder. Und genau dafür steht das Orchester. Es ist doch viel spannender, die unterschiedlichsten Farben in einem Bild zu entdecken, anstatt nur Grautöne. Genau dafür müssen wir arbeiten, dass in dieser Europäischen Union all die unterschiedlichen Farben erhalten bleiben und nicht nur eine Farbe dominiert.

Musik ohne Grenzen also-

Genau so ist es. Dieses Motto ist bereits seit langem ausschlaggebend für meine Arbeit. Und das wäre in Europa so leicht umzusetzen, ist es doch geografisch betrachtet nicht besonders groß.

Konzert zu den Musikfestspielen: Sinfonisches und Kammermusikalisches mit MDR Sinfonieorchester, Baltic Youth Philharmonic, Kristjan Järvi (Dirigent), am 26. Mai in der Messe Dresden

Werke von Bach, Mahler, Beethoven, Brahms, Korngold und Ravel

Kristjan Järvis Name steht für künstlerische sowie kulturelle Vielfalt und für Innovation, was auch u.a. seine Rollen als künstlerischer Berater des Kammerorchesters Basel und Gründer und künstlerischer Leiter des Absolute Ensemble belegen. Järvi fühlt sich allen Genres gleichermaßen verbunden und arbeitet mit so verschiedenartigen Künstlern wie Arvo Pärt, Tan Dun, John Adams, Esa-Pekka Salonen, H.K. Gruber, Renée Fleming, Joe Zawinul, Benny Andersson, Goran Bregovic, Paquito d'Rivera, Eitetsu Hayashi und Marcel Khalife zusammen. Als Gründungsdirigent und künstlerischer Leiter des Baltic Youth Philharmonic ist der US-amerikanische Dirigent estländischer Herkunft auch als engagierter Musikvermittler zwischen den Kulturen tätig. Kristjan Järvi ist außerdem ein versierter Pianist. Auch als Gastdirigent ist Järvi weltweit sehr begehrt. Mit der Spielzeit 2012/2013 wird er als Chefdirigent die Leitung des MDR Sinfonieorchesters übernehmen.

stimmen aus

dem Herzen Europas

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 29.02.2012

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