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„Eugen Onegin“ in neuer Inszenierung an der Dresdner Semperoper

Letzte Premiere der Spielzeit „Eugen Onegin“ in neuer Inszenierung an der Dresdner Semperoper

So muss es sein, so muss es klingen, so muss gesungen werden in Dresden, in der Semperoper: Tschaikowskis „Eugen Onegin“ in einer Neuinszenierung, die musikalisch überzeugt und deren Regie Fragen aufwirft.

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Camilla Nylund (Tatjana) und Christoph Pohl (Eugen Onegin)

Quelle: Jochen Quast

Dresden. So muss es sein, so muss es klingen, so muss gesungen werden in Dresden, in der Semperoper. Ob es auch so aussehen muss in der durch Robert Schwers Bühnenbild dominierten Inszenierung der Lyrischen Szenen „Eugen Onegin“ von Pjotr Tschaikowski nach Alexander Puschkins gleichnamigem Versroman, wird oft fraglich, denn für den Regisseur Markus Bothe führen so gut wie alle Wege der Protagonisten geradewegs an die Rampe. Bothe will dieses Drama der verpassten Chancen in der Rückschau der Hauptpersonen Tatjana und Eugen Onegin erzählen. So beginnt der Abend zum zarten, lyrischen Vorspiel mit dem endgültigen Abschied der beiden. Und schon fahren die Teile des großen Raumes, der die überdimensionierte Pracht sowjetischer Kultur- und Repräsentationsbauten assoziiert, auseinander, um sich dann wieder in der sprunghaften Rückschau zu den jeweiligen Stationen der Missverständnisse zu fügen, bei denen die Menschen einsam zurückbleiben, mit dem Leben davonkommen, bis auf den Dichter Lenski, der bei einem unsinnigen Duell stirbt.

Leider gehen diese Zeit- und Raumverschiebungen nicht geräuschlos vonstatten, so dass es mitunter zu unangenehmen Störungen der Musik kommt. Sollte dies eine inszenatorische Absicht sein, spricht sie nicht für die musikalische Sensibilität der Verantwortlichen.

Eigentlich spielt die Oper zunächst im ländlichen Russland um 1820 und einige Jahre darauf in St. Petersburg. Aber diese Rückschau der nagenden Reue des Titelhelden und der sich um den Preis der Einsamkeit emanzipierenden Tatjana, deren Zuneigung Onegin in erniedrigender Weise aus missverstandenem Selbstschutz abschmettert, führt zunächst wohl doch eher auf eine sowjetische Kolchose und später in die russische Oberschicht der Gegenwart. Ein marodes Ölleitungssystem in zerstörter Landschaft, wenn sich Onegin und Lenski duellieren, passt immer. Bühnenschnee ist in dieser Szene schon oft gefallen. Ironischerweise liegt dieser Opernschnee von gestern auch noch an der Rampe, wenn unter flirrenden Discokugeln sich Tatjana und Onegin beim Diplomatenball in Gremins Palais wieder treffen um dann endgültig eigene Wege zu gehen, die zunächst, davon war schon die Rede, in die Erinnerungen zurückführen.

Kommt hier der Blick des Regieteams auf die zerrissenen, russischen Seelen der von Tschaikowski durchaus mitfühlend und dennoch analytisch musikalisch gestalteten Menschen nicht doch ein wenig weit von oben und folgt dem Zeitgeist, wenn der Blick nach Osten geht? Spott und Ironie sind billig zu haben, aber angesichts dieses Werkes kaum angemessen. Da trifft es manche Sängerdarsteller besonders, etwa Sabine Brohm als Gutsbesitzerin Larina in hämischer und ironischer Überzeichnung oder Timothy Oliver, der als an sich schon skurril gezeichneter Monsieur Triquet zum Geburtstagsständchen für Tatjana einer riesigen Torte entsteigt und sich auch noch anschickt, die Hüllen fallen zu lassen, ganz süß! So fügen sich auch die von Teresa Rotemberg bis in die Albernheit choreografierten Chorszenen mit den Kostümen von Esther Geremus in das Konzept dieser Inszenierung, deren an sich schlüssiger Ansatz leider nicht durchgehalten wird.

Gesanglich können die Damen und Herren des Staatsopernchores in der Einstudierung von Jörg Hinnerk Andresen mit ihren Leistungen darüber hinweg hören lassen, auch wenn es nicht immer so ganz einfach scheint, der Zeichengebung des Dirigenten Pietrari Inkinen bei seinem Dresdner Debüt zu folgen. Unter seiner Leitung werden auch die Möglichkeiten der Sächsischen Staatskapelle noch nicht angemessen genutzt. Weniger Effekt, mehr Dynamik im Hinblick auf die Akzentuierung des Gesamtklanges und die Betonung sich wandelnder Bedeutungen wiederkehrender Hauptmotive in der Partitur könnten dem Anspruch, dass es sich hier eben um „Lyrische Szenen“ handelt, besser gerecht werden.

So bleibt diese Aufführung in der Besetzung der Premiere ein Abend für die Sängerinnen und Sänger, und diese werden auch gebührend vom Publikum gefeiert. Natürlich sind Dresdner Opernfreunde erfreut, endlich wieder die Sopranistin Camilla Nylund zu erleben, vor allem aber in dieser Partie. Mit ihrer in allen Lagen präsenten Stimme, wunderbaren klangvollen Pianopassagen und dem nötigen Maß der Dramatik dieser doch recht lyrischen Partie gibt sie der Tatjana zutiefst berührende Gestaltung. So wird die große nächtliche Szene, in der sie sich in einem Brief Onegin anvertraut, zu einem der gesanglichen und interpretatorischen Höhepunkte des Abends.

Ein Opernhaus kann sich glücklich schätzen, einen Bariton für die Partie des Onegin zu haben wie Christoph Pohl. Da ist zunächst der hochnäsige Ton, da sind die Überheblichkeit, die Ablehnung und auch die Provokation, Tatjana gegenüber und auch Lenski, auf dem Ball, was mit dem Zerwürfnis der Freunde endet und zum Duell führt. Pohl aber hat auch immer Zwischentöne leichter Gebrochenheit, er ist sich seiner Rolle nicht so sicher wie es scheint, und in der Duellszene bricht die Emotion ganz ungeschützt heraus. Zu spät. Zu spät auch, wenn er Tatjana in seinem Brief nach den Irrfahrten seines Lebens auf der Flucht vor den Erinnerungen schreibt, da findet dieser Sänger erschütternde Töne.

Mit warmer und herzlicher Tongebung singt Tichina Vaughan die Partie der lebensweisen alten Amme Filipjewna. Anke Vondung, Tatjanas Schwester, als lebensfrohe Olga, bringt sich mit sicher grundiertem Mezzosopran ein. Tomislav Mužek als Dichter Lenski gestaltet seine Partie mit sicher geführtem Tenor eher charaktervoll als lyrisch-verträumt, was sich erschließt und in der Abschiedsszene von besonderer Ausstrahlung ist. Sehr erfreulich auch die Sänger der kleineren Partien, Magnus Piontek als Saretzki, die Mitglieder des Chores, Reinhold Schreyer-Morlock und Frank Blümel als Hauptmann und Vorsänger.

Eine wahre Überraschung ist der junge Bassist Alexander Tsymbalyuk als Fürst Gremin, dem ukrainischen Sänger kommt natürlich die Beherrschung des slawischen Idioms zugute, darüber hinaus aber geht die Authentizität seiner einzigen Arie, völlig frei von oftmals hier zu erlebenden Sentimentalitäten.

Nächste Aufführungen: 2., 6. und 9.Juli; 30.August; 1. und 4.September, Semperoper

www.semperoper.de

Von Boris Gruhl

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