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Erstmals in Dresden: Der Choreograf Alexei Ratmansky vor der Premiere des Strauss-Tanzabends

Erstmals in Dresden: Der Choreograf Alexei Ratmansky vor der Premiere des Strauss-Tanzabends

"Alexei Ratmansky, der ehemalige Ballettdirektor des weltberühmten Bolschoi Balletts, macht nicht nur als Artist-in-Residence des American Ballet Theaters von sich reden, sondern ist international an allen großen Theatern begehrt und zu Hause.

Das ist nicht verwunderlich, stellen doch neoklassisch arbeitende Choreografen derzeit eher die Ausnahme als die Regel dar. Alexei Ratmanskys Stil begeistert mich auch durch die Liaison von alter russischer Schule und amerikanischem Flair der Neuzeit. Ich freue mich sehr, unserem Dresdner Publikum und auch meinen Tänzern die Möglichkeit bieten zu können, diese Kombination zu erleben." So Aaron S. Watkin, Ballettdirektor des Semperoper Ballett, auf die Frage, welche Hoffnungen er mit dem Engagement des 45-jährigen, weltweit gefragten russischen Choreografen verbinde. Dabei ist klar, dass es wohl nicht gelungen wäre, Alexei Ratmansky für eine Uraufführung zu gewinnen, ohne sicher zu sein, dass das Semperoper Ballett inzwischen zu den international geschätzten Kompanien gehört.

Ratmanskys Kalender ist gefüllt. Mit seiner Kreation "Opera" für das berühmte Ballett der Mailänder Scala errang er große Erfolge (DNN berichteten). Im März gab es eine Premiere in Berlin mit dem Staatsballett, dort kam sein 2010 für das New York City Ballet kreiertes Divertissement "NAMOUMA" zur Musik von Édouard Lalo heraus.

Weitere Stationen waren Paris und San Francisco. Jetzt wird sich Ratmansky, gerade zum zweiten Mal mit dem begehrten Prix Benois de la Danse geehrt, in der "Hommage an Richard Strauss" mit einer Choreografie zu dessen Tanzsuite für kleines Orchester nach Stücken von François Couperin in Dresden vorstellen.

Der gute Ruf der Kompanie war ihm bekannt, einige der Solistinnen und Solisten kennt er. Zur Musik von Richard Strauss im Jahr seines 150. Geburtstages in Dresden mit der Sächsischen Staatskapelle dazu ein Werk zu kreieren, das ist auch für Alexei Ratmansky eine besondere Herausforderung.

In einer Probenpause nimmt er sich Zeit für ein so freundliches wie anregendes Gespräch.

Er ist beeindruckt, "da kommt so gute Energie von der Bühne, man merkt dass hier viele wichtige Choreografen gearbeitet haben". Für ihn hat diese Kompanie eine unverwechselbare Ausstrahlung, ein eigenes Gesicht, und dabei die Facetten der jeweils eigenen Gesichter und individueller Ausstrahlung aller Tänzerinnen und Tänzer. Die Proben sind beflügelt von unwahrscheinlicher Motivation, schneller Auffassungsgabe und der Lust, sich eigenständig einzubringen. Die Arbeit ist spannend, dabei entspannt und nicht ohne kreative Heiterkeit. Das steht der Ernsthaftigkeit ganz und gar nicht im Wege.

Weil wir darüber sprechen, wie in Dresden die klassischen Disziplinen und die zeitgenössischen Stile zusammenkommen, bietet es sich an zu fragen, ob denn das klassische Ballett und die neoklassischen Traditionen noch Platz haben im gegenwärtigen Tanz. Es gehe ihm darum, Neues zu schaffen, ohne das Alte abzuschaffen, sagt der Choreograf. Und er kann auf Erfahrungen und Erfolge mit diesem Anspruch verweisen. Für ihn ist das klassische Potenzial nicht ausgeschöpft und als Revolutionär, der radikal vorgeht und originell um jeden Preis sein will, versteht er sich nicht. Man müsse sich gut auskennen als Choreograf in den Traditionen, man müsse offen sein für neue Einflüsse und Erfahrungen und dann seinen eigenen Weg finden, der sollte schon unverwechselbar sein. Es komme darauf an, ehrlich zu sein, also immer neu zu lernen, kein Ausruhen auf Erfolgen.

Als Direktor des Bolschoi Balletts gab es den Druck, immer Meisterstücke zu präsentieren, in New York erfährt Ratmansky die große Freiheit, die wiederum hat ganz und gar nichts mit Beliebigkeit zu tun. Noch immer ist im Big Apple der Geist des großen Choreografen und Erneuerers des Balletts George Balanchine höchst lebendig, und der kam ja auch mit den Grundlagen, die er in St. Petersburg erworben hatte.

Sieht man sich die Geschichte an, dann gingen die Einflüsse immer hin und her, zwischen West und Ost. Es waren Einflüsse und Künstler aus Frankreich und Italien, die das Ballett nach Russland brachten, dort wurden sie großzügig gefördert, erst die Zaren, dann die Machthaber der Sowjetunion erkannten schnell, dass man mit dieser Kunst "Staat" machen könne. Dann kam wiederum mit den berühmten Ballet Russes der entscheidende Einfluss für die Erneuerung des Tanzes aus dem Osten in den Westen.

In einer solchen Tradition des Nehmens und Gebens sieht sich Alexei Ratmansky auch. In den zehn Jahren seiner Ausbildung in Russland bekam er grandiose Grundlagen als Tänzer vermittelt. Er weiß, dass er beste Lehrer hatte, und er weiß, dass er mehr wollte als "nur" zu tanzen, das war ihm bald bewusst, aber eine choreografische Ausbildung gab es nicht. Also, im Aufwind der Perestroika, erst einmal raus, anderswo Erfahrungen sammeln. Bis man auf den jungen Tänzer und dessen choreografische Versuche aufmerksam wird, "Mach mal was", hätte man zu ihm gesagt, und so entstehen die ersten Choreografien.

Die Musik seines Landsmannes Dmitri Schostakowitsch hat es ihm besonders angetan. Das ist Musik zum Tanzen, aber sie wurde nicht choreografiert in der Sowjetunion, erst sehr spät kamen so grandiose Werke wie "Der Bolzen", "Das goldene Zeitalter" oder "Der helle Strom" auf die Bühnen in Russland. Mit letzterem machte der bis dahin noch als Geheimtipp gehandelte Ratmansky 2003 Furore mit dem Moskauer Bolschoi Ballett und wurde zu dessen Direktor ernannt. Ein Jahr später kommt dort seine sagenhafte Choreografie "Anna Karenina" heraus, im Jahr darauf wird er dafür mit dem Prix Benoise de la Danse, einer der höchsten Auszeichnungen der Tanzwelt, geehrt.

Nach fünf Jahren verlässt er Moskau, die Welt steht ihm offen, und er hinterlässt rund um den Erdball seine choreografischen Spuren. In New York wird er Artist in Residence beim American Ballet Theater und kreiert Meisterwerke wie "Russian Seasons" oder "Concerto DSCH" (zum zweiten Klavierkonzert von Schostakowitsch) für das New York City Ballet.

Und jetzt in Dresden? "Eigentlich war es ja schon immer mein Wunsch, zur Musik von Richard Strauss zu choreografieren", sagt Alexey Ratmansky zum Abschied. Jetzt wird der Wunsch erfüllt, nicht irgendwo, sondern hier, wo für den Komponisten der unaufhaltsame Aufstieg begann. Und hier ist es wahrlich an der Zeit, dass zu seiner Musik mal wieder getanzt wird.

Premiere "Legenden - Hommage an Richard Strauss" am Sonnabend 18 Uhr

www.semperoper.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 25.06.2014

Boris Gruhl

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