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09:41 28.02.2018
Das Gerhart-Hauptmann-Theater Görlitz-Zittau. Quelle: dpa-Zentralbild
Görlitz/Zittau.

„Drohende Insolvenz“ klingt erst einmal dramatisch, aber mit Blick auf das Gerhart-Hauptmann-Theater Görlitz-Zittau schon auf makabre Weise vertraut. Insbesondere Zittau balanciert seit der Wende ständig am Abgrund, überlebte in den frühen Neunzigern zeitweise nur als das erste ABM-Theater Deutschlands. Zuletzt ging es 2012 wieder einmal um alles, nun läuft zum Ende der Spielzeit im Juli der damals geschlossene Haustarif aus. Aus diesem seit 20 Jahren anhaltenden Zustand möchten die Mitarbeiter eigentlich einmal herauskommen. Derzeit verzichten sie durchschnittlich auf 15 Prozent des ihnen nach dem Flächentarif im Öffentlichen Dienst zustehenden Einkommens. Insbesondere das Orchester, die Lausitzer Philharmonie, macht Druck, obschon die Musiker unter den verschiedenen am Theater geltenden Tarifformen noch relativ am besten dastehen. Doch eine Rückkehr zum Tarif erscheint illusorisch, will man nicht das gesamte Haus gefährden.

Bis Ostern will der kaufmännische Geschäftsführer Caspar Sawade zu einem Tarifabschluss kommen. Aber die Differenz von 1,6 Millionen Euro zum Flächentarif kann niemand ausgleichen. „Dann würden die Personalkosten unseren kompletten Etat von 13,8 Millionen auffressen“, rechnet Sawade vor. Und er rechnet zurück, wie sich die Zuschüsse aus dem Kulturraum Oberlausitz-Niederschlesien seit 2002 entwickelt haben. Statt eines Aufwuchses kommt nämlich heute rund eine Million Euro weniger an Förderung. Die erneute Theaterfusion von Görlitz und Zittau 2010 und die Mitfinanzierung der Landesbühnen Sachsen aus den Freistaatszuschüssen an die Kulturräume haben sich negativ ausgewirkt. Die Erhöhung der Freistaatszuschüsse kommt hier nicht an. Ganz zu schweigen von Vergleichen mit den beiden direkt vom Freistaat finanzierten Dresdner Staatstheatern, die in diesen 15 Jahren dank eines Mittelaufwuchses von 50 Prozent alle Tarifsteigerungen mitgemacht haben.

Das GHT Görlitz-Zittau konnte sich nur dank des Engagements der kommunalen Gesellschafter und dank einer Verdopplung der Eigeneinnahmen stabilisieren. Neben Stadt und Landkreis Görlitz ist seit dem Vorjahr auch die Stadt Zittau Gesellschafter, wenn auch nur mit 250 000 Euro zusätzlich zum bisherigen Sitzgemeindeanteil von einer Million. „Aber die Haustarif-Differenz von 1,6 Millionen Euro können die Gesellschafter nicht stemmen“, stellt der junge und ausgesprochen kunstfreundliche Zittauer Oberbürgermeister Thomas Zenker fest. Was tun? „Ich kann den Wunsch der Mitarbeiter und ihrer Gewerkschaften bestens verstehen, den Lohnabstand zur Fläche zumindest deutlich zu verkürzen“, bekundet Geschäftsführer Sawade. Nicht nur am GHT, auch an anderen Kulturraumtheatern und Kulturinstitutionen kann ohnehin niemand nachvollziehen, warum man von Kunstschaffenden selbstverständlich eine ansonsten unübliche Lohnverzichtsleistung erwartet.

Der Verein der Zittauer Theaterfreunde hat einen mahnenden Brief an Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) und die Landtagsabgeordneten geschrieben. Sie bitten in freundlichstem Tonfall um bessere Finanzausstattung der Kommunen und eine Ausfinanzierung des Theaters. Den schlimmsten befürchteten Fall schildern Jan Lange und Jens Hentschel-Thoericht im kleinen Büro des Vereins gleich neben der Zittauer Bühne. Ein Theater, wahrscheinlich das in Zittau, könnte ganz geschlossen werden. Das aber verbietet der Haustarif, erinnert Sawade. Gegenleistung des Einkommensverzichts der Mitarbeiter war der Verzicht auf weiteren Personalabbau und Spartenschließungen. Um dies verhandeln zu können, müsste man also zunächst zum Flächentarif zurückkehren. „Es gibt keine Einsparmöglichkeit“, resümiert der Geschäftsführer. Weiterer Abbau würde ohnehin den Gesamtbetrieb gefährden. „Eine Erhöhung der Förderung durch den Kulturraum ist auch nicht denkbar“, erklärt seinerseits Kulturraumsekretär Joachim Mühle und verweist auf die Vielzahl konkurrierender anderer Förderaufgaben.

Es bleibt also alles ganz anders? Hinter vorgehaltener Hand wird mit einem fortgesetzten, vielleicht ein wenig gemilderten Haustarifvertrag gerechnet. Generalintendant Klaus Arauner deutete es jüngst in einem Interview der Sächsischen Zeitung ebenfalls an. Die halbe Million Vergleichskosten, die nach einem Rechtsstreit mit Zittauer Architekten unglücklicherweise zusätzlich auf das GHT zukommen, werden nach seinen Angaben vom Landkreis übernommen.

Das Theaterproblem haben freilich nicht nur Görlitz und Zittau. Die Kulturraumfinanzierung und die Verteilung des Geldes insgesamt werden diskutiert. Selbst wenn der Freistaat seine Zuschüsse nochmals deutlich erhöhen würde – bis zu 15 Millionen Euro würde eine flächendeckende Rückkehr zum Flächentarif etwa kosten –, ist doch keineswegs gewiss, dass dieses Geld bei den Theatern ankommt. Denn das Land darf nach der Systematik des Kulturraumgesetzes nicht zweckgebunden zuweisen, die Kulturraumkonvente entscheiden über die Verwendung autonom. Grundfragen, auf die die voraussichtlich im März-Plenum des Landtages zu beschließende kleine Novelle des Kulturraumgesetzes keine Antwort gibt. Das Wissenschafts- und Kunstministerium hat aber mit der jüngst im Kabinett des neuen Ministerpräsidenten verabschiedeten Agenda den Auftrag bekommen, ein Konzept zur Finanzierung der Kulturraumtheater und -orchester zu erarbeiten. Auf das Ergebnis darf man wirklich gespannt sein.

www.g-h-t.de

Von Michael Bartsch

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