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"Es soll ein Dialogort werden"

"Es soll ein Dialogort werden"

Die gebürtige Wienerin Tulga Beyerle (Jg.1964) leitet seit Jahresbeginn das Kunstgewerbemuseum der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Anlässlich der am 1. Mai bevorstehenden Saisoneröffnung mit der Ausstellung "WerkStadt Vienna" im Bergpalais des Schlosses Pillnitz sprach Lisa Werner-Art mit der erfahrenen Designhistorikerin und Kuratorin.

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Tulga Beyerle an ihrer neuen Wirkungsstätte, Schloss Pillnitz.

Quelle: Dietrich Flechtner

Frage: Worin lag für Sie der Reiz, das Kunstgewerbemuseum zu übernehmen?

Tulga Beyerle: Es gab ein spontanes Interesse für die besondere Lage Dresdens, seine Nähe zu Polen und Tschechien. In diesem Raum existiert eine starke Manufakturgeschichte, die wiederum eng mit der Geschichte von Museen wie dem Kunstgewerbemuseum in Dresden verbunden ist. Dieser kultur- und produktionsgeschichtliche Hintergrund ist sehr spannend, zumal die darin begründete Lebens- und ästhetische Qualität inzwischen wieder stärker hervortritt. Dies zeigt sich etwa auch zwischen Tschechien und Österreich, was mit den alten Zusammenhängen aus der K.u.K.-Zeit zu tun hat. Österreich hat den Fall des Eisernen Vorhangs zunächst zwar endlos ignoriert, aber inzwischen profitiert gerade Wien von den neuen Möglichkeiten des Austauschs - auch in Bezug auf Design. Das Design in Tschechien ist sehr lebendig. Ich glaube, dass man da noch viel machen kann, beispielsweise die Museen als Präsentationsmöglichkeit anbieten. Und, um auf Dresden zurückzukommen, das Kunstgewerbemuseum ist - etwa von Wien oder Prag aus gesehen - eins der nächsten westlichen Museen.

Frage: Sie sehen Ihre Aufgabe darin, "das Museum ins 21. Jahrhundert zu führen". Welche Schwerpunkte gibt es da - auch in Relation zum Leipziger Grassi Museum?

Tulga Beyerle: Das Dresdner Profil muss sich vom Leipziger wie auch von dem vergleichbarer Museen, etwa in Frankfurt oder Hamburg, unterscheiden. Gleichwohl eint sie alle der Gründungszusammenhang in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts: Sie entstanden als "Vorbildersammlungen" für die Wirtschaft, um für die Zukunft die Qualität von - nun industriell gefertigten - Erzeugnissen zu gewährleisten. Heute stellt sich nun die Frage, wie stelle ich dem Publikum des 21. Jahrhunderts diese Sammlungen vor? Wie führe ich ihre Präsentation über ihre rein kunsthistorische Bedeutung hinaus? Wie erschließe ich das Wissen, das in einem Stück aus Glas, Keramik, Stoff oder anderen Materialien vereinigt ist? Es reicht nicht, ein Schild etwa mit der Aufschrift "Renaissanceschrank, geschaffen vom Meister soundso -" anzubringen. Ebenso muss man Unmassen erläuternden Text vermeiden. Es geht um intuitive Präsentationsmethoden, z.B. indem man heutige Designer mit dem Alten zusammenbringt. Wobei ich, wenn ich von Design spreche, freie Arbeiten und nicht qualitativ hochwertige serielle Produktion meine.

Für die Schärfung des Profils muss man an Vorhandenes anknüpfen. Allerdings ist vieles nur rudimentär, weshalb man hier auch nicht generell Industriedesign-Geschichte des 20. Jahrhunderts erzählen kann. Allerdings sehe ich den Hellerau-Bestand als etwas Zentrales an. Am Beispiel der Deutschen Werkstätten Hellerau kann man Industriegeschichte vom Beginn bis zum Ende (in diesem Fall in einer handwerklich hochwertigen Luxusfertigung) spezifisch abhandeln. Andere Bestände des Museums (Keramik, Glas, Möbel) ähneln denen in Leipzig. Ich möchte die aber anders zeigen - nicht chronologisch, nicht in Vitrinen und nicht in historisierenden Pseudoräumen. Mein Ziel ist das Kunstgewerbemuseum als Dialogort. Ich würde gern ein Residence-Programm auflegen, wofür allerdings noch das Geld fehlt. Aber so könnte hier, aus der Sammlung schöpfend, etwas entstehen. Das wäre wirklich neu.

Frage: Von dieser Perspektive zur aktuellen Saison. Worauf können die Besucher gespannt sein?

Tulga Beyerle: Zum Saisonauftakt greife ich auf ein älteres Projekt zurück, nach Stationen in Helsinki, Wien, Mailand und Rotterdam kommt die Wanderausstellung "WerkStadt Vienna. Design Engaging the City" ins Pillnitzer Schloss. Die erste von mir speziell für Pillnitz konzipier- te Sonderschau folgt dann mit den "Rochaden" (ab 19. Juni). Im Vorfeld wurden fünf Designgruppen eingeladen, sich mit der Sammlung auseinanderzusetzen. Jedes Team wird innerhalb der Dauerausstellung einen Raum gestalten, womit "schleichend" frischer Wind in die Präsentation kommen soll. Es ist ein Weg zu zeigen, wie ich denke und arbeite. Ziel ist eine Gesamtinszenierung. Anfang September wird dann das tschechische Team "okolo" vorgestellt. Es handelt sich um Grafikdesigner, die einen Blog betreiben, neues Design entdecken und dieses in kleinen Aus- stellungen zeigen. Derzeit stellt gerade eine polnische Kuratorin die Gruppe unter dem Motto "okolo offline" in Basel vor.

Frage: Wenn man über das Kunstgewerbemuseum spricht, muss man über die Örtlichkeiten reden ...

Tulga Beyerle: Natürlich ist Pillnitz ein wunderbarer Ort. Gleichwohl ist es für das Kunstgewerbemuseum nicht der richtige Platz. Die Räume sind "schwerst" bespielbar, Technik ist schwierig einzusetzen. Und die Saisonabhängigkeit ist eigentlich eine Katastrophe. Da man das aber nicht kurzfristig ändern kann, plane ich jeweils im Winter eine Ausstellung des Kunstgewerbemuseums im Lipsiusbau. In der Überlegung ist auch, für klei- nere Formen in der Stadt Kooperatio- nen einzugehen, die Laborcharakter haben. Ich denke, wenn wir ein spannendes Programm haben, kommen die Leute auch von außerhalb nach Pillnitz. Denn so viele Museen dieser Art gibt es nicht.

Frage: Was wünschen Sie sich perspektivisch für das Kunstgewerbemuseum?

Tulga Beyerle: Die Perspektive ist die Ansiedlung in der Innenstadt. Das wäre auch ein wunderbarer Counterpart zum Schloss. Der höfische Originalbestand an Möbeln etwa befindet sich ja perspektivisch dort. Im Idealfall hätten wir zwei Spielarten von Kunstgewerbe - die höfische und das moderne Design. Auch wenn es nicht darum geht, den Zeigefinger zu erheben: Gestaltungs- und Produktionsfragen sind Fragen der Gesellschaft, zu deren Diskussion ein Kunstgewerbemuseum anregen kann - nicht zuletzt, indem es die Kreativen der Stadt zusammenführt. Ich möchte deshalb eher auf die mit der Vorbildersammlung verknüpfte Gründungsgeschichte zurückgreifen, ohne das Frühere zu vergessen. Das ist ja ein Schatz. Bei allem geht es um die Frage: wie arbeite ich damit? Wie kann ich Neues daraus ziehen? Dem muss die Präsentation dienen.

Ausstellung "Werkstatt Vienna. Design Engaging the City" im Kunstgewerbemuseum im Schloss Pillnitz, 1. Mai bis 27. August.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 28.04.2014

Lisa Werner-Art

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