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Regional Elbland Philharmonie-Spieler beschenkt bolivisches Schulorchester
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07:31 07.04.2018
Instrumente Amazonas Quelle: Gerberth
Dresden/Urubichá

24 Stunden Flug, 10 Stunden Busfahrt durch den tiefen Dschungel, dann erst ist Christoph Gerbeth in Urubichá bei den Guarayos, den Indios in dem 5000-Seelen-Dorf im bolivianischen Südamazonien.  Für sie packt er 24 Waldhörner ein, genauer gesagt für ihr Schulorchester. Indios und Waldhörner? Klassische Musik im Amazonas? In Die Frage ist berechtigt. In Urubichá gibt es nur einfache Lehmhütten, giftige Schlangen sowie Esel, Schweine und Hühner. „Und eine Musikschule“, sagt Christoph Gerbeth und lacht. „Wenn im Dschungel bei brütender Hitze das Schulorchester die Wilhelm-Tell-Ouvertüre von Rossini losschmettert, da bleibt kein Auge trocken“, meint er. Der Solo-Oboist der Elbland Philharmonie Sachsen spart nicht mit Anerkennung, als er über den Jahresarbeitsplan dieses Schulorchesters berichtet: „Ich stand mit offenem Mund vor diesem Plan. Diese Kinder spielen das ganze klassische Repertoire. Brahms, Beethoven, Tschaikowski, alles – und natürlich auch die barocken Meister.“

Um die Vorliebe für die barocken Meister aber zu erklären, müsse man in die Geschichte zurückblicken, so Christoph Gerbeth. Ende des 17. Jahrhunderts hatten die spanischen Kolonialherren die rohstoffreichen Andengebiete Südamerikas längst mit Schwert und Gebetbuch erobert, die Ureinwohner versklavt oder ermordet. Aber bis in den Dschungel des tropischen Tieflandes waren sie noch nicht überall vorgedrungen. So auch nicht in Bolivien. Dort gründeten Jesuiten zwischen 1691 und 1760 zehn sogenannte reducciones jesuíticas. Und sie brachten die barocke Musik mit: Noten und Instrumente. Die Klänge, so der Radebeuler, sollten die Indios anziehen, sie auf die neue Religion, das Christentum, neugierig machen. „Mit Gottes Hilfe und mit Pauken und Trompeten wollte man die Ureinwohner bekehren“, sagt er und auch, dass der Versuch nicht erfolglos geblieben sei. Nicht nur die Guarayos interessierten sich für die Barockmusik, auch viele andere Ureinwohner im Amazonas. Musik war für sie immens wichtig, sie stellte – so ihr Glaube – die Verbindung ins Jenseits her. Bald bauten sie selbst Instrumente, schrieben Messen und Opern.

„Alle Dörfer haben jetzt ihre Orgel, viele Geigen und Baßgeigen aus Zedernholz, Clavicordia, Spinette, Harfen, Trompeten, Schalmeien. Diese Indianerknaben sind ausgemachte Musikanten; sie statten alle Tage in den heiligen Messen mit ihrem Singen und Musizieren dem Herrgott das schuldige Dankeslob ab. Ich darf behaupten, dass sie mit ihrer Musik in jeder Stadt und Kirche zu eurer großen Verwunderung erscheinen konnten“, schrieb der Schweizer Jesuit Martin Schmidt in einem Brief im Jahr 1744. Nur wenig später aber verjagten die Spanier die Jesuiten, kamen die Franziskanermönche. Die musikalische Tradition jedoch lebte in den Dörfern weiter.

Und ganz offensichtlich nicht nur dort, weiß Christoph Gerbeth. Er berichtet von dem jungen Franziskanermönch, der 1950 einem jahrhundertealten Gerücht nachging. Angeblich sollte im Dschungel noch ein Indianerstamm leben, eine Untergruppe der Tupi Guarani, eben die Guarayos, Sie entzogen sich den Machtkämpfen um das Kolonialgebiet und versteckten sich im subtropischen Dschungel. „Pater Walter Neuwirth folgte einer Spur, ist mit dem Einbaum 14 Tage durch den Amazonas gepaddelt“, sagt er und auch: „Er hat sie gesucht und gesucht. Er war schon kurz vor dem Aufgeben. Am letzten Tage dann hörte er sie singen – die Geige tief im Urwald. Er folgte dem Klang und fand das Volk wieder, die Guarayos.“

24 Stunden Flug, 10 Stunden Busfahrt durch den tiefen Dschungel, dann erst ist Christoph Gerbeth in Urubichá bei den Guarayos, den Indios in dem 5000-Seelen-Dorf im bolivianischen Südamazonien.  Für sie packt er 24 Waldhörner ein, genauer gesagt für ihr Schulorchester

Der Franziskanermönch muss aus dem Staunen nicht herausgekommen sein. Denn auch wenn diese Indianer keiner Schriftsprache mächtig waren: Bach und Vivaldi spielen konnten sie dennoch. Christoph Gerbeth kommt ins Schwärmen, als er davon erzählt: „Sie haben die Noten verkehrt herum gehalten. Und dennoch konnten sie spielen. Sie haben alles mündlich weitergegeben, über 200 Jahre lang. Das ist doch unglaublich, oder? Und aus der Musikbegeisterung dieses Ureinwohnervolkes ist eine Musikschule entstanden, mitten im Amazonas, am letzten Zipfel dieser Erde, dahinter befindet sich nur noch grüne Hölle. Und diese Musikschule hat 800 Kinder von 1600 schulpflichtigen Kindern im Dorf.“ Das Schulorchester mit dem beeindruckenden Jahresplan geht längst auf Tournee, spielt regelmäßig auf Festivals in Bolivien, Venezuela, Chile und Argentinien und auch in Deutschland.

Der Solo-Oboist der Elblandphilharmonie ist nun für vier Wochen in der Moxos-Ebene im nördlichen Tiefland von Bolivien. Im Gepäck befinden sich auch zehn der 24 Waldhörner, sie alle sind eine großzügige Spende eines großen Musikhauses in Freiburg. Inzwischen ist die kostbare Fracht in Santa Cruz eingetroffen, nur seine Hörner liegen noch beim Zoll. Es fehlt noch eine Unterschrift vom Bildungsministerium in La Paz. Christoph Gerbeth bleibt zuversichtlich. Er ist bereits das dritte Mal in Bolivien, als Instrumentenkurier und diesmal auch als Lehrer. Ehrenamtlich natürlich. Möglich sei das auch durch den Senior Experten Service Bonn der Bundesregierung, der den Einsatz mitfinanziert, erklärt der Radebeuler. Er sagt aber auch: „Ohne meine Familie, aber auch ohne meine Kollegen der Elbland Philharmonie Sachsen wäre dieser Einsatz überhaupt nicht denkbar. Sie haben nicht nur Spenden gesammelt, sie sichern auch meinen Dienst im Orchester ab. Das kann ich gar nicht genug würdigen.“

Die Kinder der Musikschule in Urubichá warten schon sehnsüchtig auf die Waldhörner aus Deutschland, Christoph Gerbeth auch. Er hat schließlich nur vier Wochen Zeit zum Unterrichten. Dann muss er wieder zurück zu seinem Orchester. Den Klang von Urubichá aber wird er nicht vergessen. Denn die Kinder der Musikschule üben fleißig: in den Lehmhütten, in der Kirche und auf den Wiesen. Und so erklingen sie überall: die Streicher und Trompeten, Fagotte und Klarinetten, Harfen und Posaunen – und hoffentlich bald auch die Waldhörner.

Von Adina Rieckmann

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