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Endlose Geschichte der Vergeblichkeit: Tereza Bouckovás Buch "Das Jahr des Hahns"

Endlose Geschichte der Vergeblichkeit: Tereza Bouckovás Buch "Das Jahr des Hahns"

"Das Jahr des Hahns" ist ein Buch von dokumentarischer Unerbittlichkeit. Eines über die aufopferungsvolle Mühe, adoptierten Kindern Geborgenheit in der Familie zu geben; darüber, wie das scheitert.

Und wie eine Schriftstellerin und Mutter versucht, damit fertig zu werden. Es ist eines der persönlichsten Bücher von Tereza Boucková, Tochter des Schriftstellers Pavel Kohout, die am 24. Mai 58 Jahre alt wird. "Rok kohouta", der Originaltitel, spielt mit dem berühmten Namen. 2008 fand es in der Tschechischen Republik viele begeisterte Leser. Jetzt ist es, stellenweise etwas sperrig übersetzt von Ulrike Helmke und Raija Hauck, auf Deutsch erschienen.

Roh, unbehauen wirkt diese Prosa, atemlos, ausweglos. Nein, kein ästhetisches Erlebnis, sondern der nackte Alltagskampf einer Schriftstellerin und Drehbuchautorin, die zwei Söhne adoptiert hat, ehe sie selbst einen dritten Sohn bekam. Keine gebaute Romanarchitektur, alles bis ins Detail nur tagebuchartig notiert, geradezu herausgeschleudert. Als eine, wie es einmal heißt, "endlose Geschichte der Vergeblichkeit".

Die Erzählerin, erkennbar identisch mit der Autorin, vermag die verhaltensgestörten Jungs nicht auf einen Lebensweg mit Verantwortungsgefühl zu bringen. Nicht mal das Erziehungsheim bietet einen Ausweg. Dieses Buch spitzt Fragen nach Verantwortung, Pflichten, Rechten von Eltern aufs äußerste zu. Wir begleiten eine Frau am Rande des Zusammenbruchs. Bald glücklich im Schreiben, bald in emotionale Abgründe von Selbstzweifeln stürzend, bis zu Selbstmordgedanken: "Wie kann ich über einen Film und seine Realisierung nachdenken, wenn ich zu Hause sowas habe?"

Geboren im "Jahr des Hahns", muss sie sich als "einsamer Hahn" begreifen: "dieser Hahn muss auf der Suche nach seiner eigenen Identität unter dem Gefühl der Einsamkeit leiden". Auch ihrem Mann gegenüber, der sich mehr für sein Rennrad als für sie interessiert.

Kurze Rückblenden erinnern an die illegale Kunstproduktion der tschechischen Dissidenten. Sarkastisch, mit illusionslos genauem Blick registriert sie, was nun, 2005/2006, da die Dissidenten Präsidenten geworden sind, davon übrigbleibt. Feiern, die zum "Aufmerksamkeitsspiel" werden: "Wir waren doch hauptsächlich hier, um vorzuführen, dass wir hier sind."

Vergeblichkeit lähmt. Doch berichten Menschen einander davon, können sie sich aufrichten. Auch dies schildert das Buch. Aus Selbstschutz müssen die Eltern sich von den beiden Söhnen trennen. Ohne Schmerzen und Selbstvorwürfe ist das nicht zu haben. Am Ende gesteht die Erzählerin sich immerhin zu: "Und ich behaupte trotz allem, dass wir uns gut gekümmert haben, so gut wie wir konnten." Das ist alles anderes als billiger Trost. Aus diesem Buch geht man mit der beunruhigenden Erkenntnis, dass in Beziehungen immer der höchste Preis zu zahlen ist.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 19.05.2015

Tomas Gärtner

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