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Empfehlenswert: Sandra Strunz' Inszenierung von Arthur Millers "Alle meine Söhne" im Kleinen Haus

Empfehlenswert: Sandra Strunz' Inszenierung von Arthur Millers "Alle meine Söhne" im Kleinen Haus

Der amerikanische Dramatiker Arthur Miller ist signifikant in seinen Geschichten, erzählt von Familien und diversen Geheimnissen, von der Sehnsucht nach einer heilen Welt.

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Entschwundene Erwartungen bei Joe und Kate Keller (Ben Daniel Jöhnk und Rosa Enskat).

Quelle: Matthias Horn

Da geht es um vermeintliche Idyllen, wo es unter den Füßen, in den Seelen brodelt, wo jeglicher sich in die Gesellschaft einzupassen, sich ihr zuzuordnen, zu funktionieren sucht. Bis sich schließlich Verborgenes Bahn bricht, einige wenige aufbegehren und das Kartenhaus einstürzt. Wer wollte da ernsthaft behaupten, diese Themen seien längst nicht mehr up to date. Und das 1947 entstandene Stück Millers "Alle meine Söhne" sei ohne Relevanz für die Gegenwart, wie ein Neunmalkluger nach der Aufführung im Kleinen Haus seinen "Jüngern" zu verkünden weiß. Zumal die jüngste Inszenierung von Sandra Strunz am Staatsschauspiel Dresden beweist, dass es beileibe nicht so ist. Und schon gar nicht, wenn es um die stets aktuelle Frage der Kriegsgewinnler geht. Das Publikum reagiert sehr aufmerksam und mit spürbarer Neugier, verwöhnt alle Beteiligten mit viel Beifall.

Zunächst scheint auf der Bühne noch alles überschaubar zu sein in der Familie des Geschäftsmannes Joe Keller (Ben Daniel Jöhnk), der offenbar alles bestens im Griff hat und nur ab und an mal aus der Haut fährt. Lediglich das Verhalten seiner Frau Kate (Rosa Enskat) wirkt etwas aberwitzig, will sie doch Jahre später noch nicht glauben, dass ihr verschollener Sohn Larry tatsächlich als Pilot im Krieg umgekommen ist. Strunz inszeniert dieses Familien- und Zeitdrama, dessen Hintergründe sich immer mehr entblättern, zunächst so, als würde es sich wie ein Abbild im Fixierbad befinden. Da sind die wenigen Handelnden zwar bald auf der Bühne versammelt, aber sie agieren merkwürdig konstruiert. Und das in der denkwürdig "aufgefüllten" Szenerie von Bühnenbildner Simeon Meier, mit jeweils aufgereihten, erdfarbenen und so halbwegs standfesten Figuren aus Schaumpolystyrol, deren "Identität" sich in der Folge noch erhellen wird. Vor allem dann, wenn sie als Schatten der Vergangenheit immer stärker in das Geschehen einbezogen sind, zur Metapher dafür werden, dass es nichts Gegenwärtiges ohne Vergangenes geben, sich keiner wahrhaft von Schuld reinwaschen kann.

So erscheint das fragile Gefüge einer verschworenen Gemeinschaft zunächst irritierend überzeichnet und in der Bewegungssprache stilisiert. Wobei die Regisseurin stets auch für ein Aufmerken sorgt. Sei es nun mit jener Figur, die in der Geschichte als entwurzelter (Lebens-)Baum von Larry umgestürzt wird, dem abgenutzten herrschaftlichen Sessel, der mit Joe erdrückend gewalttätig werden kann, oder in der Art und Weise, wie die Figuren - ständig neu formiert, auf den Haufen geworfen, umarmt, geküsst oder auch aggressiv misshandelt - ebenso zum schützenden Nest werden können wie zum schwammigen Balancierhügel. Auch im Umgang mit Sprache (die Aufführung nutzt die Übersetzung von Berthold Viertel/überarbeitet von Bernd Schmidt) setzt Strunz merkliche Zeichen, die erahnen lassen, wer da was und wie zu verbergen hat und um welche Interessen es geht.

Die wohl denkwürdigste Verwandlung vollzieht an diesem Abend Benjamin Pauquet, der sich vom gefügigen Sohn Chris (in dieser Rolle war in der verharmlosenden amerikanischen Verfilmung von 1948 Burt Lancaster zu erleben) in grenzenloser Enttäuschung zum erbitterten Ankläger des Vaters entwickelt. Und nicht minder gelingt es auch den beiden Frauen im Stück, ihr Verhalten glaubhaft zu machen. Rosa Enskat als Kate ist beileibe nicht nur die verzweifelt Trauernde, sie versucht vielmehr als Mitwisserin der verdrängten Schuld ihres Mannes, dessen Unternehmen wissentlich mit fehlerhaftem Kriegsmaterial den Tod von 21 amerikanischen Piloten verursacht hat, quasi die schicksalhafte Verknüpfung der Ereignisse zu leugnen. Und weiß schließlich als erste um die Konsequenzen der Aufdeckung dieser folgenschweren Betrügerei.

Karina Plachetka ist als Ann Deever, einstige Verlobte von Larry und Tochter des verurteilten und inhaftierten Geschäftspartners von Joe Keller, offenbar für etliche Männer ein Objekt der Begierde, auch für Joe oder den Nachbarn Frank (Jan Maak), vor allem aber schon seit Kindheitstagen und nun mit berechtigter Hoffnung für Chris. Wenn Ann letztendlich als blonde Schöne im himmelblauen Tanzkleid (Kostüme: Ellen Hofmann) zerrupft und desillusioniert die beste Lösung für ihr eigenes kleines Glück sucht, ahnt man, dass es bei dieser Geschichte keine Gewinner, keine Überlegenheit geben kann. So ist es nur konsequent, wenn Strunz im Schlussbild jegliches theatrale Spiel fast völlig ausblendet.

nächste Aufführung: 31.5.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 28.05.2015

Gabriele Gorgas

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