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Es gibt solches und solches Körperfett - Ina Müller im Kulturpalast

Es gibt solches und solches Körperfett - Ina Müller im Kulturpalast

War's die zunehmende Körperfülle seiner Frau Catherine, die der Schriftsteller Charles Dickens gegenüber Freunden auch erwähnte? Dass nach zehn Schwangerschaften und zwei Fehlgeburten keine weiteren Kinder geboren wurden, deutet jedenfalls auf ein Ende des Liebeslebens hin und 1857/58 trennte sich Dickens, dessen 200. Geburtstag ansteht (7. Februar), sogar von seiner Frau, ging eine Liaison (eine rein platonische natürlich) mit der jungen Schauspielerin Nelly Ternan ein.

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Blondes Nordlicht mit der flinken Zunge: Ina Müller singt wuchtig und mit vollem Einsatz des im schwarzen Hosenanzug steckenden Körpers.

Quelle: Dietrich Flechtner

Zunehmende Leibesfülle, das ist noch heute einer der häufigsten Scheidungsgründe. Das weiß auch die Sängerin, Entertainerin und Fernsehmoderatorin Ina Müller, die im (seit langem) ausverkauften Kulturpalast ein begeistert aufgenommenes Konzert gab und sich dabei auch ihre Gedanken über die Veränderungen des Körpers machte, die sich beim Älterwerden so einstellen.

Nun gibt es ja solches und solches Fett. Lagert es sich an der Brust ab, ist es gutes, wenn es dies an Hüften und Schenkeln tut, dann ist es schlechtes, unkt die Künstlerin, die für ihre Sendung "Inas Nacht", die in der Seemannskneipe "Schellfischposten" in Hamburg-Altona aufgezeichnet wird, mit etlichen wichtigen Preisen überhäuft wurde.

Mit ihrer neuen CD "Das wäre dein Lied gewesen" vermittelt Müller, wie man das Älterwerden meistern könnte. Mit Humor. Mit Chuzpe. Mit Frechheit. Das blonde Nordlicht mit der flinken Zunge macht sich zum Sprachrohr all jener, auf die das Etikett "Weiblich-ledig-kinderlos-Ü40" zutrifft. Gebeutelt vom Single-Leben, von Beziehungskrisen, irgendwo zwischen Teenie- und noch nicht Gebrechlich-Sein, zwischen Kuscheltuch und Rheumadecke changierend.

Müller, mittlerweile auch schon 46 Lenze zählend und damit in einem Alter, in dem die Männer doch glatt anfangen, ihr wieder als erstes in die Augen zu schauen, kennt die Beschwerden. Das Einparken geht schlechter, weil das Gehör nachlässt. Und um auf den Flügel zu kommen und von dort aus ein Lied zu singen, muss sie sich von einem Backstage-Mitarbeiter auf das Instrument schieben lassen. Ungalant aussehend? Ja. Peinlich? I wo, Müller spielt das mit Grandezza aus. Und ganz zum Schluss des Konzerts zeigt frau, dass sie durchaus noch in der Lage ist, auf das Klavier zu hopsen, wenn auch mit Anlauf.

Dass Müller alt wird, zeigt auch ihr die eigene Technikfeindlichkeit kultivierendes Gegreine und Gehäme übers Twittern und Simsen, über Facebook und iPad. Immerhin schimmert ab und an der selbstironische Blick, die Distanz zum Ich auf.

Müller singt, wie man das von ihr kennt: wuchtig. Mit vollem Einsatz des im schwarzen Hosenanzug steckenden Körpers. Stimmlich von rockig-rau auf seidig-anschmiegsam umzuschalten, ist überhaupt kein Problem. Hier und da wird es platt(-deutsch), soviel norddeutsches Heimatgefühl muss und darf auch am Oberlauf der Elbe sein. Müller wurde auf dem Land groß, wo es "Vorglühen" statt "Komasaufen" wie in der Stadt heißt, wo der Vater Klein-Ina als Devise mit auf den Weg gab: "Ohne Geld kein Huus."

Müller wirbelt über die Bühne, schnattert und sabbelt drauf los, schwärmt von den Jungs mit Mitte 20. Ja, die sind noch süß, haben noch weiche Haut. Jungs Mitte 20 mögen vielleicht nicht reich sein, sind aber schön anzuschauen, wenn sie Duschen gehen. Na, die emanzipierte Frau von heute weiß, was sie will. Dazu gehört natürlich Gleichberechtigung. Dann aber rudert die Musik-Kabarettistin zurück, gesteht, dass sie nervös wird, wenn sie von einer Pilotin von H(amburg) nach M(ünchen) geflogen werden soll. "Gleichberechtigung - schön und gut. Aber doch nicht jetzt und hier", gesteht die Sängerin.

Aparterweise sind die Geschlechterrollen auch auf der Bühne ganz traditionell verteilt. Die fünf Begleitmusiker? Allesamt Männer! Den Speck schütteln und die Background-Vocals liefern, das ist es im Großen und Ganzen, was die zwei Frauen neben Müller auf der Bühne zu tun haben. Aber die Bauchpinselei für die Männer im Saal währt nur kurz, dann teilt Müller wieder aus. Und zwar kräftig.

Von den Klischees übers Älterwerden war es schon immer nur ein kleiner Sprung zu den Frau-Mann-Klischees. Und auch hier zeigt Müller, dass sie in puncto Zote mit Kollegen wie Barth und Schröder mithalten kann, ja deren "Niveau" nicht zu überschreiten gedenkt. Ja, früher konnten die Frauen kochen wie ihre Mütter, heute hingegen saufen wie ihre Väter und zudem auch noch schweinigeln. Die Emanzipation hat so manche Facetten, die mann gut finden kann, aber nicht muss. Wenn Deutschlands bekannteste Quasselstrippe klagend fragt, wo die nicht ganz so klugen Männer sind, die dafür echt gut im Bett sind, sollte sie sich mal an die eigene Emanzen-Nase fassen.

Aber nun gut, als sie am Ende im weißen Bademantel mit ihren Kolleginnen "Oh Happy Day" anstimmt, tobt der Saal. Die weiblichen wie männlichen Fans waren zufrieden. Alles Müller, oder was?

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 10.01.2012

Christian Ruf

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