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Regional Enthusiasmus und Visionen statt Sponsorengunst beim 30. Dresdner Filmfest
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18:51 20.03.2018
Sonderpreis zur Jubiläumsausgabe: Beim 30. Filmfest Dresden gibt es den Goldenen Reiter zu gewinnen. Quelle: Filmfest Dresden
Dresden

Wenn vom 17. bis 22. April wieder die roten Teppiche vor den Programmkinos und einigen weiteren Kultureinrichtungen der Stadt ausgerollt werden, Dresden nationales und internationales (Kurz-)Filmflair atmet, dürfen sich Filmenthusiasten und Fachbesucher auf ein gewohnt breites Angebot aus dem bunten Weltpotpourri des kurzen Films freuen.

Nach Sichtung von 2300 Filmen aus 97 Ländern mit 31 400 Filmminuten haben es insgesamt 69 Kurzfilme aus 29 Ländern in die Sektionen des Nationalen und Internationalen Wettbewerbs geschafft und somit ins Rennen um die zehn Goldenen Reiter und vier Sonderpreise. So viel zur Statistik.

Unter den Auserwählten sind mehr als die Hälfte Animationsstreifen – ein klares Bekenntnis zur Festivalkonturschärfung in Richtung Animation, wie es die neue, nunmehr alleinige Festivalleiterin Sylke Gottlebe bereits bei ihrer Berufung kurz nach dem letztjährigen Festival postuliert hatte. Als langjährige Wegbegleiterin des Filmfestes Dresden, die bereits 1997 bis 2001 das Festival leitete und seit 2014 Mitglied der Internationalen Sichtungskommission des Filmfestes Dresden war, tritt Gottlebe in bekannte Fußstapfen. „Für mich war es zuerst einmal wichtig, Kontinuitäten im Programmgerüst zu stärken und zu festigen“, erklärt sie. Für die Zukunft möchte sie dann die Wettbewerbe noch weiter öffnen, mehr Raum für Experimentelles und hybride Formate schaffen.

Ihr Enthusiasmus wird ausgerechnet im Jubiläumsjahr durch finanzielle Engpässe gebremst. Während das Preisgeld mit insgesamt 67 000 Euro dank stabiler Fördergeber geringfügig höher ausfällt als im vergangenen Jahr, hinterlassen nicht verlängerte Hauptsponsorenverträge und mehrere verfehlte institutionelle Förderanträge (namentlich an die Stadt Dresden sowie die EU) ein spürbares Finanzierungsloch. „Besonders bitter für uns als Veranstalter ist, dass wir dadurch Spielstätten wie das Societaetstheater oder auch das Kino in der Fabrik, das besonders für das Jubiläumsjahr eigentlich ein Wunschspielort gewesen wäre, nicht mit hineinnehmen konnten“, erklärt Sylke Gottlebe. Viele Fachveranstaltungen wurden stattdessen zusätzlich in die Schauburg verlegt. Neben Thalia-Kino, Programmkino Ost und dem Kleinen Haus des Staatsschauspiel sind aber auch die benachbarten Kulturorte „Hole of Fame“ und „Phase IV“ (wieder) Austragungsorte für Diskussionsforen und Rahmenprogramm.

Ob die Schauburg-Großbaustelle in knapp vier Wochen soweit beendet ist, dass das Festivalvolk barrierefrei Einzug halten kann, scheint ambitioniert, aber machbar. „Da heißt es: Daumen drücken“, zeigt sich die Festivalleiterin optimistisch. Auf jeden Fall gebe es keinerlei Abstriche beim Programm. Das ist prall gefüllt und greift das 30. Jubiläum an vielen Stellen auf. Allem voran beim Themenschwerpunkt Europa. Hier widmet sich das Filmfest den politischen und sozialen Umbrüchen gleichermaßen wie dem gesellschaftlichen Wandel, den wir alle durchleben. 30 Jahre Europa verbinden sich mit 30 Jahren bewegter Festivalgeschichte und einem Rückblick auf drei Dekaden Filmentwicklung. Dabei haben die Sonderprogrammmacher einige Perlen ausgegraben, wie etwa den Film „Cycling the Frame“ von Cynthia Beatt von 1988 mit Starbesetzung (Tilda Swinton) oder den DDR-Wendezeitfilm „Imbiß-Spezial“ von 1990, der die Agonie der DDR zwischen Mauerfall und Wiedervereinigung zeigt.

Daneben behandelt das Sonderprogramm auch Neudefinitionen von Grenzen im cineastischen Kontext und fragt zugleich nach europäischen Zukunftsvisionen. Eines der Highlights ist die Masterclass mit der ungarischen Regisseurin Ibolya Fekete am 21. April nebst Screening ihres Films „Bolshe Vita“.

Das maßgeblich durch ein Jugendkuratorium ausgewählte Kinder- und Jugendfilmprogramm teilt sich in drei Alterssparten und ist in diesem Jahr während der Festivalwochentage (18.-20.4.) auch für individuelle Gruppentermine von Schul- oder Kitagruppen buchbar.

Zudem wird im Jubiläumsjahr ein neuer Preis vergeben: „Goldener Reiter* für GeschlechterGerechtigkeit“, gestiftet von den Landesarbeitsgemeinschaften Jungen- und Männerarbeit Sachsen e.V., Queeres Netzwerk Sachsen e.V. und dem Genderkompetenzzentrum Sachsen. „Wir wollen uns damit für sexuelle Vielfalt in Sachsen und im Kurzfilm einsetzen“, erklärt Pressereferent Enrico Damme von der LAG Jungen- und Männerarbeit Sachsen. Das Sternchen hinter ‚ihrem Reiter’ steht als Zeichen dafür, dass die Preisgeber gerne auch einen alle Geschlechter einfassenden Titel vergeben möchten. „Am Reitermotiv arbeiten wir noch“, erklärt Damme schmunzelnd. Zur Vergabe soll „der“ Reiter auf jeden Fall etwas umdekoriert werden, frohlockt er.

(Nicht nur) für alle langjährigen Wegbegleiter dürfte die druckfrische, 90-seitige Festivalchronik ein Nostalgieführer sein, der die Geschichte des Filmfests mit seinen variantenreichen Festivalmotiven auf den Umschlagseiten über die verschiedenen Einzelstationen im Zeitstrahl bis hin zu den Festivalgeschichten und -ausblicken in ausführlichen Texten von Wegbegleitern und Festivalgestaltern bild- und wortreich illustriert. Angesichts der aktuellen Finanzierungsquerlage bekommt der Schlussbeitrag der Chronik (mahnende Wort der Initiative für faire Arbeit unter dem Titel „Rechtsfreier Raum Filmfestival“) einen gewissen bitteren Beigeschmack.

Keiner üppigen Finanzierung, sondern vor allem dem engagierten Team an (Kurz-)Filmspezialisten und -enthusiasten dürfte es denn auch zu verdanken sein, wenn das Filmfest der sächsischen Landeshauptstadt im April wieder einmal ein Frühjahrsevent von europäischer Strahlkraft beschert.

30. Filmfest Dresden, 17.-22. April 2018. Der Kartenvorverkauf beginnt heute.

www.filmfest-dresden.de

Von Susanne Magister

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