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Erotisches Verhängnis - Peter Lohmeyer eröffnet opulent das erste Dresdner Poesie und Literaturfestival

Erotisches Verhängnis - Peter Lohmeyer eröffnet opulent das erste Dresdner Poesie und Literaturfestival

Von warmem Gelb wechselt der Hintergrund in kühles Blau, dann wieder flammt er blutrot auf. Über die Bühne wirbelt eine Frau in schwarz-rotem Kleid, lässt ihre Absatzschuhe in wildem Takt klackern, ihre Hüfte kreist, die Arme vollführen geschmeidig-fließende Bewegungen zur Musik von Gitarre, treibendem Rhythmus der Cajón, der spanischen Kistentrommel, und leidenschaftlichem Gesang.

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Ausgestattet mit Rotwein entführte Peter Lohmeyer in die Welt von Prosper Mérimées Novelle "Carmen".

Quelle: Andreas Weihs

Links am Tisch mit unbewegter Miene der Schauspieler Peter Lohmeyer. Er hat, von sparsamen schauspielerischen Gesten abgesehen, nur seine Stimme, aber mit der behauptet er sich mühelos als Mittelpunkt des Abends. So groß angelegt, so sinnlich-opulent hat man Prosper Mérimées Novelle "Carmen" in Dresden noch nie in einer Lesung erlebt. Mit seinem ersten Abend im Erlwein-Capitol hat das neue Poesie- und Literaturfestival eine neue Dimension künstlerisch anspruchsvoller Textpräsentation vorgeführt.

Was Lohmeyer an stimmlicher Leistung bietet, wiegt alles auf. Wie er uns auf diesem langen Erzählweg durch detailreiche Beschreibungen mitnimmt, auf dem wir erst Don José, später Carmen begegnen. Im gelassenen Schlenderschritt durch die langen Sätze Mérimées zunächst. Was wie ein Spaziergang beginnt, wächst sich zu einer langen Wanderung aus, rasch zieht das Lesetempo an, schließlich wird es hochdramatisch. Selbst in den wildesten Szenen aber setzt Lohmeyer die Dramatik nicht von außen drauf, sondern lässt frei, was im Text steckt. In souveräner Gelassenheit verzichtet er auf vordergründige Theatralik. Es tobt schon genug in diesen Sätzen. So hätte auch das Messer am Schluss in der Meuchelszene nicht sein müssen.

Lohmeyers Stimme kann scharf sein, dann wieder das rauchige Timbre des Ganoven annehmen. Wir hören, wie Don José grübelt, mit sich ringt, hin- und hergerissen ist zwischen Pflichtgefühl und einer anfangs mit Angst grundierten Faszination, wie Liebe von ihm Besitz ergreift und ihn immer wieder Eifersucht peinigt. In Carmens Worten macht Lohmeyer fein differenzierend erlebbar, wie sich Spielerisches mit Bedrohlichem mischt, wie sie einen im Unsicheren lässt: Meint sie es ehrlich, lügt sie? Locken lässt er sie und höhnen. Mérimée hat sie ja überreichlich mit Attributen des Bösen und Höllischen ausgestattet - Wolfsaugen, Hexe, Teufelin. Lohmeyer aber sorgt dafür, dass wir nicht Pferdefuß, sondern hinreißendes Frauenbein assoziieren. Sanftheit schlägt in Zorn um. Sieh an, denkt man, so erotisch kann das Verhängnis daherkommen.

Die aus dem mittelfränkischen Bernlohe stammenden Flamencotänzerin Carina la Debla bewegt sich auf der Bühne nicht als bloße Illustration. Ihr Tanz setzt den Text in gestischen Kommentaren und Variationen fort. Eben weil nicht reiner Flamenco, ist er weit entfernt davon, exotische Zutat zu sein. Diese ausdrucksreichen Bewegungen reichen bisweilen bis in die Pantomime. Eigenständig wirken sie, selbstbewusst, stark. Für emotionale Energiezufuhr sorgen der hervorragende Gitarrist Eduardo Trassierra, den Andrej Vujicic auf dem erwähnten Cajón vorantreibt. Besonders aber der Gesang von Quisco de Alcalá, der einem wechselweise Gänsehaut und feuchte Augenwinkel beschert. Dieser Sänger, so beweist er uns in der Zugabe, hätte das Mikrofon nicht gebraucht, um den ganzen Saal zu füllen. Die nach Veranstalterangaben 480 Zuschauer auf den 700 Plätzen dankten mit begeistertem Beifall.

iNächste Veranstaltungen: heute 20 Uhr, Festungsmauern: Robert Stadlober, (Hölderlin: "Hyperion"); Sa, 18 Uhr, Swissotel: Andreas Schmidt-Schaller (Raymond Chandler: "Der große Schlaf") und 21 Uhr, Alter Schlachthof: Sebastian Koch (Arthur Schnitzler: "Traumnovelle"); So, 19 Uhr, Erlwein-Capitol: Suzanne von Borsody (Frida Kahlo) sowie 11 Uhr, Ostra-Park: Rufus Beck (ausverkauft). www.dresdner-poesie-und-literaturfestival.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 06.09.2013

Tomas Gärtner

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