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Enge Verbindungen auch nach Dresden - dem Tänzer und Choreographen John Neumeier zum 70.

Enge Verbindungen auch nach Dresden - dem Tänzer und Choreographen John Neumeier zum 70.

Wenn John Neumeier heute seinen 70. Geburtstag feiert, ist das nächste Jubiläum auch nicht mehr weit. Im kommenden Jahr schon steht das für ihn wahrscheinlich wesentlich wichtigere Jubiläum an, dann leitet er vierzig Jahre das Hamburger Ballett.

Das dürfte einmalig sein in der deutschen Ballett- und Tanzgeschichte und weltweit wahrscheinlich auch.

Die Karriere des Tänzers und Choreografen, der 1942 in Milwaukee, Wisconsin, geboren wurde und dort seinen ersten Ballettunterricht erhielt, ist in ihrer Art beispiellos. Später setzte er seine Studien in Kopenhagen und an der Londoner Royal Ballet School fort. Seine choreografische Begabung zeigte sich früh, erste Kreationen entstanden schon an der Marquette University seiner Heimatstadt, u.a. für Schauspielproduktionen, vor allem aber für Musicals. Elemente dieser frühen Erfahrungen werden immer wieder aufblitzen. Als ihn Marcia Haydée nach Stuttgart holt, beginnt eine Karriere, die auch im 70. Lebensjahr anhält. In Stuttgart ist John Cranko dabei, das Ballett der Staatsoper in die erste Reihe der internationalen Ballettwelt zu führen. Der junge Tänzer John Neumeier im Corps de ballet findet Beachtung mit seinen Arbeiten und präzisiert seine Kunst auf der Bühne, im Ballettsaal und am Regiepult in der Zeit von 1963 bis 1969. Dann schlägt die Stunde des Choreografen John Neumeier, er wird Ballettchef in Frankfurt am Main. Nach Crankos frühem Tod im Juni 1973 ist er der unbestrittene, hoffnungsvollste junge Choreograf in Deutschland und steigt bald auf in die europäische Liga, man holt ihn nach Bayreuth auf den grünen Hügel, nach Salzburg zu den Festspielen. In Frankfurt entsteht eine seiner schönsten Choreografien, seine Version von Tschaikowskis "Nussknacker", die auch für zwölf Jahre zu den Glanzpunkten des Dresdner Repertoires gehörte.

Kein Geringerer als August Everding holt Neumeier nach Hamburg. Mit Beginn der Saison 1973/74 betritt er hier Neuland im wahrsten Sinne des Wortes, denn von Hamburg als Ballettstadt hatte man bis dahin so gut wie nichts vernommen. Das sollte sich ändern. Nach kleinen Startschwierigkeiten tanzt sich das Hamburger Ballett an die internationale Spitze, in fast vierzig Jahren kontinuierlicher Arbeit hat sich das auch kaum geändert, Hamburg und Neumeier gehören als Begriff zusammen, und man muss nicht unbedingt Ballettfan sein, um davon schon mal gehört zu haben. Neumeier geht auf sein Publikum zu, er nutzt die Medien, und - auch das dürfte einmalig sein - seine Matineen, in denen er das Publikum mit der Kunst des Tanzes in der ihm eigenen freundlichen Art vertraut macht, werden vom NDR-Fernsehen ausgestrahlt, dafür gibt es 1978 eine "Goldene Kamera".

Was macht die Besonderheit des Menschen und Künstlers John Neumeier aus? Man wird der Sensibilität seiner Menschenzeichnungen in den großen Handlungsballetten oder seiner tänzerischen Annäherungen an das symphonische Werk Gustav Mahlers näher kommen, wenn man weiß, dass Neumeier selbst keinen Künstler, keinen Tänzer, keinen Choreografen als die wichtigste Person seines Lebens bezeichnet. Es ist Father John Welch, diesen Geistlichen nennt er den "Mentor und wichtigsten Freund" seines Lebens. Es gibt kaum ein Werk des Choreografen ohne spirituelle oder geistige Dimensionen. Da fallen einem seine Choreografien von Bachs Matthäuspassion oder Mozarts Requiem ein, beide auch in Dresden zu sehen, die Passion am 13. Februar 1992 in der Semperoper und das Requiem im März 1995.

Schon bevor die dritte Semperoper wieder eröffnet war, bevor die Grenzen gefallen waren, 1981 gastierte die Hamburger mit Mahlers Sinfonie Nr. 8 und Mendelssohns "Ein Sommernachtstraum" im damaligen Großen Haus. Von Beginn an, in den Handlungsballetten, deren Gattung durch Neumeier nach Cranko die entscheidende Aufwertung im 20. und nun auch im 21. Jahrhundert erfuhr und erfährt, es sind die gebrochenen Charaktere, die ihn interessieren und denen er besondere Würde gibt. Die zerbrechlichen Frauen, Marguerite Duval, "Die Kameliendame" oder Blanche DuBois in "Endstation Sehnsucht", beide Choreografien als Gastspiele aus Hamburg und Stuttgart auch in Dresden. Ein großer Wurf gelingt ihm mit "Illusionen - wie Schwanensee" im Hamburger Tschaikowski-Zyklus besonders mit dem zerrissenen König, der deutliche Züge des Bayernkönigs Ludwig II. trägt. Im Dezember 2000 feierte das Werk seine Dresdner Premiere. 1992 hatte Neumeier erstmals mit dem hiesigen Ballett gearbeitet und seine Choreografie "Tristan" zur Musik von Henze einstudiert. Es folgten 1995 "Mozart und Themen aus "Wie es euch gefällt", 1996 in einem dreiteiligen Abend die Uraufführung "Der Nachmittag eines Fauns" und 1997 "Nussknacker".

Mit den Arbeiten von John Neumeier wird das Dresdner Ballett zu Gastspielen eingeladen, nach Venedig ins berühmte Teatro La Fenice, zu den Hamburger Ballettagen, nach Basel oder nach Palermo. Man versteht seine Tanzsprache auf der ganzen Welt, denn sie vermag über Wissen und Traditionen hinaus, erhaben über Kategorisierungen wie Modernismus oder Traditionalismus, zu berühren. Neumeier spürt den Regungen menschlicher Seelen nach und verwandelt diese in beseelte Bewegungen. Unvergesslich seine Sicht auf den Tänzer, dem die Moderne des Tanzes wohl die wichtigsten Impulse verdankt, Vaslav Nijinsky und die Ballets Russes. Und jüngst brachte er in seiner bislang letzten Hamburger Kreation wieder eine verletzte Seele zum Tanzen, den kantigen, kriminellen Rummelplatzhallodri "Liliom" nach Ferenc Molnárs dramatischer Vorlage.

John Neumeier wird 70. Stillstand oder verklärende Rückschau sind nicht die Merkmale dieses Tänzers und Choreografen. Er wird weiter tanzen, er wird neue Themen finden und immer neue Menschen, die sich durch Bewegung bewegen lassen. Mit siebzig geht der Blick nach vorn, wohin auch sonst. Herzlichen Glückwunsch aus Dresden!

Horst Koegler, John Neumeier - Bilder eines Lebens, 250 Seiten, Fotos, Hamburg 2010

John Neumeiers Ballett-Werkstatt, 3 DVD, 530 Minuten, ARD Video

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 24.02.2012

Boris Michael Gruhl

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