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Entschiedener Impulsgeber - Der in Dresden geborene Dirigent Christian Kluttig wird 70

Entschiedener Impulsgeber - Der in Dresden geborene Dirigent Christian Kluttig wird 70

Wenn Christian Kluttig eine Alumni-Musizierstunde moderiert, steht ein Mann vor dem Publikum, dessen Biografie eine besondere Würdigung verdient. Der in Dresden geborene Kantorensohn und Kreuzschüler studiert in seiner Heimatstadt bei Rudolf Neuhaus das Handwerk des deutschen Kapellmeisters.

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Christian Kluttig

Quelle: privat

Parallel pflegt er bei Ingeborg Finke das Klavierspiel auf so hohem Niveau, dass er nach dem Studium an der Sächsischen Staatsoper eine Korrepetitorenstelle mit Dirigierverpflichtung erhält. Bald steht Kluttig vor der Dresdner Staatskapelle. Wenn Gastdirigenten wie Rudolf Kempe und Igor Markevitch mit dem Orchester arbeiten, sitzt er im Parkett und dokumentiert in seiner Partitur kleinste Details jener unvergesslichen Interpretationen. Auf diese Weise ausgerüstet mit dirigentischem Können und interpretatorischem Willen, wird Kluttig 1970 erster Kapellmeister und ab 1975 musikalischer Oberleiter der Oper Karl-Marx-Stadt. Neben der Opernarbeit widmet er sich in Sinfoniekonzerten u.a. den Komponisten Schostakowitsch und Mahler.

1979 folgt der Dirigent einem Ruf zum Generalmusikdirektor des Händel-Festspielorchesters in Halle. Kluttig, inzwischen Vater von drei Söhnen, trifft auf ein immenses Arbeitspensum und verkrustete Strukturen. Die Händelinterpretationen werden von einer SED-hörigen Händelgesellschaft bestimmt und sollen zugleich "Export-Artikel" für internationale Anerkennung sein. In diesem Spannungsfeld baut Christian Kluttig das Ensemble um, in dem er u.a. Annette Markert, Hendrikje Wangemann, Thomas Möwes und Axel Köhler engagiert und regelmäßig mit den Regisseuren Konwitschny und Baumann zusammenarbeitet. Er besteht auf der Beibehaltung der Händelschen Dramaturgie und lässt am Originaltext orientierte Neuübersetzungen herstellen. Sänger und Instrumentalisten überzeugt er von neuen aufführungspraktischen Erkenntnissen.

Kommt der "Chef" auf szenische Proben (und er kommt oft!), ist jene Spannung zu spüren, die Autoritäten häufig verbreiten. Kompromisslos folgt er seinem Konzept. Mit Entschiedenheit überzeugt er den Rat des Bezirkes davon, dass Leistungsträger Erfahrungen jenseits der DDR-Kultur machen müssen, setzt er noch vor dem Fall der Mauer Reisen für einen Teil des Ensembles zur "Festwoche der Alten Musik" in Innsbruck durch. Kluttig prägt den sogenannten "Neuen Händelstil Halle". Operngastspiele nach Bad Kissingen, Linz, Budapest und in anderen europäischen Städten sowie Rundfunkproduktionen festigen den guten Ruf seiner Arbeit. Dank Kluttigs legendärer Gastfreundschaft treffen sich neben Musikern auch bildende Künstler, Schriftsteller und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens in seiner Wohnung. Mit dem Händelpreis 1985 ehrt die Stadt ihren GMD.

Als Christian Kluttig 1990 dem Ruf an die Rheinische Philharmonie folgt, geht in Halle eine Ära zu Ende. Der Sachse bringt am Rhein seine langjährigen Erfahrungen in die komplexe Arbeit als Orchester- und Opernchef ein und prägt die Qualität dieses Orchesters. Neben vielen Opern dirigiert er außerdem das gesamte klassische Konzertrepertoire bis hin zur 8. Sinfonie von Mahler. Er knüpft Ost-West-Kontakte, die neben dem gemeinsamen Musizieren wichtige Impulse für gegenseitiges Verstehen geben. Gastspiele führen den Dirigenten an namhafte deutsche Orchester und in fast alle europäischen Länder sowie in die USA.

Chefposten von Dirigenten sind oft Positionen auf Zeit. Der Wechsel verhindert Gewöhnung, die nicht selten mit Stagnation verbunden ist, sei der Erfolg auch noch so nachhaltig. So zieht es Christian Kluttig, den Wanderer, der übrigens die Berge ebenso wie sein musikalisches Ideal Gustav Mahler liebt, 1998 zurück nach Sachsen. Seine ehemalige Ausbildungsstätte beruft ihn zum Professor für Dirigieren. Viele seiner Absolventen bekleiden heute Chefposten bzw. behaupten sich auf dem freien Markt.

Die Hochschulausbildung ist aus strukturellen Gründen per se mit Reibungen verbunden. Kluttig muss diese Erfahrungen machen. Er will mit seiner Energie Wissen und Praxisorientierung vermitteln und mischt sich ein, wo seiner Meinung nach Veränderungsbedarf besteht. Nicht alle verstehen das, und er wechselt enttäuscht zur Leipziger Hochschule. Wegen einer irreversiblen Gehörerkrankung muss Kluttig kurz vor dem Pensionsalter den Taktstock weglegen und kehrt in seine Heimatstadt zurück. Hier unterrichtet er im Lehrauftrag weiter und kämpft mit starkem Willen gegen die medizinische Behinderung. Mittels feinster Technik geschieht das kaum fassbare Wunder, dass er heute wieder hört. Wo er nur kann, begleitet er am Klavier, z.B. in der eingangs erwähnten Musizierstunde oder in der Galerie Westend, Musiker seiner Generation und Studierende. So, wie er von seinem Vater einst entscheidende Impulse für ein Musikerleben erhielt, hat er vor Jahren bereits sinnbildlich den Taktstock an seinen ebenfalls in Dresden ausgebildeten Sohn Roland übergeben. Er führt die Dirigententradition mit internationaler Reputation weiter. Heute gilt jedoch dem Vater anlässlich seines 70. Geburtstags unser Respekt vor einer außerordentlichen Künstlerkarriere.

*Prof. Andreas Baumann ist Prorektor für künstlerische Arbeit an der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 17.08.2013

Andreas Baumann

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Von Redakteur Anke Baumann

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