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Eivind Aarset spielte in der Tonne

Hohe Erwartungen Eivind Aarset spielte in der Tonne

Die Idee mit dem Wein ist gut. Denn das Tonne-Publikum ist ja teilweise durchaus in die Jahre gekommen, in denen man einen guten gekelterten Tropfen dem Hopfen-Trunk vorzieht – und wenn speziell auf die Künstler abgestimmte Weine kredenzt werden, reizt das allemal zum Probieren.

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Eivind Aarset in der Dresdner Tonne.

Quelle: Matthias Creutziger

Dresden.

Es ist die besondere Formation aus E-Gitarre und E-Bass sowie zwei Mal Drums und Percussions – plus ein paar sparsam eingesetzte Extra-Schmankerl – die die Band prägt. Plus die „Herkunft“ des Chefs vom harten Rock. Und so tut sich in diesem Konzert wirklich eine ganz eigene Welt auf. Das, wovon zumindest alle Jazzer träumen, hier wird es Wirklichkeit: Die Songs entfalten sich komplett neu und ziehen das Publikum absolut in ihren Bann.

Keine Show, keine Ansage, nichts außer der Begrüßung und der wiederholten Nennung der Band-Mitglieder, allesamt diese norwegischen Namen, die einen stets an Hobbit-Filme denken lassen: Audun Erlien am Bass, Wetle Holte an Drums, Erland Dahlen an Drums, Percussions und einmal, wenn wir uns nicht getäuscht haben, einer Vina, einer liegend gespielten Sitar. Und natürlich Eivin Aarset mit seinen Gitarren und den Sound-Pedalen.

Er selbst ordnet sich nicht unbedingt unter Jazz ein, sagte Aarset einmal in einem Interview – ohne zu benennen, wo er sich eher verorten würde. Und so wird es beim Jazz bleiben, der offensten aller Schubladen. Denn die Stücke können allerbestes Ambiente bieten, wie es Brian Eno erfand, bevor man von Perversionen des Genres in den Fahrstühlen und Wellness-Oasen der Welt gemartert wurde.

So beginnt es auch in der Tonne derart sphärisch und leise, dass man noch vereinzeltes Gläserklirren im Publikum hört – der Wein! Aber sofort ist da auch Aarsets prägnante E-Gitarre, der seinen Urahnen Jimi H. nie verleugnet, und seien die Töne auch noch so vereinzelt eingesprengselt. Und Aidun Erlien spielt den Bass als kongenial Geistesverwandter. Da entsteht eine Melodie, die man gar nicht so nennen will, und sie schmiegt sich an das Meeresrauschen, das die beiden Drummer erzeugen. Und prompt entsteht aus der Welle heraus etwas Rockigeres, etwas, das die gesamte volle Tonne nach oben trägt – und hält. Es nimmt Fahrt auf, wird voll und fett und auf einmal ist der Gedanke an „Pictures of an Exhibition“ von Emerson, Lake & Palmer da. Schief wie jede Assoziation bei dieser einzigartigen Musik notwendig sein muss, aber eine Näherung. Das menschliche Gehirn ist so...

„Planetarium“ ist eine andere Idee – keinesfalls despektierlich gemeint. Filmmusik sind diese Klänge keinesfalls, oder höchstens für einen sehr, sehr experimentellen Streifen. Aber in einem Planetariums-Sessel zu liegen, während man lauscht, das wäre noch eine Steigerung des Wohlbefindens (natürlich mit dem Wein...) Und ja, auch Pink Floyd gehörten zu den Einflüssen des jungen Norwegers Aarset.

Im zweiten der langen, langen Stücke meint man nach einem fast trägen Dahinplätschern regelrechtes Wasser-Tröpfeln zu hören, das mehr und mehr verfremdet wird. Kunstvoll auch das. Wenn man ein Stilmittel benennen müsste, so wäre es das: Alle Instrumente, alle eingespielten Sounds und Effekte gleich immer zumindest ein wenig zu verfremden; Hörgewohnheiten stets gleichzeitig anzusprechen, herauszufordern und auf die Probe zu stellen. Bis auf die Ausbrüche in den „richtigen“ Rock, wenn die Tonne in fantastischem Sound bebt und der Rhythmus durch einen hindurchfließt. Intelligente Rockmusik? Intellektueller Hardrock? Sagt Jazz nicht tatsächlich einfach alles?

Niemals wird die Spannung aufgegeben. Keine noch so leise, langsame Passage, in der man nicht dennoch aufs Äußerste gespannt wäre auf das, was da passiert, als nächstes passieren wird. Stets zählt jeder einzelne Ton – inklusive der Art und Weise, wie Wetle Holte und Erland Dahlen an ihren Schlagwerken diese unter sich aufteilen. Mitunter ist man geneigt, es als perfekte Konzeptmusik anzusehen, die man so ebenso gut von CD hören könnte. Und dann bekommt man einen Blickkontakt, eine winzige Geste mit, die signalisieren: Nein, hier wird auch jazztypisch improvisiert.

Im zweiten Set sind die Stücke insgesamt rockiger, was gut so ist, was uns erdet, uns wappnet für die Welt da draußen, die so anders ist als solche Konzerte, zum Schluss mit einer regelrechten Hardrock-Gitarre aber auch richtig aufputscht. Entlassen werden wir dann aber mit einer sehr ruhigen und melodischen Zugabe. Sicherheitshalber? Damit niemand auf die Idee kommt, Drinnen und Draußen zu verwechseln?

Von Beate Baum

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