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Regional „Erniedrigte und Beleidigte“: Sebastian Hartmann inszeniert erstmals in Dresden
Nachrichten Kultur Regional „Erniedrigte und Beleidigte“: Sebastian Hartmann inszeniert erstmals in Dresden
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10:01 29.03.2018
Hartmanns Dresden-Premiere mit Dostojewski: Szenenbild aus „Erniedrigte und Beleidigte“ mit Torsten Ranft, Luisa Aschenbrenner und Lukas Rüppel (v.l.). Quelle: Sebastian Hoppe
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Dresden

Nach „Der Idiot“ vor zwei Jahren erlebt nun mit „Erniedrigte und Beleidigte“ die nächste arteigene Version nach einem Roman von Fjodor M. Dostojewski am Schauspielhaus ihre Premiere. Nach Matthias inszeniert nun auch Sebastian Hartmann erstmalig in Dresden – beide gelten als markante Charaktere des deutschen Theaterbetriebs, der eine kam mit Tolstois „Krieg und Frieden” zum Gastspiel der Wiener Burg hierher, der andere fuhr mit seiner Leipziger Inszenierung vor fünf Jahren nach Berlin zum Theatertreffen. Nur kennt der Wolfgang-Engel-Nachfolger Sebastian den Ex-Wiener Burg-Direktor Matthias gar nicht weiter und verließ Leipzig nach fünf intensiven Jahren freiwillig. Über sein Dresden-Debüt und seine Arbeitsweise unterhielt sich Andreas Herrmann mit dem Leipziger des Jahrganges 1968, der dort auch zu Wendezeiten studierte.

Frage: Herr Hartmann, Sie als Leipziger geben jetzt erst – mit fast 50 und nach über 20 Jahren Regiearbeit – Ihr Dresden-Debüt. Warum hat es so lange gedauert?

Sebastian Hartmann: Ich war oft in Dresden, meist aus privaten Gründen und am Theater. Es gab auch Gespräche – und eine sehr liebevolle Einladung von Wilfried Schulz – aber es hat nie wirklich gepasst. Als ich in Leipzig war, hätte es ja auch gar keinen Sinn gehabt, in Dresden zu inszenieren. Und kurz danach wollte ich nicht. Jetzt passt es.

Aber auch sonst haben Sie in Sachsen, außer in Leipzig, noch nichts inszeniert?

Meines Erachtens nicht.

Man findet dazu nichts. Wie kam es jetzt zustande?

Es gab eine sehr herzliche Einladung vom Haus – Kernbeschäftigung mit russischer Literatur. Da war der Schritt zu Dostojewski nicht weit und wir haben uns recht schnell auf „Erniedrigte und Beleidigte“ eingeschossen. Ich habe lange Zeit einen Bogen um ihn gemacht, aber mich in den letzten Jahren sehr intensiv mit ihm beschäftigt.

Warum?

Weil er ein sehr interessanter Literat ist. Man trifft selten auf Menschen in der Literatur, die das Vermögen besitzen, ihre innere Welt in Worte zu fassen. Also nicht wie bei der Musik über Klang oder in der Kunst über Bilder, sondern direkt über Begriffe. Es kommt – über die Beschreibung von Ort und Zeit hinaus – das Innenleben so an Dich heran, dass Du es fast ergreifen kannst. Das ist bei anderen Autoren eher abstrakt und intellektuell.

Konkret zum aktuellen Werk: Wie sind Sie herangegangen?

Es war erstaunlich, weil ich mich erst einmal mit der Entstehungszeit befasst habe. Dostojewski hat das Werk geschrieben, als er aus Sibirien zurück kam, ihm eine Epilepsie attestiert wurde und er mit seinem Bruder darüber nachgedacht hat, wie es nun weitergeht. Sie haben dann eine Literaturzeitschrift gegründet – die „Wremia“, auf Deutsch die „Zeit“ – und brauchten dafür recht rasch reichlich Stoff. Damals war es üblich, Fortsetzungsromane zu veröffentlichen. Und dafür entstand es. Und obwohl er es später anders behauptete, hat er beim Schreiben der ersten Zeilen vermutlich nicht gewusst, wie es zu Ende geht.

Hat das Konsequenzen?

Es fehlt offenbar die Grundskizze und die abschließende grundlegende Überarbeitung, wie bei anderen seiner Werke. Und auch der Stil schwankt, teilweise von Kapitel zu Kapitel. Das Unfertige hat mich fasziniert. Und da bin ich auf eine Idee gekommen, warum auch immer, das können Sie nicht hinterfragen, dass die Schauspieler während der Aufführung ein Bild malen. Sie stehen also vor einer 5 mal 7 Meter großen Leinwand und malen gemeinsam. Und am Ende der Inszenierung wird das Bild fertig sein.

Das Bild ist dann jedes Mal ein neues?

Ja, natürlich. Aber der Inhalt des Bildes ist natürlich in einer gewissen Art und Weise fixiert. Das hat unser begleitender Künstler Tilo Baumgärtel inhaltlich entwickelt, die Schauspieler haben am Beginn der Proben gelernt, wie man die Leinwand in Etappen gestaltet.

Und wie kommen diese stilistischen Ausprägungen auf die Bühne?

Unsere Arbeitsweise – von Ihren Kollegen auch „Leipziger Handschrift“ genannt, was man übernehmen kann, aber nicht muss – bedeutet, dass die Schauspieler, so frei sie das Bild malen auch so spielen können. Wir haben Inhalte erarbeitet, es gibt bestimmte Rollen und Zuordnungen, die die Schauspieler auch einhalten. Mehr nicht. Es also eine gewisse Ausgangskonstellation – und ab dem Punkt ist der Abend relativ offen. Die Geschichte spielt sich eher in Fragmenten ab.

Was unterscheidet denn Ihre Leipziger Handschrift vom Improtheater?

Ehrlich gesagt: Ich war noch nie im Improtheater. Wir als Theaterleute haben oft auf den Proben bei der intensiven Beschäftigung mit den Szenen besondere Momente, die das Publikum eigentlich nie zu sehen oder zu spüren bekommt, weil sie nicht dabei sind. In der späteren Vorstellung sehen sie die hohe Form der Reproduktion. In dieser Form des Theaters, bei „Erniedrigte und Beleidigte“ bekommt der Zuschauer die Chance, dem Schauspieler beim Spielen so zuzuschauen wie dem Maler beim Malen oder dem Musiker beim Komponieren. Oder im Augenblick einer Geburt – es ist real, was stattfindet. Der Zuschauer hat über diese Form die Möglichkeit, in einen ungeprobten Moment gemeinsam mit den Schauspielern hinein zu geraten – und das kann schon sehr betörend sein.

Kennen Sie Ihren Wikipedia-Eintrag?

Google Dich nie selbst!

Eine Grundregel?

Ja. Sollte man nicht machen.

Soll ich daraus zitieren?

Bitte nicht!

Zumindest steht drin, dass Sie versuchen, die Grenze zum Zuschauerraum, also die berühmte vierte Wand, zu überwinden. Auch in Dresden?

Naja, ich weiß nicht, was das bedeuten soll, denn wir machen ja Theater für den Zuschauer. Aber um auf Ihre Frage zurückzukommen: Improvisieren heißt für mich, wenn man früh den Autorückspiegel abgetreten daneben findet und ihn dann so irgendwie ans Auto klebt, dass man damit zur Werkstatt fahren kann. Doch wir spielen hier mit erwachsenen Menschen mit einer langen Ausbildung und teilweise großen Berufserfahrung – das ist schon etwas ganz anderes. Nämlich eine ernsthafte Beschäftigung mit Körper und Seele im stetigen sozialen Austausch. Man kann einem Ensemble beim Spielen und Kreieren zuschauen, aber nicht beim Improvisieren.

Zurück zu Ihrer Zeit als Intendant am Leipziger Schauspiel: Sie haben bereits 2011 entschieden, dass Sie 2013 keinesfalls verlängern. War das aus heutiger Sicht immer noch der richtige Entschluss oder bereuen Sie es?

Nein, bereuen nicht. Ich vermisse bestimmte Menschen und bestimmte Arbeitskonstellationen. Leipzig ist ein sehr schönes, außergewöhnliches Theater, auch in seiner Größe und Form – in einer sehr schönen Stadt. Es ist eine schwierige Frage, aber ich bin kein Mensch, der in der Vergangenheit lebt. Meilensteine in meinem Leben sind da andere: das Verlieben in meine Frau, die Geburt der Kinder, die Hochzeit. Aber ich schau‘ gern zurück – es war eine unglaublich schöne und inspirierende Zeit.

Wäre das für Sie ein Ansatz, noch einmal solch‘ ein Haus zu führen?

Gerne, klar! In Deutschland ist es nur leider zu institutionalisiert – man ist und bleibt an einem Punkt, und wartet, bis es irgendwie weitergeht. Aber das ist nicht meine Mentalität.

Sie plädieren für mehr Konstanz am Theater?

Ich finde schon das skandinavische Modell charmant, wo ein Intendant sieben Jahre Zeit bekommt. Das entspricht wohl auch eher unseren Lebensrhythmen. Die Folge bei uns ist: Heute planen Theater ihre Gäste zwei bis teilweise fünf Jahre voraus – ich habe Kollegen, die haben schon Verträge für 2025. Die Kehrseite ist eine mangelnde Theatersprache und weniger Profil an den Häusern, auch die Ausbildungsarbeit mit dem Ensemble kommt zu kurz.

Wohin müssen Sie noch – also welchen Stoff an welchem Haus inszenieren?

Das ist aber eine schöne Frage! Doch ich weiß es wirklich nicht. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Projektionen gar nicht gut sind. Es ist immer gut, im Hier und Jetzt zu sein. Was ich sagen kann, ist, dass ich mich in Dresden gerade sehr wohl fühle und wir schon vereinbart haben, dass ich nächstes Jahr wiederkomme. Ich hatte ja ein bisschen Respekt vorher, weil das mediale Bild ja momentan kein besonders schönes ist – da wird dem Dresdner überregional ja etwas unterstellt, was ich in der Stadt bislang nicht wieder gefunden habe.

Wie meinen Sie das?

Ich erlebe Dresden als ganz entspannte und weltoffene Stadt. Pöbeleien gibt es überall in Deutschland, aber der Osten und speziell Dresden wird schon ganz schön in Misskredit gebracht. Es geht ja um das Bild von der Bevölkerung – und da habe ich in den Gesprächen einen völlig anderen Eindruck gewonnen, als er vermittelt wird.

Fühlen Sie sich als Ostdeutscher?

Es ploppt manchmal plötzlich auf. Es ist doch ganz klar, woher man kommt: Ich habe über zwanzig Jahre in einem anderen Staat gelebt, mit anderen Regeln, anderen Bedingungen, anderen Gesetzen. Und mit völlig anderer Weltanschauung als in dem Staat, in dem ich jetzt lebe. Und das ist ja per se nicht frei gewählt von mir, sondern historisch entstanden. Man ist quasi zum zweiten Mal in etwas hineingeboren – und man bittet ja seine Mutter nicht, auf die Welt gebracht zu werden. Ich war 1989 als Student in Leipzig aktiv daran beteiligt, daraufhin zu wirken, dass sich in dem Land etwas ändert – und zwar mit starkem Interesse an einem dritten Weg. Die Befürchtungen gegenüber dem kapitalistischen System haben sich für mich nach der Wende leider auch hergestellt.

Wie schnell ging das aus Ihrer Sicht?

Sehr schnell – anderthalb bis zwei Jahre. Die ersten Auswüchse gab es noch viel eher, als auf den Wiesen plötzlich Einkaufszentren aufgefaltet und abgelaufene Joghurts verkauft wurden. Das hat mich schon erstaunt, wie schnell die Fänge ausgebreitet waren. Ich hatte eher mit einer gewissen Intellektualität und einer sozialen Marktwirtschaft gerechnet. Aber andererseits bin ich natürlich froh darüber, dass es diesen Unrechtsstaat nicht mehr gibt – weil es einer war. Aber deshalb müssen wir heute wach bleiben, denn was man damals Stasi genannt hat, könnte man heute Facebook, Google oder NSA nennen.

Haben Sie noch Hoffnung?

Im Moment fällt mir dies schwer. Aber die Wohlfühlmitte, dieses bürgerliche Verständnis des Kapitalismus als soziale Funktion, bröckelt so sehr an den Rändern, dass die Widersprüche antagonistischer werden, so dass es in absehbarer Zeit vielleicht ein Stück weit auch wieder nach Klassenkampf riecht. Hoffnung ist meist ein einsamer Posten, ich bin allerdings davon überzeugt, dass gerade der Mundgeruch aus Amerika, mit dem das Großkapital von der Politik vor allem in Sachen Steuer gedeckt wird, nicht lange anhalten kann. Ich bin ungern Fatalist, aber diese Irrsinnssummen, die eine kleine Klientel der Superreichen in der Hand hält, widerspricht sicher dem Gerechtigkeitsinstinkt der breiten Masse. Da wird sich etwas ändern müssen, aber ich hoffe nicht, dass es in Radikalismus umschlägt.

für die heutige Premiere (19.39) evtl. Restkarten an der Abendkasse, weitere Vorstellungen: 2., 8., 21., 29. April & 5. Mai

Von Andreas Herrmann

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